Der Klang der Neugier
24.07.2026 KulturMit «Yehudi Menuhin: The Violin of the Century» widmet Bruno Monsaingeon einem der grössten Geiger des 20. Jahrhunderts ein eindringliches Porträt. Die Autorin Irini Papandreou erläutert, weshalb der Dokumentarfilm nicht nur Menuhins musikalische Grösse, ...
Mit «Yehudi Menuhin: The Violin of the Century» widmet Bruno Monsaingeon einem der grössten Geiger des 20. Jahrhunderts ein eindringliches Porträt. Die Autorin Irini Papandreou erläutert, weshalb der Dokumentarfilm nicht nur Menuhins musikalische Grösse, sondern auch seine Menschlichkeit und sein Verständnis von Musik in den Mittelpunkt stellt.
IRINI PAPANDREOU
Bruno Monsaingeons «Yehudi Menuhin: The Violin of the Century» (1994) ist weit mehr als das Porträt eines der bedeutendsten Geiger des 20. Jahrhunderts. In intimen Gesprächen, die in Menuhins Haus auf Mykonos entstanden sind, und anhand sorgfältig ausgewählter Archivaufnahmen zeichnet der Dokumentarfilm das Bild eines aussergewöhnlichen Musikers und eines ebenso aussergewöhnlichen Menschen, dessen Leben von einem unstillbaren Wunsch geprägt war, zu lernen, zu lehren und Brücken zwischen Menschen zu bauen.
Bruno Monsaingeons Dokumentarfilm ist alles andere als eine klassische Künstlerbiografie. Anstatt Menuhins Leben chronologisch nachzuerzählen, lässt der Regisseur den Geiger selbst seine Geschichte erzählen. Die Gespräche, die in der ruhigen Atmosphäre seines Hauses auf Mykonos geführt wurden, wirken weniger wie Interviews als wie ein Austausch zwischen alten Freunden. Nichts wirkt inszeniert oder selbstverherrlichend. Stattdessen spricht Menuhin mit bemerkenswerter Offenheit über Musik, das Leben und die Werte, die ihn geprägt haben.
Was mich nach dem Film am meisten beschäftigte, war nicht seine überwältigende Virtuosität – so beeindruckend sie auch ist –, sondern seine aussergewöhnliche Sensibilität. Er spricht mit einer solchen Wärme und Aufrichtigkeit über Musik, dass man nach kurzer Zeit fast vergisst, einem der grössten Geiger des 20. Jahrhunderts zuzuhören. Trotz seines weltweiten Ruhms hatte er nie das Gefühl, am Ende seines künstlerischen Weges angekommen zu sein. Im Gegenteil: Für ihn war Musik ein lebenslanger Prozess des Lernens. Technik allein hatte für ihn keinen Wert, wenn sie nicht von Fantasie, Empathie und Wahrhaftigkeit getragen wurde.
Zu den faszinierendsten Momenten des Films gehören Menuhins Erinnerungen an seinen Lehrer George Enescu, der als bedeutendster rumänischer Komponist gilt. Obwohl Menuhin bereits als Wunderkind gefeiert wurde, fand er in Enescu weit mehr als einen Geigenlehrer. Enescu vermittelte ihm die Überzeugung, dass Musik niemals nur ein Streben nach technischer Perfektion sein dürfe, sondern stets Ausdruck von Gefühl, Aufrichtigkeit und Menschlichkeit sein müsse. Beim Zuhören wird deutlich, wie tief diese Lehren Menuhin geprägt haben. Seine Bescheidenheit, seine Offenheit und seine unerschöpfliche Neugier scheinen unmittelbar aus dieser aussergewöhnlichen Begegnung hervorzugehen.
Der Film würdigt auch die enge musikalische Verbindung zu seiner Schwester, der Pianistin Hephzibah Menuhin. Ihnen beim gemeinsamen Musizieren zuzusehen, ist eine besondere Freude. Ihr Zusammenspiel wirkt mühelos, getragen von gegenseitigem Vertrauen und einem tiefen musikalischen Verständnis. Diese Szenen zeigen eindrucksvoll, dass die schönsten künstlerischen Partnerschaften oft auch die persönlichsten sind.
Dieselbe Offenheit führte Menuhin schliesslich über die Grenzen der westlichen klassischen Musik hinaus. Zu den Höhepunkten des Films zählt seine Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem indischen Sitar-Virtuosen Ravi Shankar. Lange bevor interkulturelle Projekte selbstverständlich wurden, bewiesen die beiden Musiker, dass unterschiedliche musikalische Traditionen einander bereichern können, ohne ihre Identität zu verlieren. Ihre Konzerte waren keine oberflächlichen Fusionsexperimente, sondern echte Dialoge, getragen von gegenseitigem Respekt und aufrichtiger Neugier. Für Menuhin durfte klassische Musik niemals ein geschlossenes System sein.
Seine Neugier beschränkte sich jedoch nicht auf die Musik. Während des Zweiten Weltkriegs spielte er für verwundete Soldaten in Militärlazaretten, überzeugt davon, dass Musik selbst in Zeiten grössten Leids Trost spenden kann. Zeit seines Lebens engagierte er sich für humanitäre Anliegen und setzte sich immer wieder für Frieden ein. Besonders bewegend ist seine Überzeugung, dass Musik helfen könne, den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern zu fördern. Ob diese Hoffnung idealistisch erscheinen mag oder nicht, ihre Aufrichtigkeit ist unübersehbar. Für Menuhin war Zuhören nicht nur eine musikalische, sondern auch eine zutiefst menschliche Haltung.
Auch die Bildung verstand er als Ausdruck dieser Überzeugungen. 1963 gründete er die Yehudi Menuhin School, weil er davon überzeugt war, dass junge Musikerinnen und Musiker nicht nur technisch hervorragend ausgebildet, sondern auch zu verantwortungsbewussten und mitfühlenden Menschen erzogen werden sollten. Das Unterrichten war für ihn die konsequente Fortsetzung dessen, was er selbst von Enescu gelernt hatte: Technik lässt sich vermitteln, Neugier, Disziplin und Menschlichkeit müssen entwickelt und gepflegt werden.
Monsaingeons Regie spiegelt den Charakter ihres Protagonisten wider. Der Film verzichtet auf pathetischen Kommentar und unnötige Dramatisierung. Stattdessen gibt er Gesprächen, musikalischen Darbietungen und stillen Momenten Raum. Gerade diese Zurückhaltung macht den Dokumentarfilm so eindringlich und lässt Menuhin selbst zum Mittelpunkt der Erzählung werden.
Am Ende wird deutlich, dass «Yehudi Menuhin: The Violin of the Century» von weit mehr erzählt als vom Leben eines der grössten Geiger seiner Zeit. Ob als Schüler George Enescus, im Zusammenspiel mit seiner Schwester Hephzibah, in den Konzerten mit Ravi Shankar, beim Musizieren für Verwundete im Krieg, als Gründer einer Musikschule oder als unermüdlicher Verfechter des Friedens: Menuhin blieb stets einer einfachen Überzeugung treu: Musik sollte Menschen verbinden und niemals trennen.
Mehr als 30 Jahre nach seiner Entstehung hat «Yehudi Menuhin: The Violin of the Century» nichts von seiner Aktualität verloren. Monsaingeons Dokumentarfilm ist nicht nur eine Hommage an einen aussergewöhnlichen Musiker, sondern auch an eine Haltung zum Leben und zur Kunst. Er erinnert daran, dass technische Brillanz allein nicht genügt. Was Yehudi Menuhin wirklich aussergewöhnlich machte, waren seine Neugier, seine Grosszügigkeit und sein unerschütterlicher Glaube daran, dass Musik Menschen einander näherbringen kann.
Der Dokumentarfilm «Yehudi Menuhin: The Violin of the Century» wurde im Rahmen der Filmreihe des Menuhin Festivals am Montag, 20. Juli, im Ciné Theatre Gstaad gezeigt.

