Klassische Musik muss nicht immer lieblich sein. Das zeigte Patricia Kopatchinskaja, als sie am Samstag zusammen mit der Camerata Bern am Gstaad Menuhin Festival & Academy auftrat. Im Konzert «Zeit und Ewigkeit» setzte sie sich mit den grossen Themen des Lebens auseinander: ...
Klassische Musik muss nicht immer lieblich sein. Das zeigte Patricia Kopatchinskaja, als sie am Samstag zusammen mit der Camerata Bern am Gstaad Menuhin Festival & Academy auftrat. Im Konzert «Zeit und Ewigkeit» setzte sie sich mit den grossen Themen des Lebens auseinander: die Sinnsuche, der Glaube und die Hoffnung angesichts des ewigen Leidens der Menschen.
MARIE-LINE MICHEL
Patricia Kopatchinskaja beschreibt es so: «Es geht um Blut und Tränen gequälter Seelen. Und darum, ihnen eine Stimme zu geben.» Das von ihr kuratierte Konzert «Zeit und Ewigkeit» ist also keine leichte Kost. Melancholisch und dunkel bis skurril, dramatisch und verzweifelt klangen die Melodien zeitweilen. Anhand von Stücken von Karl Amadeus Hartmann, Guillaume de Machaut sowie Frank Martin und Johann Sebastian Bach hat sich Kopatchinskaja mit den grossen Themen des Lebens auseinandergesetzt. Dabei geht es um die Frage, ob Hoffnung angesichts des ewigen Leidens der Menschen, der kriegerischen Schrecken und bedrohlichen Situationen wie dem Klimawandel überhaupt noch angebracht ist.
Ein Wechselbad der Gefühle
Fast schon sphärisch war der erste Teil des Konzerts, gespielt von einem Teil der Camerata Bern zusammen mit Patricia Kopatchinskaja, ab und zu ergänzt durch Gesang oder Akkordeon. Der zweite Teil bestand aus einer Wechselfolge aus Frank Martins «Polyptyque» und Johann Sebastian Bachs «Johannespassion». Die Inspiration für das Werk, das Martin 1972 für Yehudi Menuhin komponierte, fand er in den Bildern der Passionsgeschichte von Duccio di Buoninsegnas. In einer Kathedrale in Siena – und am Samstagabend auf ein Leintuch in der Kirche Saanen projiziert – erzählen sie noch heute die Geschichte des Leidens der Menschen und ihrer Hoffnung nach der ewigen Erlösung. Auch Bach hatte sich mit der Passionsgeschichte auseinandergesetzt und sie unter anderem in seiner «Johannespassion» vertont. Im Gegensatz zu Martin waren Bachs Stücke harmonischer und so in gewisser Weise eine Erholung von dessen dramatisch-verstörenden Klangfolgen.
Ebenfalls wohltuend war es, den Musikerinnen und Musikern der Camerata Bern und Patricia Kopatchinskaja zuzuschauen. Dass sie ein eingespieltes Team sind, sah man sofort. Das Publikum war beeindruckt von der Weise, wie sie nicht nur musizierten, sondern während des Spielens miteinander kommunizierten.
Von Traurigkeit über Empörung bis zur Verzweiflung nahmen die Musikerinnen und Musiker das Publikum mit in diese Gefühlswelten, gaben ab und zu mit etwas leichteren Melodien wieder etwas Hoffnung, um diese sogleich wieder anzuzweifeln. Spätestens bei «Crux» von Luboš Fišer wurde der Weltuntergang spürbar. In der plötzlich dunkeln Kirche Saanen erklangen nur noch die leidenden Töne der Violine, zusammen mit den Totenglocken. Diese Schwere vermochte dann auch die letzte Abfolge von Martin und Bach nicht mehr richtig aufzuheitern und so wurde das Publikum mit einem mulmigen Gefühl in den wunderschönen Sommerabend entlassen.
PATRICIA KOPATCHINSKAJA
Aufgewachsen in einer moldauischen Musikerfamilie, ist Patricia Kopatchinskaja mittlerweile weitum bekannt als die Violinistin, die barfuss auftritt. In Wien studierte sie Komposition und Violine, später diplomierte sie in Bern an der Hochschule für Musik und Theater mit Auszeichnung. Seit 2018 ist sie die Leiterin der Camerata Bern.
MARIE-LINE MICHEL