«Die Suche nach der Wahrheit ist für mich noch nicht abgeschlossen»
23.02.2026 InterviewSeit 52 Jahren ist der Gstaader Edwin Oehrli Freimaurer. Im Interview spricht er über Geheimnisse, Selbstreflexion und darüber, warum kontroverse Diskussionen in der Bruderschaft möglich sind, ohne dass der Respekt verloren geht.
JONATHAN SCHOPFER
...Seit 52 Jahren ist der Gstaader Edwin Oehrli Freimaurer. Im Interview spricht er über Geheimnisse, Selbstreflexion und darüber, warum kontroverse Diskussionen in der Bruderschaft möglich sind, ohne dass der Respekt verloren geht.
JONATHAN SCHOPFER
Wie viele Freimaurer gibt es im Saanenland? Können Sie dazu etwas sagen?
Das sagen wir nicht. Es ist jedem einzelnen Freimaurer freigestellt, ob er sich nach aussen öffnen will oder nicht. Und die, die sich nicht öffnen wollen, haben ihre Gründe. Aber ja: Es gibt ein paar Freimaurer im Saanenland.
Wie sind Sie Freimaurer geworden?
Die Freimaurerei hat mich schon seit meiner Kindheit fasziniert – dieses Geheimnisvolle. Als ich später in Zürich gearbeitet habe, hat mich ein Kollege angesprochen und eingeladen.
Sie reden öffentlich darüber, dass Sie Freimaurer sind. Andererseits umgeben den Bund auch viele Geheimnisse?
Man kann heute sehr viel über die Freimaurerei lesen. Im Internet gibt es ein von Freimaurern gut kuratiertes «Freimaurer-Wiki», ein Online-Lexikon. Das einzige Geheimnis, das die Freimaurer haben, ist das, was jeder in sich drin trägt. Freimaurer treten nicht als Gruppe auf. Sie beschäftigen sich mit sich selber: Man schaut in sich hinein, um sich selber kennenzulernen. Bei der Aufnahme – das ist allgemein bekannt – verbringt man eine gute Stunde in der man über sein Leben nachdenkt. Und dann gibt es die Tempelfeier. Da sagt man natürlich nicht, was man dort macht, weil es Elemente gibt, die einen überraschen sollen. Die Kandidaten sollen überrascht werden. Wenn man vorher alles weiss, ist die Überraschung weg – und es packt einen weniger. Das ist der Sinn, warum man das geheim hält.
In Deutschland wurde der Mitgliederschwund vom obersten Freimaurer öffentlich gemacht. Ist das in Thun auch ein Thema?
Das ist ein Thema – ja klar. Der Mitgliederschwund ist in Thun aber nicht dramatisch und wir haben wieder eine ganze Anzahl Lehrlinge und Gesellen. Und in jeder Loge gibt es wiederkehrende Phasen: Plötzlich hat man Wartelisten, viele Mitglieder und dann genauso plötzlich hat man keine Kandidaten mehr. Vielfach weiss man gar nicht so recht, warum.
Sie sind nun rund seit 52 Jahren in der Bruderschaft und Sie sagen, dass man sich vor allem mit sich selber beschäftigt. Können Sie sagen, was sich bei Ihnen über die Jahre verändert hat?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich habe mich schon manchmal gefragt: Habe ich mich gewandelt oder habe ich mich nur selber verwirklicht? Bin ich einfach meinen Weg gegangen? Und eigentlich ist diese Frage, diese Suche nach der Wahrheit, für mich auch nach 52 Jahren Freimaurerei nicht abgeschlossen. Noch heute profitiere ich von den Gesprächen mit den Brüdern.
Wo suchen Sie nach der Wahrheit?
Die Freimaurer sind weit davon entfernt, die Wahrheit zu kennen – aber sie hören nicht auf, sie zu suchen. In meinen Lehrjahren suchte ich sie in der Bibel. Da haben mir Brüder aus der Loge gesagt: Du bist sympathisch, aber du bist schon ein bisschen eingebildet.
Ich habe mir etwas darauf eingebildet, dass ich die Gesetze der Bibel so gut kenne. In der Loge hiess es: Das ist nicht die einzige mögliche Wahrheit. Es gibt andere Wege. Es gibt in der Freimaurerei eine wunderschöne Symbolik als Wegweiser. Die drei grossen Lichter, die unsere ethischen Richtlinien sind: Das Buch der Heiligen Gesetze – bei den Christen ist das die Bibel – ordnet unser Zusammenleben, das Winkelmass prüft die Rechtmässigkeit unserer Handlungen, der Zirkel bestimmt unser Verhältnis zu den Mitmenschen. Was zählt ist, dass man das, was man in der Loge lernt, im Alltag umsetzt. Jeder auf seine Art in seinem Umfeld.
Welche Themen werden in der Loge diskutiert?
Alle Themen. Vor Jahren hatten wir eine Diskussion über Atomkraft. Ich habe zwei Referenten eingeladen – an zwei verschiedenen Abenden, nicht als Streitgespräch. Zuerst kam der ehemalige Direktor von Mühleberg und erklärte, was sie machen und wie Atomkraft funktioniert. Und dann haben wir jemanden von Greenpeace eingeladen. Und das Spezielle war: Beide haben nachher genau das Gleiche gesagt. Sie sagten, das hätten sie noch nie erlebt – dass eine Gruppe dermassen kontrovers diskutiert und unterschiedliche Meinungen hat, und trotzdem spürte man: Wir haben einander gern und sind brüderlich verbunden. Offenbar dringt etwas von dem, was wir da machen, auch nach aussen.

