Ein Flugunfall nach Drehbuch
20.10.2026 RegionEin verunglückter Jet, mehrere Verletzte und zahlreiche Einsatzkräfte: Auf dem Flugplatz St. Stephan wurde am Donnerstagabend der Ernstfall geprobt. Die verschiedenen Blaulichtorganisationen mussten dabei Hand in Hand arbeiten. Der «Anzeiger von Saanen» war vor Ort und erhielt Einblick in ...
Ein verunglückter Jet, mehrere Verletzte und zahlreiche Einsatzkräfte: Auf dem Flugplatz St. Stephan wurde am Donnerstagabend der Ernstfall geprobt. Die verschiedenen Blaulichtorganisationen mussten dabei Hand in Hand arbeiten. Der «Anzeiger von Saanen» war vor Ort und erhielt Einblick in die Herausforderungen eines solchen Einsatzes.
MAXIME VÖGELE
Flammen schlagen neben einem beschädigten Jet in die Höhe, Rauch steigt auf. Einige Meter entfernt liegt ein dreirädriges Fahrzeug auf der Seite. Darin eine Frau, die um Hilfe ruft. Feuerwehrleute bekämpfen die Flammen, Sanitätsleute kümmern sich um Verletzte, Polizist:innen versuchen, sich einen Überblick zu verschaffen. Auf dem Flugplatz St. Stephan ist einiges los.
Zum Glück der Beteiligten ist das am 15. Oktober nur eine Übung. Das Szenario: Ein Jet kollidiert bei der Landung mit einem dreirädrigen Motorfahrzeug, das die Signale des Flugplatzes missachtet hat. Der Jet gerät von der Piste. Die beiden Piloten werden verletzt, während die unverletzten Passagiere das Flugzeug nicht selbstständig verlassen können. Auch die Lenkerin des Fahrzeugs wird verletzt.
Rund 90 Personen sind insgesamt an der Einsatzübung beteiligt. Solche Übungen finden auf dem Flugplatz St. Stephan alle drei Jahre statt. Die diesjährige ist die erste seit der zivilen Umnutzung des ehemaligen Militärflugplatzes. Im vergangenen Jahr erhielt die Betreiberin Prospective Concepts Aeronautics AG (PCA) dafür die entsprechende Bewilligung des Bundesamts für Zivilluftfahrt (BAZL). Nun wird unter anderem getestet, ob das neu eingerichtete Alarmsystem funktioniert.
Fantasievoller Jet
So realitätsnah die Übung auch angelegt ist, etwas Vorstellungskraft braucht es: Der Jet ist eine Konstruktion aus einem erhöhten Auto und einem Anhänger mit einer Flugzeugattrappe. Die Feuerwehr hat sie gemeinsam mit dem Flugplatzbetreiber vorbereitet. Die Verletzten werden von Statist:innen dargestellt, teilweise mit künstlichen Wunden.
Mit der Alarmierung setzt sich die Rettungskette in Bewegung. Als Erste ist die Feuerwehr Airport St. Stephan am Unfallort. Bei Landungen von Flugzeugen einer bestimmten Grösse muss sie bereits vor Ort einsatzbereit sein. Ihr neongelbes Löschfahrzeug nähert sich vom anderen Ende der Piste – ohne Blaulicht und Sirene. Kein Versehen, erklärt Gesamtübungsleiter Thomas Lehmann: Sondersignale sind bei Übungsfahrten grundsätzlich nicht erlaubt.
An mehreren Fronten gleichzeitig
Die Flugplatzfeuerwehr beginnt mit den Löscharbeiten. Verstärkung ist unterwegs, doch wie bei einem echten Einsatz rücken die Organisationen von ihren üblichen Standorten aus. Als die Ortsfeuerwehr St. Stephan eintrifft, unterstützt sie die Löscharbeiten. Immer wieder lodern die Flammen auf.
Wenige Meter entfernt erkundigt sich ein Feuerwehrmann nach den Verletzungen der eingeklemmten Frau und versucht, sie zu beruhigen. Gleichzeitig werden die vier Insassen des Jets geborgen. Die Kantonspolizei sichert den Unfallbereich und befragt Personen vor Ort. Weitere Statist:innen stellen Angehörige der Flugzeuginsassen dar, die ebenfalls betreut werden müssen.
Mit dem Eintreffen des Sanitätsdienstes der STS AG werden die Verletzten versorgt und die medizinischen Massnahmen koordiniert. Die Betroffenen werden nach dem Schweregrad ihrer Verletzungen eingeteilt, um die Behandlung und den Transport zu organisieren.
Aufschneiden oder aufrichten?
Inzwischen ist der Brand am Jet weitgehend unter Kontrolle. Weitere Feuerwehrleute können sich deshalb der eingeklemmten Frau zuwenden. Gemeinsam mit dem Sanitätspersonal stehen sie vor der Frage, wie sie die Patientin befreien können. Die Frau klagt weiterhin über Schmerzen und Atemnot. Ihr Fuss ist eingeklemmt, die nach oben gerichtete Tür bietet keinen geeigneten Ausstieg. Front- und Heckscheibe sind bereits entfernt worden, um sie besser versorgen zu können.
Zunächst versucht die Feuerwehr, das Fahrzeug aufzuschneiden. Als dies nicht gelingt, entscheidet sie sich, es aufzurichten. Ein Feuerwehrmann stabilisiert die Frau vom kleinen Kofferraum aus, während mehrere Feuerwehrleute und Sanitäter gemeinsam anpacken. Von Hand stellen sie das Fahrzeug zurück auf seine Räder. Anschliessend wird die Frau mit einem Rettungsbrett geborgen und auf die Ambulanztrage gelegt. Rund eine Stunde nach Beginn der Übung ist sie befreit. Die vier Insassen des Jets können den Unfallort zu Fuss verlassen, teilweise gestützt von Einsatzkräften.
Wo die Fäden zusammenlaufen
Bei so vielen gleichzeitigen Einsätzen ist die Koordination entscheidend. Die Verantwortlichen der verschiedenen Organisationen treffen sich deshalb zu einem gemeinsamen Rapport unter der Leitung der Kantonspolizei Bern. Im Kanton Bern ist die Ereignisbewältigung eine kantonale Aufgabe, wobei die Einsatzkoordination gemäss Bevölkerungsschutzverordnung der Kantonspolizei obliegt. Auf Plakaten an einem Einsatzfahrzeug werden Zuständigkeiten, Meldungen und offene Aufgaben festgehalten. So behalten die am Rapport teilnehmenden Einsatzleiter den Überblick.
Allmählich beruhigt sich die Situation. Die Einsatzkräfte sollen ihre Arbeiten fortsetzen und sich später erneut zum Rapport treffen. Doch einer der Übungsleiter schaltet sich ein: «Regieanweisung: Schlussrapport findet in einer Viertelstunde statt.» Denn trotz aller Ernsthaftigkeit folgt das Geschehen einem Zeitplan. Nach einer Stunde und 45 Minuten soll die praktische Übung abgeschlossen sein.
Nach der Rettung ist nicht Schluss
Bei einem tatsächlichen Flugunfall wäre damit noch längst nicht alles erledigt. Der Unfallhergang müsste untersucht und das beschädigte Flugzeug geborgen werden. Deshalb sind auch Vertreter der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) beteiligt. Sie untersuchen Flugunfälle, um mögliche Sicherheitsmängel aufzudecken und künftige Unfälle zu verhindern. Bei der Übung weisen sie die Polizei darauf hin, Webcam-Aufnahmen zu sichern und Kontaktdaten möglicher Zeugen aufzunehmen.
Nach der praktischen Übung besprechen die Organisationen mit ihren Beobachtenden, was funktioniert hat und wo Verbesserungen nötig sind. Bei der Kantonspolizei leitet Martin Rohr die Nachbesprechung. Er hat die Übung als Beobachter begleitet und ist bei der Kantonspolizei Bern für die Einsatzführung verantwortlich.
Im Mittelpunkt stehen die Koordinationsrapporte. Entscheidend sei nicht nur der Informationsaustausch, sondern auch, wann und mit wem dieser stattfinde. Ein etwas früherer Koordinationsrapport hätte geholfen, schneller einen Überblick über die Lage zu erhalten. Auch die Funkkommunikation verlief nicht reibungslos, weil die Organisationen teilweise unterschiedliche Systeme verwendeten.
Positiv hebt Martin Rohr hingegen hervor, dass die regelmässig geschulten kantonalen Einsatzführungsprozesse angewandt worden seien und klare Strukturen in der Ereignisbewältigung geschaffen hätten. Dass bei einer solchen Übung nicht alles perfekt laufen muss, gehört für ihn dazu: «Wir dürfen mal etwas falsch machen oder etwas vergessen.» Die daraus gewonnenen Erkenntnisse würden anschliessend in die Schulungen einfliessen. «Wir werden dadurch besser und rüsten uns für die Echteinsätze.»
Positive Bilanz
Auch in der gemeinsamen Schlussbesprechung mit allen Beteiligten ziehen die Verantwortlichen eine positive Bilanz. Besonders die Überprüfung des neuen Alarmsystems ist gelungen. «Die, die auf den Platz kommen müssen, sind gemäss der Notfallplanung am Schluss auch dort gestanden», hält Gesamtübungsleiter Thomas Lehmann fest. Auch die Zusammenarbeit wird positiv beurteilt.
Die Rückmeldungen der Beobachtenden werden nun in einem Schlussbericht festgehalten und mit dem Flugplatzbetreiber, dem BAZL und den beteiligten Organisationen ausgewertet.
Die Einsatzfahrzeuge stehen still, die Besprechungen sind abgeschlossen. Nun bleibt Zeit für den gemütlichen Teil: Im Hangar kommen die Beteiligten bei Hamme und Kartoffelsalat zusammen.
WARUM FINDEN SOLCHE EINSATZÜBUNGEN STATT?
Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) stellt Anforderungen an die Notfallplanung und die Durchführung von Einsatzübungen auf Flugplätzen. Auf dem Flugplatz St. Stephan findet alle drei Jahre eine solche Übung statt.
Welche Übungen durchgeführt werden, wird im Kanton Bern in Absprache mit der Kantonspolizei, mit dem Feuerwehrinspektorat und den Rettungsdiensten geplant. Das jeweilige Szenario erarbeitet die Übungsleitung gemeinsam mit dem Flugplatzbetreiber und stimmt es anschliessend mit dem BAZL ab. Dabei werden unterschiedliche Notfallsituationen simuliert, um die vorgesehenen Einsatzabläufe und das Zusammenspiel der beteiligten Organisationen zu überprüfen.
MAV

















