«Viel schöner als im Film»
16.10.2026 SaanenDie Saanen Bridge zieht auch 30 Jahre nach den Dreharbeiten zum Bollywood-Klassiker «Dilwale Dulhania Le Jayenge» zahlreiche Fans an. Doch was bedeutet der unscheinbare Drehort den Besucherinnen und Besuchern? Ein Blick auf die Brücke aus ihrer Perspektive.
MAXIME ...
Die Saanen Bridge zieht auch 30 Jahre nach den Dreharbeiten zum Bollywood-Klassiker «Dilwale Dulhania Le Jayenge» zahlreiche Fans an. Doch was bedeutet der unscheinbare Drehort den Besucherinnen und Besuchern? Ein Blick auf die Brücke aus ihrer Perspektive.
MAXIME VÖGELE
Als ein Zug für einen kurzen Halt im Bahnhof Saanen einfährt, nutzen zwei Touristen die Gelegenheit, eine Szene aus dem Bollywood-Klassiker «Dilwale Dulhania Le Jayenge» (DDLJ) nachzustellen. Hamid Mehmood posiert in der offenen Zugtür, während ihn sein Kollege filmt. Als der Zugbegleiter ihnen warnend zuruft, springen die beiden zurück auf den Bahnsteig, sodass der Zug weiterfahren kann.«Ich weiss, es war nicht richtig, aber ich wollte die Szene nachdrehen», erzählt Mehmood anschliessend. Der Film wurde vor rund 30 Jahren unter anderem im Saanenland gedreht und zieht bis heute zahlreiche Fans in die Region. So auch den Pakistaner Hamid Mehmood, der eigentlich wegen einer Hochzeit in die Schweiz gereist ist.
Auf den Spuren eines Filmklassikers
Begleitet wird Mehmood von seinem Freund Arif Muhammad, der ebenfalls aus Pakistan stammt und seit 35 Jahren in Zürich lebt. Wenn ihn Bekannte aus seiner Heimat besuchen, zeigt er ihnen gerne die Drehorte des Films, der aufgrund der sprachlichen und kulturellen Nähe auch in Pakistan bekannt ist. «Ich war sicher schon hundert Mal hier», erzählt Muhammad lachend.
Was für die einheimische Bevölkerung eine alltägliche Brücke ist, hat für viele Besucherinnen und Besucher eine besondere Bedeutung. Das beobachtet auch Sathya Narayanan, gebürtiger Inder und Geschäftsmann, der seit mehr als 25 Jahren im Saanenland lebt und selbst Führungen zu den Drehorten indischer Filme anbietet. «Ein Besuch verbindet die Menschen mit dem Film, seiner Romantik und der Schweiz, in die sie sich erstmals auf der Leinwand verliebt haben», erklärt er. Für die Fans sei es ein besonderer Moment, persönlich an einem Ort zu stehen, den sie bislang nur aus dem Film kannten.
Ein lang gehegter Traum
Allerdings reisen längst nicht alle eigens wegen der Saanen Bridge ins Saanenland. Während einige gezielt die Drehorte besuchen, ist die Brücke für andere ein Zwischenstopp auf einer längeren Schweizreise, erklärt Narayanan.
So auch für Jasvinder und Manjit Kaur Singh. Die beiden stammen ursprünglich aus Indien, leben mittlerweile aber im australischen Brisbane. Schon seit mehr als 30 Jahren träumte Manjit Kaur Singh von einer Reise in die Schweiz. Eigentlich war diese für die Flitterwochen geplant, doch dazu kam es nie. Nun hat ihr Mann ihr den Wunsch zum 60. Geburtstag erfüllt.
In erster Linie sind die beiden wegen der Schweizer Natur angereist. Ein Besuch in Saanen war ursprünglich nicht vorgesehen. «Es stand nicht auf unserer Wunschliste», erzählt Jasvinder Singh. Während ihres Aufenthalts in Interlaken ergab sich jedoch ein freier Tag. «Da dachten wir uns: Warum schauen wir nicht nach, wo der Film gedreht wurde?»
Was steckt hinter dem Hype?
In den sozialen Medien hatten sie bereits zahlreiche Videos der berühmten Brücke gesehen. Nun wollten sie selbst herausfinden, was hinter dem Hype steckt. Zum Film haben sie auch einen persönlichen Bezug: Die beiden sind im indischen Punjab genau an jenem Ort aufgewachsen, an dem ebenfalls Szenen von DDLJ gedreht wurden. «Wir haben das Gefühl, dass wir eng mit dem Film verbunden sind. Er wurde quasi vor unserer eigenen Haustür gedreht», erklärt Jasvinder Singh. Schon auf der Fahrt ins Saanenland hätten sie darüber gesprochen, wie es hier wohl während der Dreharbeiten in den 1990er-Jahren ausgesehen habe. «Ich habe schon gesagt, wir sollten den Film noch einmal anschauen, wenn wir zu Hause sind.»
Auch ein weiteres Paar aus Indien ist an diesem Tag aus Bern angereist, um die Drehorte zu besuchen. Die beiden sind ebenfalls hauptsächlich wegen der Natur in der Schweiz unterwegs. Der Besuch in Saanen hat ihre Erwartungen übertroffen: «Was wir hier gesehen haben, war noch viel schöner als im Film. Man sieht all die Berge und das viele Grün. Im Film haben wir nur die Brücke gesehen, aber jetzt können wir das ganze Dorf sehen.»
Wo Filmromantik auf Alltag trifft
Die Saanen Bridge ist allerdings nicht nur Filmkulisse und Fotospot, sondern auch Teil des alltäglichen Verkehrs und Schulweg vieler Kinder. Narayanan ist sich der unterschiedlichen Bedürfnisse bewusst. Bei seinen Führungen achte er darauf, dass der Durchgang frei bleibt und Besuche nach Möglichkeit ausserhalb der Schulwegzeiten stattfinden.
Seiner Schätzung nach kommen allerdings rund 90 Prozent der Besucherinnen und Besucher ohne lokalen Guide zur Brücke. Gerade ihnen sei möglicherweise nicht bewusst, dass die Brücke auch ein Schulweg ist. Narayanan spricht sich deshalb für klarere Informationen und eine bessere Koordination der Besucherströme aus.
Auch Arif Muhammad kann nachvollziehen, dass es auf der Brücke zu schwierigen Situationen kommen kann. Rücksichtnahme sei für ihn selbstverständlich. Von negativen Begegnungen könne er allerdings nicht berichten: «Ich habe noch nie erlebt, dass jemand böse oder wütend war.»
Auf eigene Faust unterwegs
Jasvinder und Manjit Kaur Singh haben sich bewusst gegen eine geführte Tour entschieden. Ohne Zeitdruck könnten sie die Drehorte in ihrem eigenen Tempo entdecken. «Wir möchten noch etwas länger hierbleiben, einen Kaffee trinken und ein Stück Kuchen essen, die Sonne geniessen und weitere Erinnerungen sammeln», sagt Jasvinder Singh. Gleichzeitig verstehen die beiden, dass Führungen gerade für Menschen mit sprachlichen Schwierigkeiten hilfreich sein können. Anschliessend zieht es sie weiter zur Kirche Saanen, die ebenfalls als Drehort für den Bollywood-Klassiker diente.
ZUR PERSON
Sathya Narayanan ist selbst in Indien aufgewachsen und lebt seit mehr als 25 Jahren im Saanenland. Er führt mehrere Restaurationsbetriebe, einen Cateringservice, stellt Eis her und bietet begleitete Touren zu den Drehorten indischer Filme im Saanenland an.






