Die Welt im Umbruch – Dr. Thomas Borer ordnet ein
30.06.2026 WirtschaftBeim Frühstücksanlass der Saanen Bank im Gstaad Yacht Club sprach der frühere Diplomat und Botschafter Dr. Thomas Borer über die geopolitischen Herausforderungen der Gegenwart. Dabei ordnete er die internationale Sicherheitslage, die Rolle der Schweizer ...
Beim Frühstücksanlass der Saanen Bank im Gstaad Yacht Club sprach der frühere Diplomat und Botschafter Dr. Thomas Borer über die geopolitischen Herausforderungen der Gegenwart. Dabei ordnete er die internationale Sicherheitslage, die Rolle der Schweizer Neutralität, das neue Vertragspaket mit der EU sowie die Bedeutung der Künstlichen Intelligenz für Wirtschaft und Politik ein.
MAXIME VÖGELE
«Einen Kaffee, ein ‹Gipfeli› am Morgen, das ist ein einfacher, bodenständiger Start in den Tag. Aber spätestens, wenn wir eine Zeitung aufschlagen, wird uns wieder bewusst, dass unsere Welt im Umbruch ist», mit diesen Worten begrüsste Jürg von Allmen, CEO der Saanen Bank, die Gäste des Frühstücksanlasses im Gstaad Yacht Club. Als Referent eingeladen war der frühere Diplomat und Botschafter Dr. Thomas Borer, der das aktuelle Zeitgeschehen und die Rolle der Schweiz, im Interview mit Beat Welten (Bereichsleiter Anlagekunden) und Gianluca Biggi (Leiter Portfoliomanagement), darin einordnete.
Steht die Welt vor einer neuen Ordnung?
Wer sich länger mit Geopolitik und internationalen Beziehungen auseinandersetze, sehe die aktuelle Weltlage etwas gelassener. Borer erklärte, durch die Medien entstehe der Eindruck, die Welt befinde sich in einer ganz neuen Phase der Weltpolitik. Dabei vergesse man, dass die Weltpolitik schon immer Wellenbewegungen gekannt habe. Als Beispiel nannte er die Suezkrise, den Nachrüstungsbeschluss oder die Irakkriege. «Der Unterschied ist jetzt, dass wir mit Präsident Trump jemanden haben, der seinen Finger auf wenig diplomatische Art in die bestehenden Wunden drückt», sagte Borer. Er sei aber zuversichtlich, dass die USA und Westeuropa künftig wieder zueinander finden werden, da sie sich ideologisch und wirtschaftlich am nächsten stehen und voneinander abhängig seien.
Ist die Schweizer Neutralität noch zeitgemäss?
Nach Borers Einschätzung war die Schweiz in der klassischen Kriegsführung der Vergangenheit ein «Trittbrettfahrer» Westeuropas und der Nato, da sie aufgrund ihrer geopolitischen Lage von deren Schutz profitieren konnte. Angesichts neuer Kriegstechnologien stelle sich die Sicherheitslage jedoch anders dar. Auf Drohnen, Langstreckenraketen und Cyberangriffe sei die Schweiz schlecht vorbereitet. Die Investitionen in neue Kampfjets seien aus seiner Sicht falsch priorisiert. Stattdessen solle die Schweiz Drohnen und Drohnenabwehrsysteme beschaffen. Dadurch könne auch das Vertrauen der Bevölkerung in die Abwehrfähigkeit gestärkt werden, das nach seiner Einschätzung derzeit fehle. «Man muss vorsichtig sein, wenn man sagt, es kann uns nicht viel passieren.»
Auch die Neutralität hält Borer für überholt: «Ich weiss, dass jeder Schweizer die Neutralität in den Genen trägt.» Nach seiner Auffassung habe die Neutralität ihre Relevanz vor allem in Zeiten gehabt, als an den Schweizer Landesgrenzen Krieg geführt worden sei. Das sei heute nicht mehr denkbar, weshalb sie an Bedeutung verloren habe. Die Neutralität sei ein Instrument, um Wohlstand und Unabhängigkeit zu wahren, wie dies in der Bundesverfassung festgehalten sei. Sie sei aber bei Weitem nicht mehr das wichtigste Instrument dazu.
Wie beurteilt Borer das EU-Vertragspaket für die Schweiz?
Für Dr. Thomas Borer sei das EU-Vertragspaket entscheidend für die künftige Entwicklung der Schweiz. Dass der Bundesrat von den «Bilateralen III» spreche, sei aus seiner Sicht irreführend. Anders als die bisherigen bilateralen Abkommen binde das Vertragspaket die Schweiz stärker an die Rechtsordnung und Institutionen der EU und komme deshalb einem Integrationsvertrag gleich. Borer habe das rund 2000-seitige Abkommen selbst gelesen und sagte: «Ich verstehe vieles nicht und ich bin nicht der Unerfahrenste in der Diplomatie.» Seine Devise sei: Verstehe man etwas nicht, dürfe man Nein sagen. Weiterverhandeln könne man danach immer noch.
Zudem kritisierte Borer die Kommunikation des Bundesrates. Aus seiner Sicht würden die Vorteile des Vertragspakets betont, die Gegenargumente jedoch kaum thematisiert. Auch dass die Abstimmung über die «Bilateralen III» lediglich dem Volksmehr und nicht zusätzlich dem Ständemehr unterbreitet werden sollen, sei ihm ein Dorn im Auge.
Für Borer beruhe die Stärke der Schweizer Wirtschaft auf den staatspolitischen Institutionen wie der direkten Demokratie und dem Föderalismus. Gerade deshalb würden die «Bilateralen III» der Schweizer Wirtschaft schaden. Dass bei einem Nein «die Welt untergehe», glaube er nicht. Die Schweiz sei ein wichtiger Handelspartner der EU und biete rund 400’000 Grenzgängerinnen und Grenzgängern aus der EU Arbeit. Borer ergänzte: «Wir besitzen mit unseren Alpenpässen die Strasse von Hormuz von Europa.»
Verlagert sich die Politik von Parlamenten in Rechenzentren?
Nach Borers Einschätzung findet im Bereich der Künstlichen Intelligenz derzeit eine der grössten geopolitischen Verwerfungen statt. Länder, die KI beherrschten, würden wirtschaftlich und militärisch an Bedeutung gewinnen. «Die Länder, die das nicht machen, werden verlieren.»
Die Schweiz sei bei der Erfindung der Künstlichen Intelligenz nicht vorne dabei, müsse diese aber in den Unternehmen einsetzen. Dies könne der Schweiz gelingen. Ein Problem sei jedoch, dass die Elektrizität, die KI-Systeme benötigten, in der Schweiz zu teuer sei. Zudem berge die Entwicklung kurzfristig soziale Herausforderungen, weil sich der Arbeitsmarkt erst anpassen müsse, weil die KI viele menschliche Aufgabenfelder übernehme, dafür andere KI-relevante Jobs schaffe. Im Unterschied zu vielen Nachbarstaaten verfüge die Schweiz nach Borers Einschätzung jedoch über die finanziellen Mittel, um eine vorübergehend höhere Arbeitslosigkeit abzufedern.
Welche Rolle spielen Diplomaten heute noch?
Die Diplomatie habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert, erklärte Borer. Die Schnelllebigkeit der neuen Medien und Akteure wie Donald Trump erschwerten aus seiner Sicht die Arbeit von Diplomatinnen und Diplomaten. Gespräche, die früher «in einem stillen Kämmerchen» geführt worden seien, hätten heute ein hohes Risiko, an die Öffentlichkeit zu gelangen. Trump sei mit seiner schwer berechenbaren Art ein schwieriger Gegenspieler in der Diplomatie.
Zudem gewännen Unternehmer zunehmend an Bedeutung in der Diplomatie. So verwies Borer auf die Zollverhandlungen mit den USA, bei denen Schweizer Unternehmer direkt mit Donald Trump am Tisch sassen. Dass Wirtschaftsvertreter diplomatische Aufgaben übernähmen, sei jedoch kein neues Phänomen. «Trump mag halt Milliardäre», witzelte Borer.
Nach dem Schlusswort von Dominique Huwiler (Mitglied der Geschäftsleitung) endete der offizielle Teil des Frühstücksanlasses. Das Interesse an Dr. Thomas Borer blieb jedoch ungebrochen: Zahlreiche Gäste nutzten die Gelegenheit, den ehemaligen Diplomaten persönlich anzusprechen und die Diskussion im kleinen Kreis fortzusetzen.

