Ein Anlass in einer Bierbrauerei zur Vernetzung von Frauen mit politischen Interessen
01.11.2024 PolitikAm 25. Oktober fand das überparteiliche Frauenforum 2024 statt. Mirta Grundisch von der SP Saanen gewährt uns einen Einblick in eine Organisation, die weibliche politische Kräfte bündelt und fördert.
Letztens hat das dritte überparteiliche ...
Am 25. Oktober fand das überparteiliche Frauenforum 2024 statt. Mirta Grundisch von der SP Saanen gewährt uns einen Einblick in eine Organisation, die weibliche politische Kräfte bündelt und fördert.
Letztens hat das dritte überparteiliche Frauenforum in der Bierbrauerei der Rugenbräu stattgefunden. Was Bierbrauen mit Frauenvernetzung zu tun hat? Sagen Sie es mir, denn ich weiss es nicht. Ich kann Ihnen jedoch eine andere Verlinkung bieten: Rugenbräu und Frauen in Leitungspositionen. Politik ist auch eine Art der Leitung – die Leitung unserer Gesellschaft und Zukunft.
Ich bin jung und neugierig, deshalb habe ich Ihnen eine persönliche Einschätzung von ein paar Fragen vorbereitet.
Sind Frauen in der Politik selbstverständlich?
Winzige Exkursion in die Schweizer Geschichte zu Frauen in der Politik. Seit 1971 gibt es das Stimmrecht für Frauen. Auch im Oberland hatten wir unsere Vorreiterinnen. Wie wir heute Podien und ähnliches organisieren dürfen, hatten sie damals einen wesentlich bescheideneren Handlungsspielraum. Beispielsweise Handarbeitsgruppen, bei denen sie etwas gesellschaftlich akzeptiertes und als «sinnvoll» erachtetes verrichteten, während sie über politische Themen sprachen.
Viele Errungenschaften unseres Sozialsystems wurden massgeblich durch Frauen in der Politik geprägt. So beispielsweise im Bereich der sozialen Sicherheit, insbesondere die AHV oder auch Punkte der Erwerbsarbeit und Familienpolitik.
Nun, 53 Jahre später, wurde vergangenes Wochenende zum ersten Mal in unserer Gemeindegeschichte eine Frau ins Gemeindepräsidium gewählt.
Wie kam ich eigentlich dazu?
Als Mädchen hielt ich es lange für selbstverständlich, dass jedes Geschlecht dieselben Rechte und Pflichten hat. So steht es seit 1981 auch ausdrücklich in der Bundesverfassung in Art. 8 Abs. 3: «Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre rechtliche und tatsächliche Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.» Dieser Absatz wurde 1981 in die Bundesverfassung aufgenommen und 2000 so angepasst, dass nicht nur die rechtliche, sondern auch die tatsächliche Gleichstellung explizit verankert ist.
Im Laufe meiner Sozialisierung wurde ich immer wieder mit einer anderen Realität der Gleichstellung konfrontiert. Unter anderem: Wo sind diese Frauen in leitenden Funktionen? Trotz Kita, Erwerbsersatzordnung, Bildungschancen, theoretisch gleichen Löhnen und ein paar Vorbildern. In unseren Köpfen? Na ja, fast. Dort sehe ich persönlich jedenfalls noch Entwicklungspotenzial.
Manchmal braucht es eine Stimme oder eben einen Schlüsselmoment, der sagt: «Mach mal, du kannst das.»
Mein Kopf wäre alleine wohl nicht auf die Idee gekommen, dass ich mal politisch aktiv sein werde – trotz meinem Interesse für politische Themen. Dann war es mehr durch Zufall plötzlich so. Na ja, eigentlich eher dadurch, dass andere Frauen mich anders wahrnahmen, als ich mich anfänglich selber. Der daraus resultierende Austausch war für mich persönlich ein Schlüsselmoment. So hörte ich eines Abends: «Hey, Mirta, ich glaube du würdest gut in unseren Parteivorstand passen.»
Nicht der unbezahlte zusätzliche Arbeitsaufwand und die damit verbundenen Zeitressourcen machten mir Gedanken. Sondern: «Kann ich das? Warum denkt sie, dass ich das kann? Ich bin doch gar nicht der Typ dafür.» Ich dachte noch über einen Witz nach, dass mein Vintagehemd wohl zu einer Verwechslung mit einem alten Herrn führte. Aber sie trug weder Hemd noch war sie ein Mann. Verena Roder ist bis heute ein Vorbild und eine Inspiration für mich.
Heute weiss ich: Alles ist erlernbar. Wichtiger ist wohl ein kleines Grundverständnis der eigenen Haltung. Und auch die kann sich entwickeln.
Dann gab es natürlich noch Reaktionen aus meinem Umfeld. Liebe Männer, werdet ihr das auch andauernd gefragt: «Politik ist hart. Kannst du denn mit deiner sensiblen Art der Kritik entgegenhalten?» Ja, denn ich mag konstruktives Feedback. Was nicht faires Feedback ist, sagt vermutlich mehr über mein Gegenüber, als über mich. Ah, und übrigens: Wisst ihr, was wirklich hart ist? Das Leben von Frauen in Afghanistan, aktuell besonders. Darum braucht es uns vielleicht auch in der Politik. Zum Erhalt unserer Stellung in der Gesellschaft und mehr Menschen, die zu ihrer Empathie stehen können. Das ist eine höchstpersönliche Meinung meinerseits.
So führte dann das eine zum anderen und heute bin ich als Parteivertretung im Organisationskomitee des überparteilichen politischen Frauenforums Thun-Berner Oberland. Ich bin stolz auf die Zusammenarbeit. Ich bin dankbar für das Lernfeld. So habe ich als Generation Z neulich gelernt, wie Facebook zu bedienen oder eigentlich mehr, wie Marketing funktionieren kann. Aber am meisten lernte ich, dass Menschen aus freiem Willen einander fördern und unterstützen können. Mensch, bedenke die parteiliche Spannweite – von SVP bis SP. Wir haben gemeinsame Ziele, an denen wir gemeinsam arbeiten sollten. Danke dafür.
Es gibt mir persönlich auch Hoffnung, an unseren SP-Saanen-Versammlungen nicht mehr so oft die einzige Frau zu sein. Denn eigentlich sind wir sehr offen und brauchen politischen Nachwuchs. Genauso andere Parteien auch.
Aber wer sind wir eigentlich?
Motivierte Frauen aus den Parteien SVP, EDU, FDP, EVP, Die Mitte, GLP, Grüne und SP, mit dem Ziel, Frauen zu vernetzen und in ihrer, beziehungsweise zur politischen Tätigkeit zu bestärken.
Was war das Programm dieses Forums?
Den Einstieg gestalteten wir mittels einer Führung durch die Brauerei eher informell und persönlich. Platz für Nahbarkeit. Egal, welche Positionen und Posten wir innehaben – wir sind alles Menschen.
Der von rund 110 Teilnehmerinnen besuchte Hauptteil des Anlasses war das Podiumsgespräch zum Thema «Schlüsselmomente auf meinem Weg». An der Diskussion beteiligt waren SP-Nationalrätin Ursula Zybach aus Spiez, die 19-jährige Sigriswilerin sowie zweifache Schweizer Meisterin im Speerwurf, Sabrina Boss, Bierbrauerin Claudia Santiago-Stucki, Daniela Wiest, Geschäftsführerin der Spitäler Frutigen Meiringen Interlaken AG, und Bergbäuerin Annarös Steuri aus Grindelwald.
Was ich persönlich mitnehme vom dritten Forum?
Dass wir selbst gute Entscheidungen treffen können. Ja, das können Frauen übrigens. Dazu stehen hoffentlich auch. Gute Entscheidungen braucht es gerade auch in politischen Parteien und unserem Parlament. Oder eben auf Gemeindeebene im Gesundheitswesen, wie sich gezeigt hat. Alle diese Frauen haben Schlüsselmomente beschrieben, anhand derer sie Entscheidungen getroffen haben. Wenn nicht sogar die Entscheidung der eigentliche Schlüsselmoment war. Plus: Wie wichtig es ist, dass wir einander zuhören, uns wahrnehmen und uns ermutigen.
Ich freue mich auf unser nächstes überparteiliches politisches Frauenforum: am 30. Oktober 2025 in der Region Thun.
MIRTA GRUNDISCH, SP SAANEN
Mirta Grundisch ist Vorstandsmitglied im Regionalverband SP Berner Oberland und OK-Mitglied des überparteilichen politischen Frauenforums Thun-Berner Oberland.