Der Raubzug nach Aigle, Karl der Kühne und die Faszination der Würfel
01.04.2026 KulturDas Walischihaus im Rübeldorf erzählt eine Geschichte, in der Burgunderkriege, bernische Machtpolitik und die kühne Handschrift eines Zimmermeisters zusammenkommen: Saaner Landknechte, die für fremde Herren kämpfen, ein Weingut als Kriegsbeute und die Fassade ...
Das Walischihaus im Rübeldorf erzählt eine Geschichte, in der Burgunderkriege, bernische Machtpolitik und die kühne Handschrift eines Zimmermeisters zusammenkommen: Saaner Landknechte, die für fremde Herren kämpfen, ein Weingut als Kriegsbeute und die Fassade eines Bauernhauses, dessen Würfelfriese und Inschriften beweisen, wie modern Vergangenheit wirken kann.
ARTIN GURTNER-DUPERREX
Das waren strube Zeiten während der Burgunderkriege: An der Seite von bernischen Truppen eroberten Landsknechte aus Saanen und dem Paysd’Enhaut 1475 das Städtchen Aigle, das zur Grafschaft Savoyen gehörte. Weil sich Savoyen mit dem mächtigen Herzog Karl dem Kühnen von Burgund verbündet hatte, der einen zusammenhängenden Staat von den Niederlanden bis zum Mittelmeer schaffen wollte, kollidierte es mit den Interessen der Eidgenossenschaft. Die Stadt Bern sah sich durch die burgundische Macht in der Westschweiz bedroht, genauso wie die Landschaft Saanen, die direkt an Savoyen grenzte.
Als Dank erhielten Saanen und das Pays-d’Enhaut von Bern ein Weingut, das einst den Herren von Waliesis gehört hatte. Es wurde darum Walischi genannt. Das Gut wurde lange Zeit verpachtet und 1816 verkauft. Mit Teilen des Erlöses kaufte die Gemeinde Saanen im Rübeldorf einen bestehenden Landwirtschaftsbetrieb, der den Namen der alten Besitzung in Aigle übernahm. Scheints bedauern manche bis heute, dass es keinen eigenen Gemeindewein mehr gibt.
Vater und Sohn Dubach: von der Rillenzier zum Würfelfries
Die Hausinschrift verrät, dass der Bauherr des Hauses Stäfen Schwendener war. Gemäss Chorgerichtsprotokollen arbeitete er als Säumer und möglicherweise betrieb er in seinem Haus im Rübeldorf eine Weinschenke. Ausserdem soll er 1642 an einem unrühmlichen Aufstand gegen die Saaner Obrigkeit teilgenommen haben. Erstellt wurde der Bau 1620 von Glodo Dubach dem Jüngeren, welcher zu der Zeit einer der bekanntesten Zimmermeister der Region war.
Über ein Jahrhundert waren die Fenstergesimse und waagrechten Schwellen an den Fassaden der Bauernhäuser mit einfachen Rillen verziert worden – so wie sie Dubachs Vater, Zimmermeister Glodo Dubach der Ältere, noch gehobelt hatte. Doch 1605 tauchte an einem Haus in der Gruben erstmals die Würfel- und Rautenzier auf, deren Schöpfer nicht bekannt ist. Auch Glodo Dubach der Jüngere verschrieb sich fortan diesem modern wirkenden Schachbrettmuster und prägte damit nicht nur das Gesicht des Walischihauses, sondern auch jenes der künftigen Saanerhäuser allgemein.
Die Schrift der Gelehrten und Haussprüche: Antiqua
Die am Walischihaus benutzte Blockoder Steinschrift findet man im Berner Oberland oft an Gebäuden, die im Baustil der Spätgotik des 15. und 16. Jahrhunderts gebaut wurden. Sie wird Antiqua genannt. Es ist eine gut lesbare, lateinisch-römische Schrift, welche die Gelehrten damals in ihren Manuskripten verwendeten – und die bis heute in gedruckten Texten beliebt ist.
Die Schnitzer kerbten die Buchstaben in das noch helle Holz ein und färbten sie schwarz aus. Beim Walischihaus sind zwar weder Form noch Sprache perfekt, da den Handwerkern offenbar kaum bewusst war, dass die Schriftzeichen nach gewissen Regeln gestaltet und angeordnet werden mussten. Aber im Verbund mit den rot-schwarzen Würfelfriesen wirken sie am Walischihaus bis heute überraschend harmonisch und modern.
Quellen: Dokumentation Rubi-Fonds/Bendicht Hauswirth, 2018; Christian Rubi: Schriftkunst am alten Saanerhaus, Saaner Jahrbuch 1971, Verlag Buchdruckerei Müller, Gstaad; Christian Rubi: Das Saanerhaus des 17. Jahrhunderts, Verlag Buchdruckerei Müller, Gstaad
Die Fassade wurde 2018 vom Rubi-Fonds restauriert.








