Das Gedächtnis
30.01.2026 KolumneIm zunehmenden Alter bekommt oder erlebt man hie und da ganz seltsame und zunächst nur kleinere Verluste an Gedächtnisleistungen zu spüren, die einen anfänglich etwas ärgern und beunruhigen. Das letzte Mal, als mich so etwas aber mehr als beunruhigte, das war in ...
Im zunehmenden Alter bekommt oder erlebt man hie und da ganz seltsame und zunächst nur kleinere Verluste an Gedächtnisleistungen zu spüren, die einen anfänglich etwas ärgern und beunruhigen. Das letzte Mal, als mich so etwas aber mehr als beunruhigte, das war in Paris.
An einem schönen Nachmittag unternahm ich eine kleine Reise per Autobus in ein schmuckes Dorf am Rand dieser riesengrossen Stadt. Zwei Stunden später – auf der Rückfahrt – geschah es. Erst als ich in der Nähe des Hotels den Bus verliess und frohgemut Richtung Eingang spazierte, entdeckte ich den Verlust. Mein Hosensack, wo das Portemonnaie scheinbar gut versorgt war – er war leer! Der Portier im Hotel riet mir, sofort den nächsten Polizeiposten aufzusuchen. Gesagt, getan. Dort sagte mir eine zivil gekleidete Polizistin, ich solle ihr doch den ganzen Vorfall so genau wie möglich schildern. Es war katastrophal! Weder die Busnummer noch den Namen der Umsteigehaltestelle konnte ich ihr nennen. Auch peinlich genaue Angaben zum Inhalt des ledernen Etuis waren bei mir nicht erhältlich. Nach 20 Minuten waren wir bereits am Ende der Befragung angekommen. Ich bat sie, mir doch einen Strassenplan von Paris zu geben, damit ich ihr eine genauere Auskunft geben könne. Aber sie war kurz angebunden: «Ich bin nicht dazu da, Ihnen zu helfen. Die Anhörung ist zu Ende.»
Am nächsten Tag – noch immer ziemlich entsetzt über den Vorfall – kam ich zum Schluss, dass mir mein Gedächtnis da einen groben Streich gespielt hatte. Am nahe gelegenen Kiosk, der nicht nur Zeitungen, Zeitschriften und Stadtpläne von Paris, sondern auch Publikationen zum Thema Lebenshilfe führt, erwarb ich das Buch «La m émoire – Entraîner son cerveau à tout âge». Es war eine Überlebenshilfe. Denn hier stand es schwarz auf weiss unter dem Titel: «Wenn unser Gedächtnis streikt!» Sie gehen einkaufen und vergessen dabei den Zettel auf dem Küchentisch mitzunehmen, wo auf fünf Linien aufgeschrieben ist, was Sie zu besorgen haben. Zehn Minuten später im Supermarkt können Sie sich einfach nicht erinnern, welches der fünfte Artikel ist, den Sie zu kaufen hätten. Keine Panik! Ihr Gedächtnis hat keinerlei Schwindsucht. Es ist nur eine kleine Vergesslichkeit, die völlig normal ist. Gemäss den Neurologen wird es erst kritisch, wenn man zu Hause in der Küche auf einmal nicht mehr weiss, wie das Lieblingsrezept auf dem Kochherd umzusetzen ist.
Genau um eine solche Situation zu vermeiden, hatte ich schon vor zwölf Jahren ein «Kochbuch für alle Fälle» geschrieben. Und so sind auch meine Familie und alle meine Freunde und Freundinnen bis jetzt vor Gedächtnisverlust in einer überlebenswichtigen Angelegenheit verschont geblieben.
OSWALD SIGG
JOURNALIST, EHEMALIGER BUNDESRATSSPRECHER oswaldsigg144@gmail.com

