Die Lehrstunde
26.06.2026 KolumneSONJA WOLF
«En guete.» – «En guete!» tönt es durch die Räume bei Müller Medien. Meine Kollegen freuen sich auf eine entspannte Mittagspause. Für mich hingegen beginnt meine kleine tägliche Weiterbildung. Die Pausen mit meinen ...
SONJA WOLF
«En guete.» – «En guete!» tönt es durch die Räume bei Müller Medien. Meine Kollegen freuen sich auf eine entspannte Mittagspause. Für mich hingegen beginnt meine kleine tägliche Weiterbildung. Die Pausen mit meinen Schweizerdeutschen Kollegen gleichen fast immer einer Folge von «Wer wird Millionär?» – mit Dr. Google und Freund ChatGPT als Telefonjoker. Hui, da schwirrt schon die erste Aussage durch den Raum: «Egal, wo E-Hammer ist, meine Eltern sind auch dort!» E-Hammer, Moment, es ging ja gerade um Sport... Ist das nun eine neue E-Sports-Disziplin, von der ich noch nie gehört habe? Hammerwerfen elektronisch? Ah, voilà, nach kurzer Recherche die Erkenntnis: Gemeint ist natürlich der Schweizer Zehnkämpfer Simon Ehammer. Sport ist nicht wirklich das Gebiet, auf dem ich mit profundem Wissen glänzen kann – ganz im Gegensatz zu meinen Kollegen!
«Und, wie fandet ihr das Oberländische?» Während am Tisch angeregt über das Schwingfest diskutiert wird, versuche ich im Eiltempo, die grundsätzlichen Regeln und das Ziel beim Schwingen herauszufinden. Grosse Augen bekomme ich, als ich erfahre, dass es neben einem Gabentempel mit Werkzeugen, Uhren oder Glocken einen «Muni» als Hauptpreis gibt. Ich stelle mir vor, wie ich den Stier bei mir im dritten Stock auf dem Balkon festbinde und muss lachen. Geduldig erklärt mir eine Kollegin, dass die wenigsten Sieger den Muni mit nach Hause nehmen und was sonst damit passiert.
Noch faszinierender fand ich die Eishockey-WM, die meine Kolleg:innen mit Begeisterung verfolgt haben. Sogar auf mich ist etwas davon übergeschwappt. Zwar habe ich kein einziges Spiel gesehen, aber immerhin mitgefiebert, wenn die Schweiz wieder eine Runde weiterkam. «Warum gehen sich die Eishockeyspieler untereinander so hart an?», fragt meine Kollegin Susanne in die Runde. Sie ist ebenfalls aus Deutschland und ähnlich versiert in Sportfragen wie ich. Die Kollegen lachen und sagen: «So ist das eben!» Auch die KI kann uns nicht ganz schlüssig erklären, warum Eishockeyspieler lieber den Gegner rammen, statt einfach den Puck spielen. Aber egal, Konzentration! Die Diskussion ist schon längst weiter bei «Hühnerhautmomenten bei der Venus von Bümpliz». Wer bitte? Zum Glück hilft uns die Kollegin neben uns als Publikumsjoker schnell weiter: nicht Venus, sondern «W. Nuss» von der Band «Patent Ochsner». Während ich unwissend staune, hat Susanne ein erstes Erfolgserlebnis am heutigen Quiztag: Sie war sogar schon einmal an einem «Patent Ochsner»-Konzert! Eins zu null für sie! Andächtig lauschend lassen wir die inoffizielle Hymne über unser Handy in die Runde tönen, während die Diskussion schon längst wieder weitergewandert ist. Aber wir packen das! Seit ich gelernt habe, Marco Odermatt und Franjo von Allmen ohne hinzuschauen an Stimmfarbe und Dialekt auseinanderzuhalten, bin ich da doch recht zuversichtlich!
sonja.wolf@anzeigervonsaanen.ch
