Die Dänen haben stark angeklopft
25.08.2026 KulturDas Royal Danish Orchestra hat bei der Premiere am Menuhin Festival seine klangliche Vielfalt eindrücklich unter Beweis gestellt. Und mit der französischen Dirigentin Marie Jacquot und dem dänischen Geiger Nikolaj Szeps-Znaider zusätzlich gepunktet.
...Das Royal Danish Orchestra hat bei der Premiere am Menuhin Festival seine klangliche Vielfalt eindrücklich unter Beweis gestellt. Und mit der französischen Dirigentin Marie Jacquot und dem dänischen Geiger Nikolaj Szeps-Znaider zusätzlich gepunktet.
SVEND PETERNELL
Das Debüt eines skandinavischen Klangkörpers im Festivalzelt von Gstaad schien unter keinem günstigen Stern zu stehen. Nicht ganz alle Mitglieder des Royal Danish Orchestra schafften es wegen eines flugtechnischen Missverständnisses rechtzeitig von Amsterdam, wo sie am Abend zuvor im Concertgebouw aufgetreten waren, ins Saanenland. So wurde der Beginn um eine halbe Stunde nach hinten verlegt.
Zeit aufzuholen war nicht möglich. Denn das, was das Dänen-Ensemble mitbrachte, entpuppte sich als reichhaltige musikalische Nahrung, die für richtiges Auskosten ihren Atem benötigte. Klar liessen sich die drei Orchesterstücke von Hans Abrahamsen (74) im Bereich von Romantik, afroamerikanischer Musik und impressionistischen Färbungen aufgrund der kurzen Spieldauer von sieben Minuten relativ schnell verdrängen – wer das denn wollte. Fakt ist, dass die einerseits minimalistischen und sphärischen, aber sehr rhythmischen Kompositionen des Dänen mit ihrer klanglichen Eigenwilligkeit bei internationalen Konzerthäusern sehr begehrt sind. «Det danske kapel», wie sich das Orchester in Original bescheiden nennt, offerierte ein leckeres Apérohäppchen, mit dem man gerne einstieg.
Blick auf romantischen Kern
In Johannes Brahms’ (1833–1897) Violinkonzert D-Dur op. 77 von 1878 war es der 51-jährige Nikolaj Szeps-Znaider, der sich als Solist zum dritten Mal nach 2011 und 2015 ins Rampenlicht des Menuhin Festivals stellen konnte. Geschickt verband er sich sogleich mit der ersten Geigerin und dem Orchester und interagierte überhaupt klug (genau, er ist selber auch Dirigent!). Auf seiner «Guarneri del Gesù»-Violine aus dem Jahr 1741 liess sich der Däne und Sohn polnisch-jüdischer Immigranten auf das von Heiterkeit und Vitalität, aber auch Melancholie und Schwankungen geprägte Werk ohne Umschweife ein – den Blick stets auf den romatischen Kern gerichtet. Er betonte die Weichheiten und Feinheiten im rasanten Schwung der anspruchsvollen Hochtempoläufe und erarbeitete auf dem Weg nach innen Klangfarben von verzehrender Innigkeit und berührender poetischer Kraft.
Derweilen leistete das Orchester aus Kopenhagen mit starken Streicherkapazitäten und den steten Impulsen der aufmunternd-wachsamen französischen Dirigentin Marie Jacquot (sie war einst auf dem Weg zur Spitzentennisspielerin und liess sich als Erstes zur Posaunistin ausbilden) ganze Arbeit. Es akzentuierte aufmerksam und mit Verve, überspannte nie und diente in jeder Hinsicht dem gesamten Klangbild und insbesondere der Essenz der Violine. Jacquot nahm geschickt Stufungen in der Klangintensität der einzelnen Register vor und holte gedämpft-schwebende Töne von besonderer Qualität heraus.
Heftiger Wellengang
Kein energetisches Halten mehr gab es bei Sergej Prokofjews Vertonung des Shakespeare-Dramas «Romeo und Julia». Als Ballettmusik 1935 komponiert, hat es der Russe (1891–1953) aufgrund der geringen Akzeptanz in der Tanzszene für drei Orchestersuiten (1936 und 1946) umgeschrieben. Und wie! Das literarische Werk über das klassische Liebespaar und dessen heftige Familienfehden ist bei Prokofjew ein wuchtiger Tempobolzer mit radikalen Akkorden und rauschhaften Emotionsschüben geworden – unterbrochen und konterkariert durch zarte Melodien der Intimität, Liebesinnigkeit und Todesahnung.
Wenn sich ein Orchester in so einen heftigen Wellengang hineinwirft, muss es mutig und – vor allem – sehr gut sein. Die Däninnen und Dänen haben sich für diesen «Lauf» mit Klavier, Streicher- sowie Bläserelementen und Schlaginstrumenten in grossem Stil verstärkt – einschliesslich Tenorsaxofon, Glockenspiel und Mandoline. Alles bereit für (meta)-physisches Klangopium? Durchaus! Das Royal Danish Orchestra gab den kühnen Harmonien und rhythmischen Brüchen Drive und Pep, übersteuerte kaum einmal, blieb präzise und transparent – und fand immer wieder gekonnt in weite, schwelgerische Melodienbögen hinein.
Schlachtgedröhne und Liebeslyrik
Die 36-jährige Chefdirigentin formte auch hier bewegungsintensiv und mit klaren Gesten, temperierte bisweilen auch, um im furiosen Schlachtgedröhne die instrumentalen Feinheiten herauszuheben. Aus den elf Nummernfolgen wuchs ein faszinierendes Panoptikum einer aus den Fugen gekippten Welt, die nur noch im Liebeslyrischen ein wenig zur Ruhe kommt. Und so wurde dieser monumentale 50-Minuten-Brocken – man darf von einem prägenden Werk der klassischen Moderne reden – zur Visitenkarte eines Orchesters, das bei seiner Premiere in Gstaad stark anklopfte und mehr verdient hätte als den nur knapp zur Hälfte gefüllten Zeltsaal.




