Ein gefundener «Grabstein» sorgt für einen Lichtblick im Drohnenhagel
06.01.2026 KolumneANITA MOSER
Ein ukrainischer Soldat fand in einem Secondhandladen in der Hauptstadt Kyjiw die militärische Erkennungsmarke – den Grabstein – eines Soldaten aus dem Saanenland. Die Ehefrau des Soldaten hat sich per Mail an den «Anzeiger von Saanen» gewandt, ...
ANITA MOSER
Ein ukrainischer Soldat fand in einem Secondhandladen in der Hauptstadt Kyjiw die militärische Erkennungsmarke – den Grabstein – eines Soldaten aus dem Saanenland. Die Ehefrau des Soldaten hat sich per Mail an den «Anzeiger von Saanen» gewandt, um die Familie zu finden. Noch bevor wir einen Aufruf in dieser Zeitung machen konnten, war die Familie des Soldaten gefunden. Die Reaktion der Ehefrau des ukrainischen Soldaten auf meine Nachricht hat bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen und beschämt mich auch ein bisschen.
Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine beschäftigt mich seit dem ersten Tag. Ich schlief schlecht in der Nacht auf den 24. Februar 2022, erwachte um fünf Uhr morgens und als Erstes schaute ich auf meinem Natel die Nachrichten. «Also doch!» war mein erster Gedanke. Krieg kannte ich bisher nur aus den Geschichtsbüchern, aus den Nachrichten, aus der Presse. Meine Mutter – sie wurde eingeschult, als der Zweite Weltkrieg begann – erzählte manchmal, dass sie die Fenster verdunkeln mussten oder dass sie Bomber über dem nahen Deutschland gehört hatten.
Ich leide mit den Menschen in Kriegsgebieten, mit jenen, die an Hunger leiden und sterben. Aber noch nie hat mich ein Krieg so beschäftigt, so belastet wie jener in der Ukraine. Das hat verschiedene Gründe: Einerseits ist es wohl die Nähe, andererseits bin ich seit ein paar Jahren Grosi. Wie sieht die Zukunft meiner Enkelkinder aus? Können sie ihr Leben so unbeschwert leben, wie meine Generation das grösstenteils konnte und immer noch kann? Gedanken, die mich seit dem 24. Februar 2022 oft beschäftigen.
Und dann kommt Anfang November diese Mail aus der Ukraine. Olha und ihr Mann, ein ukrainischer Soldat auf Urlaub, hatten in einem Secondhandladen die militärische Erkennungsmarke – den Grabstein, wie man hierzulande sagt – eines Soldaten aus der Gemeinde Saanen gefunden. Ob es wohl möglich wäre, die Familie dieses ehemaligen Soldaten, der im kommenden Jahr hundertjährig würde, zu finden? Aufgrund des Namens des Soldaten – Marcel Müllener – fanden wir die Angehörigen ohne einen entsprechenden Aufruf in unserer Zeitung.
Aber mehr noch als das erste Mail aus der Ukraine beeindruckt mich die Antwort auf meine Nachricht, dass wir die Familie des Soldaten ausfindig gemacht hatten.
Olha schreibt: «Guten Abend, liebe Frau Anita, ich freue mich sehr über Ihre Nachricht, dass Sie die Angehörigen von Herrn Marcel gefunden haben. Vor Freude wäre ich fast vom Stuhl gefallen, denn ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt, dass das überhaupt möglich sein könnte. In unserer Stadt gab es heute Nacht bis zum Morgen Explosionen. Ich habe fast die ganze Nacht nicht geschlafen und stand im Flur zwischen zwei Wänden. Leider gibt es Tote, Verletzte und viele Zerstörungen. Ihre Nachricht hat mich ein wenig von den traurigen Ereignissen abgelenkt. (…) Insgesamt sieht die Geschichte wie ein echter Krimi oder ein Drehbuch für einen Film aus. (…) Nicht ohne Grund hat diese Erkennungsmarke den weiten Weg von der Schweiz in die Ukraine zurückgelegt. Vielleicht, um uns allen noch einmal zu zeigen, dass es in Wirklichkeit keine Grenzen gibt, dass menschliche Schicksale überall interessant und unvorhersehbar sind, dass Güte und Menschlichkeit keine Nationalität oder irgendwelche Hindernisse haben. (…) Ich beende meinen Brief mit der Meldung einer weiteren Luftalarmwarnung. Ich möchte glauben, dass ich nicht wieder im Flur übernachten muss.»
Noch vor wenigen Jahren war das Leben in der Ukraine mehr oder weniger vergleichbar mit unserem. Und jetzt? Unsägliches Leid, Tod, Verletzungen. Familien werden auseinandergerissen, viele kämpfen an der Front, geben ihr Leben für ihr Land, für ihre Angehörigen. Wer kann, flüchtet. Wer kann es ihnen verdenken?
Und wir? Klar, auch wir haben Probleme und Herausforderungen, die aktuelle Wirtschaftslage sieht je nach Branche weniger rosig aus als bisher, der Druck auf die Arbeitsplätze nimmt zu, auf der anderen Seite gibt es Fachkräftemangel usw. «Du darfst die Hoffnung nicht verlieren», sagt man mir oft.
Auch unsere Eltern hätten nach dem Zweiten Weltkrieg allen Grund gehabt zu zweifeln. Und dennoch haben sie die Hoffnung nicht verloren, haben sich den Herausforderungen gestellt, haben Familien gegründet. Die letzten Jahrzehnte waren wirtschaftlich sehr erfolgreiche Jahre, es ging eigentlich stets aufwärts – zumindest hier bei uns.
Die Zeiten haben sich geändert. Die Demokratien sind unter Druck. Die Bedrohungslage nimmt weltweit zu, viele Länder rüsten militärisch auf. Mir fällt es derzeit schwer, die Hoffnung auf eine friedliche und gerechtere Welt nicht zu verlieren. Olha aber hat die Hoffnung, die Zuversicht nicht verloren: «Nicht ohne Grund hat diese Erkennungsmarke den weiten Weg von der Schweiz in die Ukraine zurückgelegt. Vielleicht, um uns allen noch einmal zu zeigen, dass es in Wirklichkeit keine Grenzen gibt, dass menschliche Schicksale überall interessant und unvorhersehbar sind, dass Güte und Menschlichkeit keine Nationalität oder irgendwelche Hindernisse haben.» Liebe Olha, Sie sind mir ein Vorbild.
Das ganze Jahr über sind wir Journalistinnen und Journalisten mit Leidenschaft im Einsatz, um jede Woche zwei Zeitungen zu gestalten, die nicht nur über Relevantes und Wichtiges informieren, sondern auch Geschichten enthalten, die fesseln und manchmal zum Schmunzeln bringen. In unserer Serie «Mein persönliches Highlight» teilen wir stets Ende Jahr die Geschichten, die uns tief berührt, zum Lachen gebracht, zum Grübeln angeregt oder einfach begeistert haben. Kurz gesagt: Momente, die uns nicht losgelassen haben.

