Das Scheidbachhaus im Turbach gilt als vorbildliches, sogenannt «einfaches» Saanerhaus. In dieser Folge gehen wir diesem Haustyp genauer auf den Grund: Wir erklären, wie zwei ungleich grosse Stuben die Symmetrie aus dem Lot bringen können, wie sich dies an der Fassade ...
Das Scheidbachhaus im Turbach gilt als vorbildliches, sogenannt «einfaches» Saanerhaus. In dieser Folge gehen wir diesem Haustyp genauer auf den Grund: Wir erklären, wie zwei ungleich grosse Stuben die Symmetrie aus dem Lot bringen können, wie sich dies an der Fassade verrät und weshalb genau das typisch für Familienhäuser jener Zeit ist. Und natürlich darf die erstaunliche Geschichte des Verdingbuben Eugen Aellen nicht fehlen.
MARTIN GURTNER-DUPERREX
Das Scheidbachhaus von 1647 reiht sich nahtlos in die Tradition der Saanerhäuser ein. Ganz so, wie man es von einer Wohnstätte jener Epoche erwartet: Zierbänder aus Würfeln und Rauten, zwei bunte Rosetten mit Lilien. Dazu eine Inschrift in ehrwürdiger Antiqua, Jahreszahl inklusive, plus ein frommer Hausspruch – der Hof und Stall vor allerlei Ungemach schützen sollte. Auch der zentrale Dachfirst, die Blockkonsolen und die beidseitigen Aussentreppen spielen im Ensemble, das auf den ersten Blick symmetrisch wirkt, mit.
Das «einfache» Haus – eine Raumeinteilung mit Folgen
Der Schein trügt: Der Grundriss des Gebäudes ist nämlich asymmetrisch angelegt, was typisch für manche Wohnhäuser dieser Zeit ist und wohl schon lange vorher so war. Die Erklärung liegt im Inneren – bei den zwei Stuben im Hauptgeschoss: die eine gross fürs tägliche Wohnen, die andere kleiner fürs Schlafen. Der zahlreiche Nachwuchs? Der wurde in die Gaden verteilt – und bei Bedarf wohl auch im Wohnzimmer. Diesen Familienhaustyp nannte man «einfach». Wer es sich leisten konnte, baute «zweifach» – aber das ist eine Geschichte für eine andere Folge!
Sichtbar ist diese Asymmetrie von aussen durch die unterschiedliche Fensterzahl: Links im Stubengeschoss zählt man vier, im Gaden drei Fenster – rechts hingegen unten drei, oben zwei. Zudem bilden im Obergeschoss die Köpfe der Mittelwandhölzer zwischen den zwei Gadenzimmern – bedingt durch den Blockbau stossen sie durch die Fassade – eine senkrechte Linie, die ungeniert von der Mittelachse abrückt. Zwischen den unteren Stuben steht stattdessen ein massiver Mittelstollen. Darin sind die Hölzer der Stubenmittelwand sauber und unsichtbar in Nuten verankert – Ständerbau eben.
Glück im Unglück: das Schicksal eines Verdingbuben
Das Schicksal von Eugen Aellen, dessen Geschichte in mehreren Folgen einst im «Anzeiger von Saanen» abgedruckt wurde, ist bewegend. 1857 in Le Locle geboren, verlor Eugen früh seinen Vater und kam mit zehn Jahren ins Armenhaus von Saanen, der Heimat seiner Vorfahren – ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Er schilderte, wie die Kinder «wie Sklaven in Heidenlanden» ins Gemeindehaus geführt und den Bauern als Verdingbuben zugelost wurden. Viele dieser «Loskinder» seien misshandelt, ausgebeutet und ausgehungert worden, so seine eigenen Worte. Eugen hatte Glück: Er fand bei Johann Bendicht und Anna Maria Reichenbach-Frautschi im Scheidbachhaus ein neues Zuhause. Trotz harter Arbeit wurde er gut behandelt, lernte rasch Deutsch und erwies sich als sehr begabter Schüler. Dank der Unterstützung durch den Pfarrer und die Gemeindespendekasse konnte er das Lehrerseminar Muristalden besuchen. Danach unterrichtete er zehn Jahre an der Deutschschweizer Schule in Marseille, später in Basel, wo er 1903 – bloss 46-jährig – starb.
Quellen: Dokumentation Rubi-Fonds/Bendicht
Hauswirth, 2017; Christian Rubi: Das Saanerhaus des 17. Jahrhunderts, Buchdruckerei Müller, Gstaad; Anzeiger von Saanen, 9–19.11.1965 (Nrn. 89–92): «Aus dem Leben eines Saaner Losbuben» Das Scheidbachhaus wurde 2017 durch den Rubi-Fonds restauriert.