Das Erbe der Liebe, der Scham und der Erinnerung
20.10.2026 VorschauAuch dieses Jahr beteiligt sich die Abteilung Gstaad des Gymnasiums Interlaken am Festival Literarischer Herbst (22. bis 25. Oktober). Eine Autorin, welche dieses Jahr eine Lesung halten wird, ist Lena Schätte. Sie liest aus ihrem Roman «Das Schwarz an den Händen meines ...
Auch dieses Jahr beteiligt sich die Abteilung Gstaad des Gymnasiums Interlaken am Festival Literarischer Herbst (22. bis 25. Oktober). Eine Autorin, welche dieses Jahr eine Lesung halten wird, ist Lena Schätte. Sie liest aus ihrem Roman «Das Schwarz an den Händen meines Vaters», mit dem sich auch die Klasse 28s auseinandergesetzt hat.
Die Autorin
Lena Schätte wurde 1993 in Lüdenscheid geboren und ist eine deutsche Schriftstellerin. Ihr literarisches Debüt gab sie 2012 mit ihrem ersten Roman «Ruhrpottliebe». Nach ihrem Debüt arbeitete sie mehrere Jahre als Psychiatriekrankenschwester.
Im Jahr 2020 begann sie ein Studium des Literarischen Schreibens am Deutschen Literaturinstitut, um ihre schriftstellerischen Fähigkeiten weiterzuentwickeln.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt sie mit ihrem Roman «Das Schwarz an den Händen meines Vaters», der 2025 veröffentlicht wurde. Für einen Auszug aus diesem Roman erhielt sie 2024 den W.-G.-Sebald-Literaturpreis. 2025 stand das Werk auf der Longlist des «Deutschen Buchpreises» und wurde ausserdem mit dem Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Literatur ausgezeichnet. Ein weiterer bedeutender Erfolg folgte 2026: Lena Schätte gewann den Ingeborg-Bachmann-Preis für ebendiesen Roman.
Lena Schätte zeichnet sich besonders dadurch aus, dass sie persönliche Schicksale, familiäre Konflikte und soziale Wirklichkeiten auf eine authentische und emotionale Weise beschreibt.
Das Werk
In «Das Schwarz an den Händen meines Vaters» erzählt die junge Frau Motte von ihrem Aufwachsen in einer Familie, die stark von Alkoholabhängigkeit geprägt ist. Ihr Vater ist zugleich liebevoll und fürsorglich, aber auch durch seine Sucht oft unzuverlässig, wodurch Motte das Gefühl hat, zwei verschiedene Väter zu haben. Mit der Zeit gerät sie selbst immer mehr in ähnliche Verhaltensmuster und kämpft mit den Folgen ihrer Familiengeschichte. Als ihr Vater schwer erkrankt, beginnt sie, ihr Verhältnis zu ihm und zu sich selbst neu zu hinterfragen. Der Roman behandelt Themen wie Familie, Sucht, Liebe und Hoffnung auf einen Neuanfang.
Dass die Lektüre in der Ich-Perspektive geschrieben ist, ermöglicht den Leser:innen, sich in die Situation von «Motte» hineinzuversetzen, was die Personen im Buch, welche sie persönlich kannten, nicht immer oder nicht zur Genüge konnten. Auch dass die Szenen sich oft im Elternhaus abspielen, zeigt, dass die Aussenwelt von den Ereignissen hinter den verschlossenen Türen wenig wusste. Die Ich-Erzählerin ist sich aber in der Gegenwart im Buch noch immer sehr wohl bewusst, was geschehen ist – was dadurch ersichtlich wird, dass die Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit sie im Alltag immer noch genauso beeinflussen wie einschränken, so auch dass sie verschiedene Verhaltensweisen ihres Vaters adaptiert, wie zum Beispiel das Trinkverhalten später. Ein weiteres Beispiel dieser Adaption aus Mustern aus der Kindheit zeigt sich auch in Mottes Partnerwahl: Ihr Partner weist gewisse Verhaltensähnlichkeiten mit ihrem Vater auf und trotzdem fühlt sie sich nicht unwohl genug, um ihn zu verlassen. Dies zeigt, dass sie ihren Vater nie ganz losgelassen hat.
Obwohl sich der Zustand des Vaters mit der Zeit immer verschlechtert, behält Motte ihre starke Verbindung mit ihm. Wir vermuten, dass das einer der Gründe ist, warum auch sie später mit Suchtproblemen zu kämpfen hat.
Die Klasse 28s kommentiert
«Ich finde, es zeigt gut auf, wie prägend die erlebte Kindheit in ‹Problemfamilien› sich im Alter aufs Kind auswirken kann.»
«Die einfache und präzise Sprache hat den Lesefluss gefördert. Dadurch wird auch Raum geöffnet für Fragen, die weit über die konkrete Geschichte hinausweisen, beispielsweise wie uns unsere Herkunft prägt oder was von den Menschen bleibt, die wir lieb(t)en.»
«Das Buch gibt Einblick in eine komplexe familiäre Struktur, in der Traumata sich durch mehrere Generationen ziehen.»
«Ich finde, es ist spannend zu sehen, wie ein Kind seinen alkoholsüchtigen Vater versteht, zum Beispiel wenn es ihn mit einem ‹wütenden Elefanten› vergleicht.»
«Ich finde, dass die Emotionen der Hauptfigur sehr einfühlsam beschrieben wurden und durch diese emotionale Wahrhaftigkeit auch grosse inhaltliche Tiefe erreicht wurde.»
«Dass da noch ein ‹anderer› Vater ist, welcher mit der Zeit und dem ‹Alkohol› zunehmend verschwindet, ist eine Vorstellung, welche die Situation der Ich-Erzählerin sehr verständlich macht.»
«Das Buch zeigt sehr bewegend, wie unterschiedlich Menschen nach traumatischen Erlebnissen ihren Lebensweg fortsetzen und dass es Hoffnung geben kann.»
GYMNASIUM INTERLAKEN/KLASSE 28S

