«Das Festival darf nie zu einem Museum werden»
14.07.2026 KulturVor zwei Jahren kündigte Daniel Hope an, das Gstaad Menuhin Festival zunächst als Zuhörer kennenlernen zu wollen. Nun präsentiert der neue Intendant sein erstes eigenes Festival, passend zum 70-jährigen Jubiläum. Im Interview spricht er über den Spagat zwischen Tradition und ...
Vor zwei Jahren kündigte Daniel Hope an, das Gstaad Menuhin Festival zunächst als Zuhörer kennenlernen zu wollen. Nun präsentiert der neue Intendant sein erstes eigenes Festival, passend zum 70-jährigen Jubiläum. Im Interview spricht er über den Spagat zwischen Tradition und Erneuerung, die Bedeutung der Nachwuchsförderung und darüber, weshalb gerade in einer immer schnelleren Welt Livekonzerte wichtiger werden.
JOCELYNE PAGE
Vor zwei Jahren sagten Sie bei unserem Interview, Sie wollten das Festival zunächst aus Sicht des Publikums kennenlernen. Nun präsentieren Sie Ihr erstes Festival. Was haben Sie in diesen zwei Jahren herausgefunden?
Ich habe vor allem gelernt, dass dieses Festival weit mehr ist als eine grosse Konzertreihe. Es ist ein Ort mit einer ganz eigenen Seele. Viele Menschen kommen seit Jahrzehnten hierher, manche schon in der dritten oder vierten Generation. Diese Verbundenheit kann man nicht planen – man muss sie verstehen und respektieren. Gleichzeitig habe ich gespürt, welches Potenzial hier noch steckt. Das Festival besitzt eine aussergewöhnliche Geschichte, aber es darf nie zu einem Museum werden. Mein Ziel ist es, die Tradition zu bewahren und sie gleichzeitig behutsam weiterzuentwickeln.
Das Festival feiert seinen 70. Geburtstag. Worauf dürfen sich die Besuchenden besonders freuen? Gibt es einen Programmpunkt, der für Sie das Jubiläum am besten verkörpert?
Für mich verkörpert nicht ein einzelnes Konzert dieses Jubiläum, sondern die Vielfalt des gesamten Programms. Genau das war auch Yehudi Menuhins Idee: höchste musikalische Qualität, Offenheit und Neugier. Wenn ich dennoch einen Moment herausgreifen müsste, dann vielleicht das Fiddlefest. Dort treffen unterschiedlichste musikalische Traditionen aufeinander – Klassik, Folk, Jazz und vieles mehr. Das ist für mich ganz im Geiste Menuhins.
Welchen Moment des Festivals möchten Sie selbst unbedingt als Zuschauer erleben?
Ich würde unglaublich gerne einmal anonym im Publikum sitzen und einfach erleben, wie Menschen auf ein Konzert reagieren, ohne selbst auf der Bühne zu stehen. Ganz besonders freue ich mich aber auch auf unser grosses Kinderprojekt rund um Coppélia. Seit Monaten stecken so viele Kinder aus dem Saanenland gemeinsam mit ihren Familien, Lehrpersonen und Betreuenden so viel Herzblut in diese Produktion. Zu erleben, wie sie am Ende gemeinsam auf der Bühne stehen, wird für mich sicher einer der bewegendsten Momente des ganzen Festivals sein. Genau darum geht es für mich: Menschen durch Musik zusammenzubringen und Erinnerungen zu schaffen, die ein Leben lang bleiben.
Wenn Yehudi Menuhin heute durch das Programmheft blättern würde, welches Konzert würde ihm wohl besonders gut gefallen?
Ich glaube, mehrere. Er hätte sich sicher über unsere Akademien gefreut, denn die Förderung junger Menschen war ihm immer eine Herzensangelegenheit. Ich glaube aber auch, dass ihn unser besonderes Konzert am 2. August im Festivalzelt begeistert hätte: ein aussergewöhnliches Zusammenspiel aus Film, Projektionen, Lichtkunst und einem fantastischen Ensemble junger Musikerinnen und Musiker. Es ist ein Konzert für Augen und Ohren gleichermassen. Es ist gleichzeitig aber auch ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich Tradition und Innovation miteinander verbinden lassen. Und ich bin überzeugt, dass ihn auch Formate wie der Summit, das neue Dialogforum des Festivals zu Kultur, Gesellschaft und Zukunftsfragen, begeistert hätten. Die Idee dazu hat er mir gewissermassen selbst noch zu Lebzeiten mitgegeben. Sie lag viele Jahre in der Luft und ich freue mich sehr, dass wir sie nun endlich in Gstaad verwirklichen können. Yehudi war seiner Zeit weit voraus. Er dachte nie in Schubladen. Er war immer neugierig auf Begegnungen zwischen Menschen, Kulturen und Musikrichtungen. Genau diese Offenheit möchten wir weitertragen.
Wo erkennt man bereits Ihre persönliche Handschrift und wo haben Sie bewusst entschieden: Das bleibt genau so, wie Christoph Müller es aufgebaut hat?
Meine Handschrift zeigt sich wahrscheinlich darin, dass Bildung, Nachwuchsförderung und Begegnung noch stärker ins Zentrum rücken. Deshalb investieren wir so viel Energie in unsere Akademien. Gleichzeitig setzen wir mit neuen Formaten wie dem Summit, der Kinoreihe oder den «President’s Hikes» zusätzliche Akzente, die Musik mit Dialog, Film, Natur und Begegnung verbinden und das Festival auf neue Weise erlebbar machen. Ein Festival, das seinen 70. Geburtstag feiert, ist das Werk vieler Menschen. Viele Persönlichkeiten haben es über Jahrzehnte geprägt und weiterentwickelt. Das verdient grossen Respekt. Es geht deshalb nicht darum, alles neu zu erfinden, sondern das Bestehende behutsam weiterzuführen, neue Akzente zu setzen und das Festival mit Freude und Zuversicht in die Zukunft zu führen.
Sie haben in unserem damaligen Interview gesagt, klassische Musik brauche Zeit und Raum und lasse sich nicht in Acht-Sekunden-Clips erzählen. Gleichzeitig wird die Welt immer schneller. Ist diese Überzeugung heute noch stärker geworden oder mussten Sie Kompromisse eingehen?
Meine Überzeugung ist sogar noch stärker geworden. Ein Social-Media-Clip kann Menschen neugierig machen. Er kann die Tür öffnen. Aber Musik selbst beginnt erst dahinter. Ein Livekonzert verlangt Aufmerksamkeit, Konzentration und Offenheit. Gerade weil unsere Welt immer schneller wird, glaube ich, dass solche Momente heute wertvoller sind denn je. Deshalb sehe ich digitale Medien nicht als Ersatz, sondern als Einladung.
Was war bei der Planung des Jubiläums schwieriger als Sie erwartet hatten?
Wahrscheinlich die schiere Vielfalt der Möglichkeiten. Dieses Festival verfügt über eine unglaubliche Geschichte, fantastische Spielorte und enge Beziehungen zu den besten Künstlern der Welt. Am liebsten würde man in einem ersten Jahr alles gleichzeitig verwirklichen. Aber gute Entwicklung braucht Zeit. Lieber jedes Jahr einige überzeugende neue Ideen, die bleiben, als ein grosses Feuerwerk, das nach einer Saison wieder verschwindet.
Welcher Künstler oder welches Konzert liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen?
Das ist fast unmöglich zu beantworten, weil jedes Konzert seine eigene Geschichte erzählt. Besonders freue ich mich aber auf die vielen jungen Künstlerinnen und Künstler. Weltstars wie Thomas Hampson, Benjamin Bernheim, Khatia Buniatishvili, Sir András Schiff, Regula Mühlemann, Pinchas Zukerman oder Ivan Fischer begeistern das Publikum. Aber zu erleben, wie aussergewöhnliche Talente ihre ersten grossen Schritte machen, hat etwas ganz Besonderes. Vielleicht erinnern wir uns in zwanzig Jahren an genau diese Konzerte und sagen: Damals haben wir sie zum ersten Mal in Gstaad gehört.
Sie sprechen die Zukunft an: Stellen wir uns vor, wir führen dieses Interview in fünf Jahren noch einmal. Woran möchten Sie dann gemessen werden?
Nicht nur daran, wie viele berühmte Namen auf den Plakaten standen. Ich wünsche mir, dass man sagt: Das Menuhin Festival ist ein Festival mit einer unverwechselbaren Persönlichkeit. Ein Ort, an dem musikalische Exzellenz selbstverständlich ist, an dem junge Menschen gefördert werden, an den Künstler gerne zurückkehren und wo sich das Publikum willkommen fühlt. Wenn es uns gelingt, Yehudi Menuhins Geist der Offenheit, der Neugier und der Menschlichkeit glaubwürdig in die Zukunft zu tragen, dann wäre das für mich der schönste Erfolg.
Mehr Infos unter: www.menuhin.ch

