Vor ein paar Tagen konnte man in der NZZ lesen, die Schweiz sei eine «Pöbelrepublik». Wie ehemals im Deutschen Bundestag, wo zum Beispiel der CDU-Abgeordnete Jürgen Wohlrabe auch schon mal «Herr Übelkrähe» genannt worden sei und Joschka Fischer dem ...
Vor ein paar Tagen konnte man in der NZZ lesen, die Schweiz sei eine «Pöbelrepublik». Wie ehemals im Deutschen Bundestag, wo zum Beispiel der CDU-Abgeordnete Jürgen Wohlrabe auch schon mal «Herr Übelkrähe» genannt worden sei und Joschka Fischer dem Bundestags-Präsidenten «Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch» zugerufen habe, seien solche «Verbalinjurien» genannte Zwischenrufe heute sogar im Schweizer Parlament zu vernehmen. Also, in unserem anständigen «Grüezi-Land», wo «bitte», «gerne» und «törft ich na?» an der Tagesordnung seien. Da höre man doch etwa im Bundeshaus Frau Nationalrätin Badran zu einer Studentin sagen, sie sei «dumm wie Brot». Aber auch Ständerat Daniel Jositsch bekomme zu hören, er sei ein «Alphamännchen», während einem Covid-Massnahmenkritiker vorgeworfen werde, er habe «keine Eier». Noch schlimmer sei es gewesen, als ein SVP-Nationalrat Frau Bundesrätin Simonetta Sommaruga doch tatsächlich den Rücktritt empfohlen habe.
Anhand solcher und anderer Beispiele befürchtet nun die NZZ nicht allein den Niedergang, sondern vielleicht sogar nichts weniger als den Zerfall unseres Staatswesens.
Ist die gute und uralte NZZ eigentlich noch bei Trost? Zwar ist es eigenartig und abstrus, wenn sich volljährige und gewählte Parlamentsmitglieder vermeintlich wie im Kindergarten aufführen. Aber deswegen von Pöbelei zu sprechen und sogar die Schweizerische Eidgenossenschaft als «Pöbelrepublik» zu bezeichnen, ist mehr als unklug. Denn noch heute steht «pöbeln» für «flegelhaftes Benehmen», «beleidigen» und «belästigen» und dies alles hatte man früher nur gerade dem «niederen Volk» zugetraut (nachzulesen im «Etymologischen Wörterbuch des Deutschen dtv», Akademie Verlag Berlin, 1995, Seite 1022).
Fühlt man sich durch die Umgangssprache geradezu verletzt, dann gehört man wohl zur gesellschaftlichen Elite, welche sich über so etwas sogar in der NZZ auch noch aufregen darf.
Was sagte doch jeweils mein Vater in einer solch ausserordentlich schwierigen Situation? «Gschäch nüt Schlimmers!»
OSWALD SIGG
JOURNALIST, EHEMALIGER BUNDESRATSSPRECHER
oswaldsigg144@gmail.com