Die Blumen vor unserer Haustür – ein Rundgang durch Tarmak22
14.08.2026 KulturEnziane, getrocknete Alpenpflanzen, jahrhundertealte botanische Zeichnungen und Werke einiger der bedeutendsten Namen der zeitgenössischen Kunst: Die Sommerausstellung im Tarmak22 beginnt nicht in New York, London oder Venedig, sondern auf den Wiesen des Saanenlands. Kuratorin ...
Enziane, getrocknete Alpenpflanzen, jahrhundertealte botanische Zeichnungen und Werke einiger der bedeutendsten Namen der zeitgenössischen Kunst: Die Sommerausstellung im Tarmak22 beginnt nicht in New York, London oder Venedig, sondern auf den Wiesen des Saanenlands. Kuratorin Antonia Crespi führt uns durch «How to Dance in Flower Fields» – eine Ausstellung, die für mich in vielerlei Hinsicht wie eine Hommage an die Landschaft vor unserer eigenen Haustür wirkt.
JEANETTE WICHMAN
«Diese Ausstellung beginnt eigentlich mit der Flora des Saanenlands», sagt Antonia Crespi, als wir unseren Rundgang durch das Tarmak22 beginnen. Und genau dort anzusetzen, ist wichtig. Denn auf den ersten Blick könnte die Ausstellung ziemlich international wirken. Wolfgang Tillmans, Max Ernst, Chris Ofili, Franz Gertsch, Chiara Camoni und Álvaro Urbano gehören zu den Künstlerinnen und Künstlern, deren Werke hier zu sehen sind. Arbeiten also, denen man normalerweise eher in grossen Museen und Sammlungen begegnet als in einem ehemaligen Flugzeughangar am Gstaad Airport. Doch blickt man über die grossen Namen hinaus, fühlt sich «How to Dance in Flower Fields» erstaunlich heimatverbunden an.
An einer Wand hängen Pflanzen aus der Region, gesammelt, getrocknet und als wissenschaftliche Exemplare präpariert. Tarmak22 hat mit mehreren Schweizer botanischen Archiven zusammengearbeitet, um gezielt Material auszuwählen, das mit der Flora des Saanenlands und der umliegenden Alpen verbunden ist. Darunter sind Enziane – vermutlich die Blume, die wir am schnellsten wiedererkennen – ebenso wie botanische Zeichnungen und Pflanzenexemplare, die mehrere Jahrhunderte alt sind.
Crespi bleibt vor einem dieser Exemplare stehen. Selbst die Art und Weise, wie die Pflanze auf dem Blatt angeordnet wurde, fasziniert sie. Wurzeln, Stängel und Blüte sind mit einem Gespür für Komposition arrangiert. «Für mich ist das bereits sehr zeitgenössisch», sagt sie. «Diese Wissenschaftler waren die Künstler ihrer Zeit.» Und plötzlich betrachtet man ein Herbariumblatt mit ganz anderen Augen.
Wenn Wissenschaft zu Kunst wird
Einige der konservierten Pflanzen sind Jahrhunderte alt, und dennoch sind ihre Blätter, Stängel und Wurzeln erstaunlich deutlich erhalten. Daneben finden sich botanische Illustrationen aus einer Zeit, bevor die Fotografie das Dokumentieren von Pflanzen vergleichsweise einfach machte. Jede Blattader, jedes Blütenblatt und jede Wurzel musste genau betrachtet und gezeichnet werden. Die Detailtreue ist aussergewöhnlich.
Eine Gruppe von Zeichnungen aus dem Botanischen Garten in Genf dokumentiert Pflanzen, die an eine andere Sammlung zurückgegeben werden mussten. Bevor die Exemplare das Archiv verliessen, wurden sie gezeichnet, damit zumindest eine visuelle Dokumentation erhalten blieb. Betrachtet man diese Zeichnungen heute, wirken manche beinahe dreidimensional.
Diese Grenze zwischen wissenschaftlicher Dokumentation und künstlerischer Interpretation zieht sich durch die gesamte Ausstellung. Und sie wirft eine Frage auf, die umso interessanter wird, je weiter wir gehen: Wo genau endet das eine – und wo beginnt das andere?
Ein Botaniker konserviert einen Enzian, weil er Informationen enthält. Ein Illustrator hält ihn fest, weil Farbe und Details sonst verloren gehen könnten. Eine Künstlerin oder ein Künstler betrachtet dieselbe Pflanze und entdeckt darin womöglich eine völlig andere Bedeutung. Crespis Ausstellung bringt alle drei Perspektiven miteinander ins Gespräch.
Pflanzen, Menschen und alles dazwischen
Wir bleiben vor einem grossformatigen Werk der italienischen Künstlerin Chiara Camoni stehen, die für Crespi eine zentrale Rolle in der gedanklichen Entwicklung der Ausstellung spielt. Pflanzen, Fossilien und menschliche Formen ziehen sich über das Textil, gefaltet und auf dessen Oberfläche übertragen. Eine klare Hierarchie gibt es nicht. Menschliche, pflanzliche und andere Formen scheinen Teil desselben Systems zu sein. «Es ist alles ein Kreislauf», sagt Crespi. «Alles ist miteinander verbunden.»
Dieser Gedanke zieht sich durch «How to Dance in Flower Fields»: unsere Neigung, die Natur als etwas zu betrachten, das uns umgibt, statt als etwas, zu dem wir selbst gehören. Blumen blühen, sterben ab und kehren zurück. Pflanzen passen sich Hitze, Kälte und Wassermangel an. Sie ruhen. Sie regenerieren sich. Wir Menschen würden uns vielleicht gerne als etwas von diesen Kreisläufen Getrenntes betrachten, meint Crespi – doch tatsächlich haben wir weit mehr mit ihnen gemeinsam, als wir uns eingestehen.
Das klingt zunächst philosophisch. Hier im Saanenland aber wirkt der Gedanke keineswegs abstrakt. Wir stehen – und leben – mitten in den sichtbaren Beweisen dafür.
Von Max Ernst 1932 bis zu den Künstlern von heute
An einer anderen Wand hat Crespi Werke zusammengebracht, die sie als traumhafter, mystischer und spiritueller beschreibt. Ein Werk von Max Ernst aus dem Jahr 1932 zeigt tulpenähnliche Formen in Farben, die mit einer klassischen botanischen Darstellung wenig zu tun haben. Betrachtet man sie länger, beginnen sie an Teile eines menschlichen Körpers zu erinnern. Pflanze und Mensch verschmelzen. «Es ist so modern», sagt Crespi.
In unmittelbarer Nähe führen zeitgenössische Werke denselben Dialog Jahrzehnte später weiter. Chris Ofili nähert sich der Natur aus einer traumhaften, mythologischen Perspektive, während der spanische Künstler Álvaro Urbano Pflanzen in bemalte Metallformen verwandelt. Manche Zweige tragen Blätter, andere nicht. Sie scheinen dort zu wachsen, wo es ihnen gefällt, und dringen in den vom Menschen beanspruchten Raum ein. Für Crespi stehen sie für die Beharrlichkeit der Natur: wachsen, fallen, sterben und wiederkehren.
Und dann ist da Wolfgang Tillmans. Seine Fotografien holen Pflanzen in den Alltag – nicht auf eine idealisierte Alpenwiese oder in einen makellosen botanischen Garten, sondern an jene gewöhnlichen Orte, wo Menschen und Pflanzen nebeneinander existieren. Kleidung, Wohnräume und Vegetation teilen sich das Bild.
Die Ausstellung wechselt ständig zwischen diesen Grössenordnungen: die von einem Wissenschaftler sorgfältig konservierte Pflanze, die Blume neben der Kleidung eines Menschen in einer Wohnung, der Wald, der menschliche Körper, das gesamte natürliche System.
Ein ausgesprochen schweizerischer Dialog
Auch eine schweizerische Stimme zieht sich durch die Ausstellung. Franz Gertschs Auseinandersetzung mit Vegetation im Holzschnitt eröffnet eine weitere Interpretation der Landschaft, während eine Videoarbeit der in Zürich lebenden Monica Ursina Jäger uns in den Schweizer Wald führt. Bilder, Bewegung und Klang erzeugen etwas, das Crespi beinahe als eine Frequenz beschreibt. Statt einen Wald lediglich zu betrachten, beginnt man sich von ihm umgeben zu fühlen.
Das Werk beschäftigt sich mit Widerstandsfähigkeit, Lebensraum und jener Umwelt, zu der wir gehören – Themen, die in einem Sommer, in dem Hitze und Wassermangel sichtbare Spuren in der Landschaft hinterlassen haben, zusätzliche Dringlichkeit erhalten.
Steht man in einer Ausstellung, die mit Pflanzenexemplaren aus genau dieser Region ihren Anfang nimmt, lässt sich dieser Gedanke kaum als blosse Poesie abtun.
«Es geht nicht darum, alles zu verstehen»
Es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb Crespi gerade diese Ausstellung im Tarmak22 zeigen wollte. Sie möchte, dass die Menschen aus dem Saanenland kommen – auch jene, die sonst vielleicht an einer Galerie für zeitgenössische Kunst vorbeigehen würden, weil sie glauben, sie sei nicht für sie gedacht. «Kunst und ein Ort wie dieser sind dazu da, Freude zu machen», sagt sie. «Es spielt keine Rolle, ob man den Maler kennt oder etwas über die botanischen Hintergründe weiss.»
Vielleicht löst eine Farbe Unbehagen aus. Vielleicht zieht uns ein Werk an, ohne dass wir wissen, weshalb. Vielleicht gefällt uns etwas überhaupt nicht. Schon diese Reaktion ist Teil dessen, was es bedeutet, Kunst zu betrachten. Crespi vergleicht es mit dem Hören eines Musikstücks. «Wir müssen nicht unbedingt verstehen, wie es komponiert ist, bevor wir entscheiden können, ob es uns berührt.» Und vielleicht ist «How to Dance in Flower Fields» eine besonders geeignete Ausstellung, um genau diesen Gedanken auszuprobieren.
Beginnen Sie mit dem Enzian. Wahrscheinlich haben Sie schon einmal einen gesehen. Vielleicht wissen Sie sogar genau, wo er wächst. Betrachten Sie einen Enzian, der vor Generationen gesammelt und konserviert wurde. Sehen Sie, wie ein botanischer Illustrator einen anderen festgehalten hat. Und schauen Sie dann, was Max Ernst, Franz Gertsch, Wolfgang Tillmans oder eine zeitgenössische Künstlerin in derselben natürlichen Welt entdeckt.
Vielleicht ist genau das das beste Argument für einen Besuch im Tarmak22: nicht alles verstehen zu müssen. Nicht jeden Künstler zu kennen. Sondern einfach hinzuschauen. Und danach vielleicht nach draussen zu gehen – und noch einmal auf die Blumen zu schauen, mit denen alles begonnen hat.



