«Dass wir das Leben in beiden Welten aufbauen können, war uns sehr wichtig»
03.11.2026 SportWas mit einem Kaffeedate in Kanada begann, führte Carole Howald und Kirk Muyres nun gemeinsam aufs Curlingeis in Gstaad. Die beiden haben ihre sportlichen Karrieren verändert, um mehr Zeit füreinander zu haben.
MAXIME VÖGELE
«Ich glaube, an diesem Turnier gibt ...
Was mit einem Kaffeedate in Kanada begann, führte Carole Howald und Kirk Muyres nun gemeinsam aufs Curlingeis in Gstaad. Die beiden haben ihre sportlichen Karrieren verändert, um mehr Zeit füreinander zu haben.
MAXIME VÖGELE
«Ich glaube, an diesem Turnier gibt es sieben Pärchen, von 18 Teams», erzählt Carole Howald am Mixed-Doubles-Curlingturnier in Gstaad. Sie und ihr Partner Kirk Muyres gehören ebenfalls dazu. In Gstaad bestreiten sie erstmals gemeinsam ein ganzes Turnier. Zwischen den Spielen nehmen sich die beiden Zeit für ein Gespräch mit dem «Anzeiger von Saanen».
Obwohl Muyres aus Kanada stammt, findet das Gespräch grösstenteils auf Deutsch statt. Seit eineinhalb Jahren lerne er intensiv Deutsch, erzählt Carole Howald. Das zeigt sich auch im Gespräch: Nur ab und zu wandert sein Blick fragend zu seiner Partnerin. Bei komplizierteren Fragen wird manchmal kurz ins Englische gewechselt, bevor es auf Deutsch weitergeht. Auch einzelne englische Wörter finden ihren Weg ins Gespräch. Dabei erzählen die beiden nicht nur vom Curling, sondern auch von ihrer Beziehung und ihrem gemeinsamen Leben in der Schweiz und Kanada. Denn beide haben ihre sportlichen Karrieren verändert, um mehr Zeit füreinander zu haben.
One-Way-Ticket nach Paris
«Als Curler ist man immer zusammen, jedes Wochenende in einer neuen Stadt», erzählt der Kanadier Kirk Muyres. So lernten auch er und Carole Howald sich kennen. 2018 hätten sie einander erstmals richtig wahrgenommen. Fünf Jahre später kam es in Muyres’ Heimat Kanada zum ersten Kaffeedate. Zwei Wochen darauf trafen sie sich erneut, diesmal in Paris. Was die Langenthalerin damals nicht wusste: Der Kanadier hatte nur ein One-Way-Ticket gebucht. «Erst einen Monat später ging er wieder nach Hause.»
Es folgte eine Fernbeziehung, bei der sich die Treffen nach den sportlichen Terminkalendern richteten. Oft sahen sie sich wochenlang nicht. Wann immer möglich, begleiteten sie einander deshalb an Turniere. «Wenn ich zurück denke, war es schon schwierig», erzählt Carole Howald. Inzwischen sieht das anders aus: «Heute sagen wir: Eine Woche einander nicht zu sehen ist okay», erklären die beiden lachend.
Auf beiden Seiten des Atlantiks
Inzwischen versuchen Carole Howald und Kirk Muyres, ihr gemeinsames Leben sowohl in der Schweiz als auch in Kanada aufzubauen. In Langenthal, der Heimat der Schweizerin, haben sie eine kleine Eineinhalbzimmerwohnung. In Kanada steht ihr neues Haus auf dem Bauernhof, den Muyres von seinen Eltern übernommen hat. «Für uns ist es ‹Heaven›», sagt er über das Zuhause in Kanada. Auf dem Hof werden Raps und Weizen angebaut, Tiere gibt es keine. Das lässt sich gut mit dem Curlingsport vereinbaren: Während der Wintersaison fällt auf dem Hof kaum Arbeit an. «Im Winter ist da nichts, um die Hütte herum ist Schnee», erzählt Muyres. «Es wird dann bis zu -40 Grad, da möchte man sich nicht dort aufhalten», ergänzt Howald lachend.
«Dass wir das Leben in beiden Welten aufbauen können, war uns sehr wichtig», erzählt Carole Howald. Dazu gehört auch einiges an organisatorischem Aufwand. Die beiden versuchen, für Kirk Muyres ein Visum zu erhalten, damit er länger als 90 Tage in einem halben Jahr in der Schweiz bleiben kann. Die Langenthalerin wiederum beantragt eine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung für Kanada, die sogenannte «Permanent Residence».
Auch die sportlichen Verpflichtungen von Carole Howald und Kirk Muyres müssen aufeinander abgestimmt werden. Inzwischen sei die Planung einfacher geworden, erzählt Howald: «Dadurch, dass ich nicht mehr Vierer-Curling spiele, können wir uns die Saison etwas besser aufteilen.» Das bringe auch mehr Ruhe in die Beziehung.
Zeit für einen neuen Weg
Im Frühling löste sich das erfolgreiche Schweizer Frauenteam um Skip Silvana Tirinzoni nach dem Gewinn der Silbermedaille an den Olympischen Spielen in Milano Cortina auf. Tirinzoni trat zurück, und auch für Carole Howald stellte sich die Frage, wie ihre sportliche Zukunft aussehen sollte. «Es war eine brutal schwierige Entscheidung», sagt die Olympiasilbergewinnerin rückblickend. Verschiedene Möglichkeiten standen im Raum, darunter auch eine Fortsetzung ihrer Karriere im Vierer-Curling. Während ihrer Jahre im Team Tirinzoni hatte sich Howald ganz auf den Sport und ihre Entwicklung als Spielerin konzentriert. Doch irgendwann habe sie gespürt, dass sie eine Veränderung brauche: «Ich habe gemerkt: Der Tank ist leer.»
Für Carole Howald wäre es zu viel gewesen, neben dem Vierer-Curling auch noch in der Rock League, einer neuen professionellen Curlingliga mit internationalen Teams, und künftig im Mixed Doubles anzutreten. Hinzu kam der Wunsch, ihr Leben mit Kirk Muyres auf zwei Kontinenten besser organisieren zu können. Die Entscheidung, wie es weitergehen sollte, fiel nicht von heute auf morgen. Letztlich habe die Langenthalerin auf ihr Bauchgefühl gehört.
Auch Kirk Muyres hat sich aus dem professionellen Wettkampfsport zurückgezogen. Zuvor hatte er während acht Jahren mit Laura Walker Mixed Doubles gespielt. «Ich bin pensioniert», sagt der Kanadier zufrieden. «Das Leben ist kurz, ich möchte verschiedene Dinge erleben.» Dem Curling bleibt Muyres dennoch verbunden. Statt weiterhin selbst regelmässig auf höchstem Niveau anzutreten, spielt er zurzeit mit Howald Mixed Doubles und unterstützt sie bei ihrer sportlichen Neuorientierung.
Neue Rollen, gemeinsame Ziele
Carole Howald möchte weiterhin auf höchstem Niveau Curling spielen. Neben ihren Einsätzen in der Rock League steht für die Zukunft eine Zusammenarbeit im Mixed Doubles mit Benoît Schwarz im Raum. Kirk Muyres soll dabei als Coach mitwirken. Ein gemeinsames Antreten der Schweizerin und des Kanadiers an internationalen Meisterschaften ist aufgrund ihrer unterschiedlichen Nationalitäten nicht ohne Weiteres möglich. «Deswegen mussten wir ein bisschen kreativ werden, damit wir alles unter einen Hut bekommen», sagt Howald.
Langfristig bleibt für Carole Howald auch eine weitere Teilnahme an den Olympischen Spielen ein Ziel. Noch müsse sich zeigen, wie sich die neue sportliche Konstellation entwickle. «Wir haben viele gute Spieler in der Schweiz. Da braucht es auch ein bisschen Glück und wirklich viel Arbeit, damit man dort hinkommt.» Für Kirk Muyres wäre eine Olympiateilnahme als Coach ebenfalls etwas Besonderes. «Es wäre ein ‹dream come true›», sagt der Kanadier.
Als Paar auf dem Eis
Wie das Zusammenspiel auf dem Eis funktioniert, zeigte sich für Carole Howald und Kirk Muyres beim Turnier in Gstaad. Nach der Gruppenphase waren die beiden mit ihrem Debüt zufrieden. «Es ist super cool, wir sind immer noch drin», sagte Muyres. «Es ist schwierig, bei so einem Feld vorne mitzuspielen», ergänzte Howald. Im Viertelfinal schieden die beiden schliesslich aus und belegten den fünften Schlussrang.
Doch wie funktioniert es eigentlich, mit dem eigenen Partner auf dem Eis zu stehen? Auf die Frage nach den Vorund Nachteilen hat Kirk Muyres schnell eine Antwort: «Bei beidem: Ehrlichkeit.» Man kenne und spüre sein Gegenüber sehr gut, ergänzt Carole Howald. Der grösste Vorteil sei für die Langenthalerin jedoch die gemeinsame Zeit. «Zusammen reisen, zusammen bei den Turnieren zu sein, ich glaube das ist sehr wichtig», sagt Muyres.
Gerade im Mixed Doubles, wo sich der Spielverlauf schneller verändern kann als im klassischen Vierer-Curling, können die Emotionen zur Herausforderung werden. Das kenne Carole Howald auch aus Erzählungen anderer Paare: «Ich glaube, die ganzen Emotionen zu regulieren ist sehr schwierig.» «Aber wir beide sind noch in der Honeymoon-Phase», sagt Kirk Muyres mit lachendem Blick zu seiner Partnerin. Howald fügt hinzu, dass es für sie einfacher sei, gemeinsam mit Muyres auf dem Eis zu stehen, als ihm beim Spielen zuzuschauen. Dann sei sie nervöser. «Wenn wir zusammen spielen, haben wir die Kontrolle, gut zu spielen.»
CAROLE HOWALD
Carole Howald (33) aus Langenthal entdeckte den Curlingsport durch den Schulsport. Lange blieb Curling für sie ein Hobby, bevor sie mit 17 Jahren ins Schweizer Juniorennationalkader aufgenommen wurde. Ursprünglich absolvierte sie eine Ausbildung zur Hochbauzeichnerin und studierte später Sport. Von 2022 bis 2026 spielte sie im Team um Skip Silvana Tirinzoni auf der Position der Second. Mit diesem gewann sie 2023 WM-Gold, 2024 und 2025 WM-Silber sowie 2023 und 2024 EM-Gold. An den Olympischen Winterspielen 2026 in Milano Cortina holte sie mit dem Team die Silbermedaille.
KIRK MUYRES
Kirk Muyres (36) stammt aus St. Gregor in der kanadischen Provinz Saskatchewan. Durch seinen Vater, der selbst Curling spielte, kam er früh mit der Sportart in Kontakt. Dieser war sein erster Lehrer und ein sportliches Vorbild. 2011 wurde Muyres kanadischer Juniorenmeister. Später gewann er mit Laura Walker 2018 den kanadischen Meistertitel im Mixed Doubles und im selben Jahr Bronze an der Weltmeisterschaft. Auch im klassischen Vierer-Curling war er erfolgreich und holte unter anderem 2015 und 2021 Bronze an der kanadischen Männermeisterschaft, dem sogenannten Brier.


