Keine Deponien im Saanenland – 1000 Lastwagen müssen bis nach Freiburg
30.10.2026 WirtschaftDie geplante Erweiterung der Deponie Saali in Gsteig sei «nicht genehmigungsfähig», schreibt das Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR). Grund dafür sei ein angrenzendes Flachmoor. Heinz Addor, Vertreter der SL Abbau und Deponie AG, sucht händeringend nach Lösungen. In der ...
Die geplante Erweiterung der Deponie Saali in Gsteig sei «nicht genehmigungsfähig», schreibt das Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR). Grund dafür sei ein angrenzendes Flachmoor. Heinz Addor, Vertreter der SL Abbau und Deponie AG, sucht händeringend nach Lösungen. In der Bergregion Obersimmtental-Saanenland ist der Deponievolumen aktuell ausgeschöpft.
JONATHAN SCHOPFER
Eigentlich hätte die Deponie Saali in Gsteig erweitert werden sollen. Die ehemalige Deponie war seit mehreren Jahren mit Aushub aufgefüllt – sprich geschlossen. Deshalb wollte die Firma SL Abbau und Deponie AG (SLAD) den Perimeter in Richtung Süden erweitern. Dadurch wäre Platz für rund 90’000 Kubikmeter unverschmutztes Aushubmaterial entstanden. Doch dieses Projekt hat einen schwierigen Stand: In einem Dokument, das dieser Zeitung vorliegt, schreibt das Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) letzten Semptember, dass die Erweiterung nicht genehmigungsfähig sei. Grund dafür ist ein angrenzendes Flachmoor.
Damit steht eine weitere geplante Deponie des Typs A im Saanenland auf der Kippe, in der unverschmutztes Aushubmaterial – wie zum Beispiel Erde – hätte entsorgt werden können.
Einsprachen von Pro Natura und WWF
Im Herbst 2024 erhoben die Umweltorganisationen WWF und Pro Natura Einsprache gegen die geplante Deponieerweiterung. Sie befürchteten negative Auswirkungen auf den Wasserhaushalt der geschützten Moore. Die Firma SLAD zeigte sich damals noch zuversichtlich, dass eine Einigung mit den Umweltverbänden gefunden werden könnte. Rückendeckung bekam sie von der Bevölkerung in Gsteig: Im Mai 2025 stimmten die Stimmberechtigten an der Gsteiger Gemeindeversammlung der Erweiterung zu.
Doch ein moorhydrologisches Gutachten Anfang 2026 brachte die Wende: Die geplante Erweiterung liegt vollständig im hydrologischen Einzugsgebiet des Flachmoors Saali. Die Gutachter schreiben, dass «eine Beeinträchtigung der Flachmoore nicht ausgeschlossen werden kann».
Daraufhin sprachen sich unter anderem das Bundesamt für Umwelt (BAFU) und das AGR gegen das Projekt aus. Dass die Deponieerweiterung mit dem Moorschutz in Konflikt geraten könnte, war allerdings schon länger bekannt. Bereits im Juni 2013 hatte die Abteilung Naturförderung des Kantons Bern den Standort aus Gründen des Moorschutzes als nicht bewilligungsfähig beurteilt. Trotzdem wurde die Erweiterung 2019 im regionalen Richtplan festgesetzt.
Tausende Lastwagenfuhren durchs Simmental
Das die Erweiterung Deponie Saali nicht genehmigungsfähig ist, bedauert Heinz Addor von der SLAD auf Anfrage. Man müsse nun unter anderem auf eine Deponie in Kiesen oder auch nach Farvagny im Kanton Freiburg ausweichen. Diese Standorte sind beide etwa 70 km vom Saanenland entfernt. «Wenn Hunderte von LKWs durchs Simmental fahren, ist das keine Lösung», sagt er.
Allein in diesem Herbst müssten seiner Schätzung nach noch rund 40’000 Kubikmeter Aushubmaterial entsorgt werden. «Das entspricht mindestens 3400 Lastwagenfuhren.»
«Das beisst sich!»
Auch der Gewerbeverein Saanenland beobachtet die Entwicklung. Auf Anfrage sagt Präsident Jonas Wanzenried, dass der Verein die Suche nach Lösungen der regionalen Bauunternehmen im Hintergrund unterstütze und hierzu auch im Austausch mit der Bergregion Obersimmental-Saanenland stehe.
Was den Unternehmer Wanzenried an der Sachlage stört, sind die Widersprüche. «Einerseits wollen insbesondere die Umweltorganisationen den CO2-Ausstoss reduzieren, andererseits muss nun wegen der Einsprachen von Pro Natura und WWF Aushubmaterial durch den halben Kanton transportiert werden. Das beisst sich!», kritisiert Wanzenried. Wenn selbst unsere Schweizer Umweltverbände für Detailanliegen massiv zusätzliche CO2-Emissionen in Kauf nähmen, erstaune es kaum, dass übergeordnete Klimaziele immer wieder angepasst werden müssten.
Für ihn steht zudem fest: «Der Aushub, das ist Erde vom Saanenland. Es müsste Pflicht sein, diese Erde auch wieder bei uns regional zu deponieren.» Er rechnet vor, dass die längeren Transportwege zu den Deponien erhebliche finanzielle Folgen für die Kundschaft haben. Laut Wanzenried könnten sich die Kosten eines Aushubtransportes dadurch verdoppeln oder gar verdreifachen. «Ein Kubikmeter Aushub hat vormals etwa 20 Franken für den Entsorgungstransport gekostet, neu sind es nun rund 65 Franken.»
Wieso ist gerade das Saanenland vom Deponiemangel betroffen?
Im Berner Oberland und insbesondere im Saanenland ist der Mangel an Deponievolumen ein Dauerthema. Bereits 2010 schrieb die «Berner Zeitung» unter Berufung auf das Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) von einem Entsorgungsengpass im Berner Oberland. Vor allem im Saanenland sei die Situation kritisch.
«Es ist ein komplexes Verfahren – auf allen Ebenen», sagt Evelyn Coleman, Geschäftsführerin der Bergregion Obersimmental-Saanenland, auf die Frage, weshalb der Deponiemangel gerade im Saanenland prekär ist. «Geeignete Deponiestandorte sind schwer zu finden, und deren Realisierung wird weiter durch die Zugänglichkeit, Schutzinteressen, aber auch durch die Nähe zu bewohnten Gebieten eingeschränkt.»
Coleman ist mit dem Thema vertraut: Die Bergregion ist für die Ausarbeitung des regionalen Richtplans Abbau, Deponie und Transporte (ADT) verantwortlich. In diesem werden geeignete Deponiestandorte ausgearbeitet. Der Richtplan wird nach mehreren Planungsschritten schliesslich vom AGR genehmigt. Am 6. November 2019 genehmigte das AGR den regionalen Richtplan, in dem auch die Erweiterung Süd der Deponie Saali als Festsetzung aufgenommen wurde.
«Ein planerischer Teufelskreis»
Barbara Josi, SVP-Grossrätin und Mitglied des Vorstands des Entwicklungsraums Thun (ERT), sieht das Problem nicht nur bei den fehlenden Standorten, sondern auch beim heutigen Planungsund Bewilligungsverfahren. Die kantonalen Mengengerüste würden teilweise genügend Deponiereserven ausweisen. «Dabei wird jedoch zu wenig berücksichtigt, dass zahlreiche dieser Standorte in der Realität gar nicht zur Verfügung stehen.» Fehlende Bewilligungen, ungelöste Eigentumsfragen, Einsprachen oder vorgängig notwendiger Kiesabbau könnten die Nutzung über Jahre verzögern oder ganz verhindern.
Besonders problematisch ist, dass der Kanton bei der Aufnahme neuer Standorte verlange, bisher vorgesehene, aber blockierte Standorte zurückzustufen, sagt Josi. Gleichzeitig sei bei neuen Standorten noch völlig offen, ob diese später tatsächlich realisiert werden könnten. Damit entstehe ein «planerischer Teufelskreis», der viel Zeit und Ressourcen beanspruche, ohne zusätzlichen Deponieraum zu schaffen.
Der Entwicklungsraum Thun und die benachbarten Planungsregionen hätten diese Problematik bereits mehrfach beim Kanton angesprochen – bislang ohne nachhaltige Lösung. «Deshalb wird nun ein konsequenteres Vorgehen geprüft», sagt die Grossrätin.
Hat das AGR einen Fehler gemacht?
Wieso aber hat das Amt für Gemeinden und Raumordnung den regionalen Richtplan 2019 mit der Deponieerweiterung Saali genehmigt, obwohl das Flachmoor bereits 2017 ins Bundesinventar der Flachmoore von nationaler Bedeutung aufgenommen worden war? Zwar stellt ein regionaler Richtplan noch keine Baubewilligung dar. Dennoch stellt sich die Frage, welchen Nutzen eine solche Planung hat, wenn sich ein Standort später als nicht genehmigungsfähig erweist. Auf Nachfrage vom «Anzeiger von Saanen» beim AGR, ob ihnen dazumal ein Fehler unterlief, schreiben sie: «Das AGR prüft und genehmigt die von der Region erarbeiteten regionalen Richtpläne, die als Grundlage für die nachgelagerte Nutzungsplanung dienen. Im Rahmen der vorliegenden Nutzungsplanung hat sich herausgestellt, dass retrospektiv gesehen bei der Festsetzung und der Genehmigung dem Flachmoor von verschiedenen Stellen zu wenig Beachtung geschenkt wurde.»
«Eigentlich müsste das AGR uns helfen»
Heinz Addor blättert in seinem Büro durch die Ordner, in denen er unzählige Rechnungen, Verträge und Gutachten aufbewahrt. Er erzählt dabei von den Verträgen mit Grundeigentümern aus dem Jahr 2015 für den Deponiestandort Saali in Gsteig, einem Vorprüfungsdossier für die Erweiterung aus dem Jahr 2016 sowie Rechnungen für die Planungsarbeiten aus dem Jahr 2017. Addor kann nur den Kopf schütteln. «Eigentlich müsste das AGR uns helfen», sagt er, das stehe sogar im kantonalen Sachplan Abbau, Deponie und Transporte (ADT). Dieser Sachplan soll unter anderem ausreichende Deponiekapazitäten sicherstellen und regelt die Zusammenarbeit zwischen Kanton, Regionen und Gemeinden. «Der Sachplan ADT ist aber nicht einmal das Papier wert.» Heinz Addor liest darin vor: «Der Regierungsrat ist sich der Bedeutung einer umweltgerechten Materialgewinnung und Entsorgung gemäss der Gesetzgebung bewusst und erachtet die Umsetzung des Sachplans ADT als wichtige Aufgabe der öffentlichen Hand. Er weist die Direktionen sowie ihre Ämter und Fachstellen an, den Regionen und Gemeinden bei der Erfüllung ihrer Aufgaben die notwendige Unterstützung zu gewähren und bei ihren eigenen Handlungen stets mit gutem Beispiel voranzugehen.»
Über zwei Millionen Franken investiert
Von dieser Unterstützung spüre er allerdings wenig. «Im Gegenteil, das AGR legt uns Steine in den Weg», kritisiert er. Die Firma SLAD AG habe für die Deponieprojekte Teilegg, Saali und La Rite bis heute bereits weit über zwei Millionen Franken in die Planung investiert. «Ohne eine Garantie, eine Deponiebewilligung zu erhalten – alles auf Risiko.» Ein Hoffnungsschimmer bleibt dem Unternehmer: Auf dem Gebiet der Gemeinden Saanen und Rougemont sei die kantonsübergreifende Deponie La Rite mit einem Volumen von 850’000 Kubikmetern vorgesehen. «Das Baugesuchsdossier liegt nun bei den Kantonen Bern und Waadt vor. Das ist die Hoffnung, die wir zurzeit haben.» Doch wie lange könnte das Bewilligungsverfahren dauern? Addor rechnet im besten Fall mit ein bis zwei Jahren, sofern alle Beteiligten mithelfen.
«Das Kranenland»
Ein Blick ins Saanenland reicht, um die ungebremste Bautätigkeit zu erkennen: Zahlreiche Baugruben und gelbe Kräne sind seit dem Frühling wie Pilze aus dem Boden geschossen. Vor allem in Gstaad ist das der Fall. Unter der Bevölkerung geht bereits der Scherz um, dass das Saanenland bald in «Kranenland» umbenannt werde. Wohin künftig der Aushub geht, bleibt ungelöst.
Heinz Addor schätzt nämlich, dass im Jahr 2027 ebenso viel Aushubmaterial anfällt wie dieses Jahr. Er hoffe nun, dass die Interessengruppen für Gespräche an einem runden Tisch offen seien. «Wir sollten miteinander und nicht gegeneinander arbeiten.»
«Der Schutz national bedeutender Moore kann nicht gegen Transportkosten oder CO2-Emissionen abgewogen werden»
Mehr CO2 durch längere Transportwege? Und könnte die Erweiterung der Deponie Saali auch eine Chance bieten, das Moor aufzuwerten? Wir haben bei der Medienstelle des WWF nachgefragt.
INTERVIEW: JONATHAN SCHOPFER
Das AGR bezeichnet die Erweiterung der Deponie Saali als «nicht genehmigungsfähig». Was sagen Sie dazu?
Die Beurteilung der Fachbehörden bestätigt die zentralen Bedenken unserer Einsprache: Die geplante Deponieerweiterung gefährdet das Flachmoor von nationaler Bedeutung und ist am vorgesehenen Standort in dieser Form nicht bewilligungsfähig. Für die Projektverantwortlichen ist dies eine schwierige Situation, zumal sie davon ausgehen durften, dass ein im Richtplan festgesetzter Standort grundsätzlich realisierbar ist. Wir sind schon seit längerer Zeit in engem Austausch mit den Projektanten und Behörden und in die Lösungssuche involviert.
Der WWF hat gemeinsam mit Pro Natura 2024 Einsprache gegen die Erweiterung erhoben. Nun müssen hiesige Unternehmen Aushubmaterial teilweise bis in den Kanton Freiburg transportieren. Das verursacht zusätzliche CO2-Emissionen. Ist das nicht ein Widerspruch zu Ihren Zielen?
Wir nehmen den regionalen Deponieengpass und die damit verbundenen zusätzlichen Transporte ernst. Der Schutz national bedeutender Moore kann jedoch nicht gegen Transportkosten oder CO-Emissionen abgewogen werden. Die Rechtslage ist hier eindeutig. Der WWF bleibt jedoch gesprächsoffen und unterstützt die Suche nach einer Lösung vor Ort oder einem geeigneten Alternativstandort.
Ein Gutachten vom Februar 2026 stellte fest, dass Teile der Flachmoore vom Austrocknen betroffen sind. Könnte die Deponieerweiterung mit ökologischen Aufwertungs- und Ersatzmassnahmen nicht auch eine Chance bieten, den Wasserhaushalt zu verbessern?
Tatsächlich wäre eine Lösung vor Ort verbunden mit einer Aufwertung des gesamten Moors in der Umgebung ein interessanter Gedanke. Flachmoore von nationaler Bedeutung wie hier sind jedoch rechtlich absolut geschützt und es ist nicht möglich, Eingriffe mit Ersatzmassnahmen zu kompensieren. Rechtlich bestehen daher enge Grenzen. Letztendlich müssen die Behörden entscheiden, wie viel Spielraum hier besteht.




