«Der Tüfel hat das Spiel erdacht»: Warum wir Fasnacht feiern und fasten
23.02.2024 KircheDie Geschichte der Fasnacht
Die Fasnacht ist nicht heidnischen, sondern christlichen Ursprungs. Sie bezeichnet als Fast-Nacht die letzten Stunden vor der Fastenzeit und stellt den grösstmöglichen Gegensatz zu den entbehrungsreichen Wochen vor Ostern dar. Erste Nachrichten über eine «närrische Zeit» erreichen uns aus dem Mittelalter; sie beschreiben eine Zeit der Völlerei und der Masslosigkeit, der derben Scherze und der sexuellen Ausschweifungen.
Kurz vor der Reformation veröffentlicht Sebastian Brandt das Buch «Das Narrenschiff». Darin bezeichnet er die Welt als ein Schiff ohne Masten, Segel und Kompass, das mit seinen Insassen ins Verderben fährt. Die Fasnacht, so Brandt, gleicht einem solchen Schiff, sie stellt die Welt auf den Kopf und hebt die herrschende Ordnung auf. Ihr Hauptdarsteller ist der Narr, eine Figur, die sich gemäss Altem Testament einen Deut um Gott schert (vgl. Psalm 53,2: «Der Narr spricht in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott! Sie handeln verderblich und begehen abscheulichen Frevel; da ist keiner, der Gutes tut.»). Das Sprichwort «Der Tüfel hat das Spiel erdacht» schildert im Mittelalter die Fasnacht als eine Zeit der Gottlosigkeit, der Fresserei, der Schlägereien, der Wettkämpfe und der Massenbesäufnisse.
Der offiziellen Kirche im Spätmittelalter ist die Fasnacht ein Dorn im Auge. Deren Ausschweifungen stellen eine Gegenwelt zur Hingabe an Gott, mithin zum Paradies dar. Zunächst verurteilen die Vertreter der Kirche das närrische Treiben, bald aber versuchen sie, die Narrenzeit in das Kirchenjahr zu integrieren; sie soll die rigorose Fastenzeit erträglicher machen.
Die Bräuche und Figuren der Fasnacht
Die Kirche des Mittelalters kennt eine Fastenzeit vor Ostern und eine vor Weihnachten. Sie dauert je vierzig Tage und fordert den Verzicht auf Fleisch, Fett, Milchprodukte, Alkohol (Wein darf nicht, Bier aber darf getrunken werden) und Sexualität.
Aus ökonomischen Gründen ist es sinnvoll, jene Lebensmittel, die während der Fastenwochen nicht verwendet werden dürfen, die Tage zuvor intensiv zu nutzen beziehungsweise aufzubrauchen. Deshalb stellen zum Beispiel Fett und Eier beliebte Zutaten für Fasnachtsspeisen dar; wir kennen sie als Fasnachtskrapfen oder Fasnachtsküchlein.
Den Auftakt bildet der «Schmutzige Donnerstag». Der Name erinnert daran, dass nurmehr während weniger Tage «Schmutz» und also «Fett» gegessen werden darf – das aber umso reichlicher.
Für das Mittelalter ist die Welt der Fasnacht gottlos und teuflisch, in ihr regiert die Figur des Narren. Dieser steht dafür, dass «oben» und «unten» nicht länger existieren und die gängige Ordnung aufgehoben ist. Der Narr als Gegenspieler Gottes – oft trägt er Eselsohren, einen Hahnenkamm oder Schellen – ist also die Hauptfigur der Fasnacht. Zu ihr gesellen sich weitere Protagonisten, die je für eine Todsünde stehen: der Pfau (Hochmut), der Drache (Neid), der Löwe (Zorn), der Fuchs (Geiz), der Bock oder der Hahn (Unkeuschheit) und der Bär (Unmässigkeit).
Die Reformation und die Fasnacht
In der Schweiz beginnt die Reformation mit einem Skandal: Am ersten Fastensonntag des Jahres 1522 laden Ulrich Zwingli und seine Getreuen zu einem Wurstessen ein; ein Jahr später wird in Zürich die Fastenordnung abgeschafft. Zwingli argumentiert: Fasten oder anderes Tun sind nicht entscheidend für das Heil und die Anerkennung des Menschen durch Gott; wer fasten will, tue es, wer Fleisch essen will ebenso. Auch Martin Luther in Wittenberg wendet sich gegen eine obrigkeitlich verfügte Fastenpraxis und sagt: Fasten verspricht keine himmlische Belohnung.
Beide Reformatoren jedoch fürchten die Ausschweifungen der Fasnacht und verbieten das närrische Treiben. In ihren Augen stellt die Fasnacht ohnehin nur ein Mittel der Kirche dar, das Volk bei Laune zu halten, um es nach einer gewissen Zeit erst recht gängeln zu können.
Die Fasnacht heute
Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, der Vernunft allein verpflichtet, betrachtet die Fasnacht als Überbleibsel einer dunklen Vergangenheit und lehnt sie ab. 100 Jahre später etabliert sich eine Gegenbewegung. Das Bürgertum verweigert sich einer wissenschaftlich und technisch gewordenen Welt und sehnt sich nach dem Träumerischen, dem Geheimnisvollen und Unerklärbaren; die Epoche der Romantik beginnt. Ab diesem Zeitpunkt erfährt die Fasnacht eine Wiederbelebung und einen Aufschwung auch in evangelischen Gebieten.
Die Stadt Bern, zum Beispiel, kennt im Mittelalter eine reiche Fasnachtspraxis; die jedoch wird nach Einführung der Reformation von der Obrigkeit verboten. Im Jahr 1982 werden erstmals wieder eine Gassenfasnacht in der Altstadt und ein Umzug durchgeführt.
Die Zeit nach der Fasnacht: Fastenund Passionszeit
Die Fasnacht endet mit dem Aschermittwoch. An diesem Tag finden in der Regel Abendgottesdienste statt; der Priester formuliert gegenüber den Gläubigen den Satz aus dem Alten Testament «Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst» (vgl. 1. Mose 3,19) und zeichnet auf deren Stirn mit geweihter Asche ein Kreuz.
Diese Feier bildet den Auftakt für die Fastenzeit. Die dauert vierzig Tage, bis Ostern, und erinnert an Leiden und Sterben Jesu. Viele Christenmenschen, römisch-katholische und evangelischreformierte, pflegen in dieser Zeit eine bescheidene Lebenshaltung und etablieren regelmässig Momente der Stille und der Einkehr. In etlichen Kirchgemeinden finden Suppentage statt, in katholischen Kirchenräumen verhüllt ein sogenanntes Fasten- oder Hungertuch den Altar, um den Blick auf prachtvollen Schmuck zu verhindern und nach innen zu lenken.
Bis in die Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts sind Musik-, Theater- und Tanzveranstaltungen während der Fastenzeit verboten; ebenso wenig sind kirchliche Hochzeiten vorgesehen. Das sogenannte Tanzverbot für die Passionszeit beziehungsweise für den Karfreitag gilt heute in den meisten Schweizer Kantonen nicht mehr; einige allerdings, so der Kanton Bern, kennen noch immer Einschränkungen, zum Beispiel im Blick auf Öffnungszeiten oder erlauben Unterhaltungsveranstaltungen nur in geschlossenen Räumen.
Die Aktion «Timeout» – verzichten und gewinnen
Das Blaue Kreuz ist eine christliche Organisation, die sich für massvollen und verantwortungsbewussten Konsum einsetzt. Jeweils in den Wochen vor Ostern lädt sie zur Kampagne «Timeout – verzichten und gewinnen» ein. Unsere Kirchgemeinde ist heuer wieder ein Teil dieser Aktion.
Dabei geht es um einen Selbstversuch: Wie fühlt es sich an, wenn ich für eine gewisse Zeit auf ein bestimmtes Tun oder einen Konsumartikel verzichte? Was bedeutet es, eine Gewohnheit zu unterbrechen? Lohnt sich der Verzicht?
In den Wochen vor Ostern treffen wir uns regelmässig, um Erfahrungen und Einsichten zu teilen. An Ostern besuchen wir den Gottesdienst, feiern ein persönliches Fastenbrechen und frühstücken gemeinsam. Derweil lassen wir uns von Meister Eckhardt, dem Mystiker aus dem Mittelalter, inspirieren; er sagt: «Und plötzlich weisst du: Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.»
BRUNO BADER

