Die Seele bleibt seltsam unberührt
02.02.2026 KulturFür einmal schwappte die Begeisterungswelle nicht über: Am Eröffnungskonzert der Sommets Musicaux de Gstaad wollte der Mozart-Abend trotz regem Bemühen von Orchester und drei Solisten nicht so richtig Fahrt aufnehmen.
SVEND PETERNELL
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Für einmal schwappte die Begeisterungswelle nicht über: Am Eröffnungskonzert der Sommets Musicaux de Gstaad wollte der Mozart-Abend trotz regem Bemühen von Orchester und drei Solisten nicht so richtig Fahrt aufnehmen.
SVEND PETERNELL
Es gibt Tage, an denen alles bestens angerichtet ist für das Fest – hier der Violinen, die im Zentrum der 26. Sommets Musicaux de Gstaad stehen. Und dann gibt es diese Tage, an denen sich das bestimmte Etwas an einem Fest nicht richtig einstellen will – hier etwa eine musikalisch höhere Verbindung, die unsere Seele erwärmt. Auch wenn der Wille und das Können, einen Mozart zum Schwingen zu bringen, mehr als nur da ist.
Das Chamber Orchestra of Europe (COE), das den Eröffnungsabend in der Kirche Saanen bestreitet, ist ein ausgewiesener Klangkörper. Übers Ganze gesehen musiziert er sehr wachsam und agil. In der Cello-Besetzung setzt er sogar ausgesprochen farbige Akzente. Die Celli- und Oboen-Soli glänzen dabei ganz besonders.
Unwillkommene Schärfen
Im Concertone für zwei Violinen C-Dur (KV 190) – dieser mehr dem höfischen Etikett verpflichteten Komposition, die Mozart als 18-Jähriger 1774 schrieb – machen sich aber auch unwillkommene Schärfen bemerkbar. Motivwiederholungen und Kadenzen geraten im Streichund Bläserklang hart und wenig elegant. Liegts an einem Überschuss an Energie?
Mehr Raffinesse und Gleichgewicht in den Registern zeigt das COE in der zweiten Komposition von Mozart. Dessen fünf Jahre später geschriebene Sinfonia concertante für Violine, Viola und Orchester Es-Dur (KV 364) kommt wesentlich ausgereifter daher und bietet dem Orchester gerade im schwermütigen Andante C-Moll Raum und Möglichkeiten, um die Tempi auszugleichen und Tiefen auszuloten. Das COE wird dieser kummervollsten und bedrängendsten Tonart von Mozart hörbar gerecht. Und katapultiert sich im kurzen Finale Presto mit steilem Himmelsflug der verdrängten Sorgen in vibrierende Höhen.
Nicht so im Blickfeld
Für ein gelungenes Fest der Violinen braucht es auch den Orchesterchef und Solisten in Personalunion – und die angekündigten Solistenparts. Möglichst in Bestform und -laune. Renaud Capuçon, vor wenigen Tagen 50 geworden und seit zehn Jahren künstlerischer Leiter der Sommets Musicaux de Gstaad, wirft sich mit Verve in seine Doppelfunktion. Der Savoyer treibt das COE mit Elan voran. Er spielt seinen violonistischen Part mit der Leidenschaft eines Romantikers und der Präzision eines Edeltechnikers.
Weil er den Fokus mehr auf die Orchesterleitung legt und die Fixierung auf den Notenblättern bleibt, verliert er im Concertone die zweite Geigenstimme im übertragenen Sinn aus den Augen. Es ist jene von Clara-Jumi Kang (38). Die in Deutschland aufgewachsene Violinistin mit südkoreanischen Eltern gibt sich bescheiden-zurückhaltend und sucht ebenfalls keinen Blickkontakt. Mit ihrem klassisch-schnörkellosen Strich bildet sie auch stilistisch einen Gegenpol zu Renaud Capuçon. Das Befruchtende des miteinander Musizierens wird so nicht richtig spürbar.
Und weil die solistischen Ansprüche bei diesem frühen Mozart nicht die grossen Entfaltungsmöglichkeiten bieten, bleibt der musikalische Höhenflug aus und der Applaus in der nicht ganz ausverkauften Kirche freundlich-zaghaft. Mehr nicht. Begeisterung hört sich anders an.
Verbesserter Austausch
Einen Aufschwung gibt es im zweiten Teil. Mit dem hochgewachsenen französischen Bratschisten Paul Zientara (26) arbeitet sich Renaud Capuçon nun in lebendigerem musikalischkommunikativen Austausch durch die Sinfonia Concertante. Gerade im vielgestaltigen Allegro maestoso imitieren sie sich gegenseitig in einem lebendigen Hin und Her.
Die Komposition enthält spieltechnisch herrlich anspruchsvolle Klippen, an denen sich die Solisten messen: Hier die Brillanz des Verspielten (Capuçon), dort die Grundierung des Melancholischen (Zientara). Besonders im dunkel gefärbten Mittelteil haben sich die Solisten mit nuancenreichem Spiel sehr viel zu sagen: Und so finden die beiden mit dem Chamber Orchestra of Europe einen Weg, um die Seele doch noch zu berühren.


