«Dann bin ich nicht mehr Lion, sondern Michi»
29.05.2026 GsteigWie lernt man dutzende Seiten Text auswendig? Wie fühlt es sich an, plötzlich jemand ganz anderes zu sein? Und warum wird ein Freilichttheater nach Wochen intensiver Proben fast zur zweiten Familie? Vier Schauspielerinnen und Schauspieler von «Soldat Vögeli» geben ...
Wie lernt man dutzende Seiten Text auswendig? Wie fühlt es sich an, plötzlich jemand ganz anderes zu sein? Und warum wird ein Freilichttheater nach Wochen intensiver Proben fast zur zweiten Familie? Vier Schauspielerinnen und Schauspieler von «Soldat Vögeli» geben persönliche Einblicke.
SONJA WOLF
Montagabend, es regnet in Strömen am Lätzgüetli. Während viele wohl lieber zu Hause bleiben würden, wird hier trotzdem motiviert geprobt. Unter Regenponchos, zwischen Requisiten und Scheinwerfern, feilen die Schauspielerinnen und Schauspieler von «Soldat Vögeli» konzentriert an ihren Szenen. Zwischen zwei Einsätzen erzählen vier von ihnen, warum sie das Theaterfieber nicht mehr loslässt.
«Mit Holzsohlen läuft man plötzlich ganz anders»
Miriam spielt Vreni, die scharfzüngige ältere Schwester auf dem Hof Sonnegg.
Sie haben schon bei mehreren Freilichttheatern wie dem «Farinet» oder dem «Schwarz Steff» mitgespielt. Was fasziniert Sie daran?
Es ist ein bisschen wie heimkommen. Viele Kollegen kennt man schon von früheren Produktionen, und sobald man wieder zusammen probt, ist es fast, als wäre keine Zeit vergangen. Im Theater begegnen sich oft Menschen, die im Alltag kaum Berührungspunkte haben – und plötzlich wird man wieder eine Einheit. Das «fägt» einfach.
Sie spielen die eher strenge und verbitterte Vreni. Wie findet man in so eine Rolle hinein?
Sehr stark über das Kostüm. Wir haben im Mai zum ersten Mal mit den richtigen Kleidern geprobt, und das macht extrem viel aus. Ich habe Schuhe mit Holzsohlen – plötzlich läuft man anders, bewegt sich anders. Wenn mir dann bei einer Probe der Rock fehlt, weil er bei der Schneiderin noch angepasst wird, fühle ich mich sofort wieder wie Miriam und nicht mehr wie Vreni.
Und wie lernt man rund 140 Sätze auswendig?
Ich habe nach der Lehre in Zürich eine Ausbildung zur Bewegungsschauspielerin gemacht. Da haben wir gelernt, möglichst immer etwas nebenher zu machen. Ich lerne oft beim Staubsaugen oder im Haushalt. Manchmal läuft sogar der Fernseher nebenbei.
Und wie bereiten Sie sich auf die Rolle vor?
Ich bin fast froh, dass ich einen recht weiten Weg von Gsteig bis zur Bühne hier habe. Jedes Mal, wenn ich von zu Hause losfahre, fange ich im Auto schon mit Stimmtraining an. Singen und reden – und für meine Rolle auch mal rumschreien und fluchen!
«Hier haben alle die Hauptrolle»
Dominik spielt den Soldat Vögeli.
Sie spielen den Soldat Vögeli. Ist das die Hauptrolle?
Nein, überhaupt nicht. Hier haben alle die Hauptrolle. Das Stück funktioniert nur als Ganzes. Es geht um die Familie, um den Zusammenhalt – und natürlich braucht es auch alle, die im Hintergrund arbeiten, damit es funktioniert.
Sie standen beim «Castellan» zum ersten Mal auf einer Freilichtbühne. Und jetzt gleich eine so grosse Rolle?
Ja, am Anfang bin ich schon ein bisschen erschrocken. Das ist natürlich ein rechter Einsatz mit so viel Text. Aber Schritt für Schritt ging es dann immer besser.
Wie lernt man neben Beruf und Alltag so viele Szenen?Vor allem durch Wiederholen. Ich lese den Text laut, immer wieder. Und zu Hause helfen meine Frau und meine Töchter beim Abfragen. Das ist fast ein Familienprojekt geworden.
Was gefällt Ihnen an «Soldat Vögeli» besonders?
Ich mag historische Stücke allgemein sehr. Das war schon beim «Castellan» so. Mich interessiert Geschichte und wie die Menschen früher gelebt haben.
Sind Sie vor den Aufführungen nervös?
Ja, sicher schon. Beim «Castellan» hatte ich nur eine kleinere Rolle. Jetzt ist es etwas anderes – vor allem, weil ich gleich zu Beginn auftreten muss.
«Ich kann zwei Stunden den Lion vergessen»
Lion spielt den leicht beeinträchtigten Knecht Michi.
Du bist mit 15 Jahren der Jüngste im Ensemble. Wie bist du überhaupt zum Theater gekommen?
Ich habe schon beim «Castellan» mitgespielt und auch bei «Badi 62» von Szenewechsel in Zweisimmen. Theater hat mich irgendwie immer gepackt.
Was ist das Besondere an deiner Rolle?
Ich spiele den Knecht Michi. Er ist ein Findelkind und lebt auf dem Hof. Er ist leicht geistig beeinträchtigt, aber gleichzeitig spürt er vieles sehr genau. Er bringt oft etwas Leichtigkeit hinein und macht sich weniger Sorgen als die anderen Figuren.
Und du bist tatsächlich in allen vier Akten dabei?
Ja – und ich habe sogar am meisten Text von allen. Aber Textlernen fällt mir eigentlich nicht schwer.
Wie lernst du denn deine Texte?
Meistens am Abend vor der Probe. Oder eine halbe Stunde vorher.
Typisch Schüler also?
(Lacht.) Ja, schon ein bisschen.
Die Zeit des Zweiten Weltkriegs ist für deine Generation extrem weit weg. Interessiert dich das trotzdem?
Sehr sogar. Ich habe vier meiner acht Urgrosseltern noch gekannt. Einer hatte Jahrgang 1926 und erzählte viel. Und weil sie selbst auf Bauernhöfen gelebt hatten, konnte ich für meine Rolle viel von ihnen abschauen.
Hast du Kollegen in der Schule, die auch so Theaterfans sind wie du?
Nicht wirklich. Es gibt ein paar, die es nicht interessiert, ein paar, die es nicht stört und ein paar, die mich sogar ein wenig auslachen. Es ist halt nicht so ein typisches Hobby wie «Schutte». Aber das ist mir egal, ich mache Theater lieber. Ich stehe dazu.
Was gefällt dir am Theater am meisten?
Dass ich zwei Stunden lang einfach jemand anderes sein kann. Ich kann den Lion vergessen und einfach der Michi sein. Das ist ein megacooles Gefühl.
Und was ist mit Lampenfieber?
Ich sterbe immer fast vor dem Auftritt. Wirklich. Kurz vorher frage ich mich jedes Mal: Warum mache ich das eigentlich? Aber sobald ich auf der Bühne bin, ist alles weg und ich bin in meiner Welt.
«Wenn ich weiss, wo der Satz auf der Seite stand, finde ich ihn meistens wieder»
Gerhard spielt den gutmütigen Hofbauer Armin.
Spielen Sie schon lange Theater?
Ja, und dieses Stück habe ich sogar schon einmal mitaufgeführt, damals noch in einer kleineren Version. Ruth Domke hat schon damals Regie geführt. Ich hatte damals allerdings nur eine kleine Rolle.
Was gefällt Ihnen an diesem Stück besonders?
Die ganze Geschichte dahinter. Und die Zusammenarbeit mit den Leuten hier. Viele kennt man schon lange. Das ist schon fast wie Familie.
Passt Ihre Rolle Armin gut zu Ihnen?
Ja, schon ein bisschen. Gutmütig – aber manchmal auch etwas aufbrausend. Das kenne ich schon auch von mir selber.
Und wie lernen Sie Ihre Texte auswendig?
Am besten lerne ich morgens. Ich stehe schon um 4 Uhr auf und lerne am Morgen im Bad beim Fertigmachen. Dann kann ich den Text den ganzen Tag im Kopf wiederholen. Ich muss einfach immer wissen, wo etwas auf der Seite steht.
Sie haben also ein fotografisches Gedächtnis?
Ja, ein bisschen. Wenn ich weiss: Dieser Satz stand oben rechts im zweiten Akt, dann finde ich ihn meistens wieder.





