Der letzte Vorhang ist gefallen
04.09.2026 KulturZwölf Vorstellungen, zwölfmal ausverkauft: Rund 3000 Menschen sahen das Freilichttheater «Soldat Vögeli». Nach dem Abschluss ziehen Regisseurin Ruth Domke und Präsident Jürg Domke Bilanz. Sie sprechen über einen aussergewöhnlichen Teamgeist, kritische ...
Zwölf Vorstellungen, zwölfmal ausverkauft: Rund 3000 Menschen sahen das Freilichttheater «Soldat Vögeli». Nach dem Abschluss ziehen Regisseurin Ruth Domke und Präsident Jürg Domke Bilanz. Sie sprechen über einen aussergewöhnlichen Teamgeist, kritische Rückmeldungen zur rauen Sprache und darüber, weshalb der gemeinsame Abbau auch bei der Verarbeitung des Abschieds half.
«Lieber ehrlich und kritisch als einfach zu süss»
Zwölf Vorstellungen, zwölfmal ausverkauft und rund 3000 Besuchende: Das Freilichttheater «Soldat Vögeli» hat die Erwartungen übertroffen. Ruth und Jürg Domke blicken auf bewegende Wochen und einen aussergewöhnlichen Zusammenhalt innerhalb des Teams zurück. Und wir sprachen über die Art von Kritik, die konstruktiv weiterbringt, aber auch ruhig anecken darf.
JOCELYNE PAGE
Vor einer Woche war das Lätzgüetli noch ein kleines Dorf aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Wenige Tage später war ein grosser Teil dieser Theaterwelt bereits verschwunden. Ein Abbau im Schnelldurchlauf. «Alle haben mit angepackt, auch das Spielerteam», sagt Jürg Domke, Präsident des Freilichttheraters Saanenland. Seine Frau und Regisseurin Ruth Domke ergänzt: «Jeder erhielt eine Aufgabe und dann hiess es ‹Gring ache u seckle›.» Am Ende war es weit mehr als bloss ein gemeinsames Aufräumen. «Das war auch Trauerarbeit», sagt sie. Nach Monaten des Probens, Bauens und Organisierens habe das Anpacken beim Abschied geholfen.
Dass der Rückbau so rasch vorankam, überrascht Jürg Domke nicht. Der Präsident des Freilichttheatervereins Saanenland schwärmt vom guten Teamgeist. «Bei früheren Produktionen war der auch schon da. Aber der Zusammenhalt und das fleissige Arbeiten wurde dieses Jahr auf ein neues Niveau angehoben.»
Zwölfmal ausverkauft
Auch die Zahlen sprechen für eine aussergewöhnliche Produktion. Sämtliche zwölf Vorstellungen waren ausverkauft. Insgesamt verfolgten damit rund 3000 Personen die Geschichte von Berth Vögeli und der Familie auf dem Hof Sonnegg. Der Verein budgetierte eine Auslastung von 80 Prozent. Auf ausverkaufte Vorstellungen hätten sie natürlich gehofft. «Das Ergebnis hat unsere Erwartungen deshalb übertroffen.»
Ob die Rechnung auch finanziell vollständig aufgeht, lässt sich unmittelbar nach der letzten Aufführung noch nicht abschliessend sagen. Jürg Domke ist jedoch zuversichtlich. Entscheidend sei neben dem Ticketverkauf das Sponsoring gewesen. «Eine Produktion dieser Grössenordnung wäre ohne diese Unterstützung nicht möglich.»
Viel Lob und einzelne kritische Stimmen
Die Rückmeldungen aus dem Publikum seien in ihrer Gesamtheit ausgesprochen positiv gewesen. Gelobt wurden die schauspielerischen Leistungen, die Gastronomie, die Kostüme und die vielen kleinen Details. Das einladende Bühnenbild war selbst eine Attraktion. «Vor der Vorstellung betraten Besuchende die Kulisse und entdeckten alles aus nächster Nähe. Dass das Publikum die Erlaubnis dazu hatte, wurde sehr geschätzt», sagt Jürg Domke.
In Bezug auf das Theaterstück gab die Sprache zu reden: altes Saanendeutsch, rau – und eben auch viele Fluchwörter. Der Grossteil habe die Wortwahl als unproblematisch empfunden und gelobt. Einzelne Rückmeldungen bemängelten, gewisse Figuren hätten sehr grob gesprochen. Auch die scharfen familiären Auseinandersetzungen und die Ungerechtigkeiten rund um das Erbe lösten Reaktionen aus.
Ruth Domke kann solche Einwände nachvollziehen. Sie hatte die ursprüngliche Fassung von Franz Bühlers «Tambour Bucheli» in den Saaner Dialekt übertragen und sprachlich bearbeitet. Dabei habe sie so einige derbe Stellen entschärft. Ganz entfernen wollte sie die raue Sprache jedoch bewusst nicht. «Das Stück spielt vor rund 80 Jahren. Wir wollten die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse glaubwürdig darstellen.» Dazu gehörten auch ein harter verbaler Umgang, festgefahrene Rollenbilder und Ungerechtigkeiten wie die damaligen Erbschaftsgesetze. «Gerade die beiden Frauen auf dem Hof gehen beim Erbe leer aus. Auch der Umgang mit Menschen, die nicht den damaligen gesellschaftlichen Vorstellungen entsprachen, erscheint aus heutiger Sicht hart. Es wäre jedoch schade, würde man diese Konflikte glätten», ist Ruth Domke überzeugt.
Dass nicht jede Person ein Stück gleich beurteilt, sei klar. Zudem habe sie mit den Jahren gelernt, wie mit Kritik umzugehen. Sie schätze konkrete und konstruktive Kritik mehr als pauschales Lob. «Lieber ehrlich und kritisch als einfach zu süss», sagt sie lachend. Wenn jemand erkläre, eine Figur habe für das eigene Empfinden zu grob, zu bäuerisch oder zu aristokratisch gesprochen, könne sie mit einer solchen Rückmeldung arbeiten. Theater dürfe eine Plattform für Gespräche sein und Diskussionen auslösen.
Den richtigen Ton finden
Auch die gesellschaftskritischen Seitenhiebe, unter anderem gegen Vertreter der Kirche, hätten kaum negative Reaktionen ausgelöst. Für Ruth Domke war die Inszenierung dennoch ein Balanceakt. Nach jahrzehntelanger Theaterarbeit entwickle man ein Gespür dafür, wo Klarheit nötig sei und welche Themen mit besonderer Sensibilität behandelt werden müssten.
Diese Arbeit fand nicht erst auf der Bühne statt. Mit den Schauspielerinnen und Schauspielern setzte sie sich intensiv mit den Figuren und deren Beweggründen auseinander. Gerade bei Rollen mit grober Sprache oder belastenden Konflikten sei es wichtig gewesen, den Einstieg und den Ausstieg bewusst zu gestalten. Vor den Proben gab es ein gemeinsames Aufwärmen, danach wurde die Rolle wieder abgegeben. Ruth Domke spricht von einer Form des mentalen Trainings.
Teamspirit sprang auf die Tribüne über
Die sorgfältige Rollenarbeit habe sich auch im Zusammenspiel des Ensembles gezeigt. Aussenstehende hätten die Herzlichkeit innerhalb der Gruppe bereits bei den Proben wahrgenommen. Jürg Domke erinnert sich an eine Beobachtung, die ihn besonders berührte: «Selbst gestandene Männer haben sich zum Abschied umarmt. Das sagt alles.»
Ein Spielbeginn um 17 Uhr
Bewährt hat sich auch der Beginn der Vorstellungen um 17 Uhr. Für den Verein war dies ein Pilotprojekt. Ruth Domke beobachtet, dass ein grosser Teil des traditionellen Theaterpublikums älter wird und abends nicht mehr gerne spät unterwegs ist. Gleichzeitig sollte die Anfangszeit Familien sowie jüngeren Besucherinnen und Besuchern entgegenkommen. «Das Konzept wurde sehr gut aufgenommen.»
Auch die Infrastruktur auf dem Lätzgüetli habe sich bewährt. Das Bühnenbild habe ihre Erwartungen sogar übertroffen. Die Gastronomie mit ihren auf das Stück abgestimmten Speisen trug wesentlich zur Atmosphäre bei, so Jürg Domke. «Es zog teilweise auch Gäste an, die keine Theatervorstellung besuchten.»
Die erreichte Grenze
Mit rund 100 Beteiligten, einer aufwendigen Gastronomie, historischen Fahrzeugen, Tribüne und weitläufiger Kulisse hat das Freilichttheater eine Grösse erreicht, die Ruth und Jürg Domke nicht weiter steigern möchten. Mehr Darstellerinnen und Darsteller wären vielleicht möglich. Der Aufwand für die Ressortverantwortlichen und insbesondere für jene Personen, bei denen die Fäden zusammenlaufen, würde jedoch kaum mehr tragbar.
Auch das eigene Alter spiele bei dieser Einschätzung eine Rolle, sagt Ruth Domke. Mit 33 Jahren gehe man ein solches Projekt anders an. Zwar nehme die Erfahrung heute viel Arbeit ab, gleichzeitig sei die Belastung deutlich spürbar gewesen. «In den letzten Wochen erwachte ich oftmals während der Nacht, weil ich Angst hatte, dies oder jenes vergessen zu haben. Es spielte sich ein regelrechtes Kopfkino ab.»
Nun steht ein Abschlussabend mit dem Ensemble an. «Vielleicht auch noch ein zusätzlicher Racletteabend», überlegt sich Ruth Domke. «Es herrschte eine sehr familiäre Atmosphäre. Loszulassen ist nicht so einfach.» Denn nach dem letzten Vorhang bleiben nicht nur Erleichterung und Dankbarkeit. Es bleiben auch Nachwehen und die Gewissheit, gemeinsam etwas Besonderes geschaffen zu haben.



