Ein Gesamtkunstwerk zwischen zwei Buchdeckeln
30.06.2026 GstaadFast zwei Jahrzehnte lang verband das Projekt Powerstation Art Kinder, Künstler und Familien aus der Schweiz und den Niederlanden. Mit einem aufwendig gestalteten Erinnerungsbuch hat Initiantin Hanneke Frühauf dem Projekt nun einen persönlichen Abschluss gegeben und ...
Fast zwei Jahrzehnte lang verband das Projekt Powerstation Art Kinder, Künstler und Familien aus der Schweiz und den Niederlanden. Mit einem aufwendig gestalteten Erinnerungsbuch hat Initiantin Hanneke Frühauf dem Projekt nun einen persönlichen Abschluss gegeben und überreichte das Werk vergangene Woche den Wegbegleitern in Gstaad.
SONJA WOLF
Eigentlich hatte das Projekt Powerstation Art (siehe Kasten) im Jahr 2023 bereits mit einer würdevollen und zugleich heiteren Zeremonie seinen Abschluss gefeiert und hätte ad acta gelegt werden können.
Aber nur eigentlich. Denn zum einen treffen sich die Hauptpersonen des Projekts – die «Cheesager» – noch immer. Nach so einer verbindenden Projekterfahrung sind tatsächlich tiefe Freundschaften entstanden. Und zum anderen überraschte die Initiantin Hanneke Frühauf alle Beteiligten nun mit einem sehr persönlichen Geschenk: einem Buch, das die rund 20 Jahre Projektarbeit Revue passieren lässt. Letzten Donnerstag überreichte sie das über zwei Kilogramm schwere Werk den hiesigen Freunden und Begleitern des Projekts im Posthotel Rössli. Zusammen mit ihrem Mann Karol war sie eigens aus dem schweizerischen Baden angereist – mit über 40 Kilogramm Büchern im Gepäck.
Viel mehr als eine Chronik
Mit grossem Interesse blätterten die ehemalige Leiterin der Jugendarbeit Saanenland Rosa Reiter, Susanne Staub, die Mutter des heimischen Käsekindes Liv oder der ehemalige Gemeindeschreiber von Saanen und langjährige Projektbegleiter Markus Iseli Seite für Seite durch das Werk. Gemeinsam mit Hanneke Frühauf wurden beim Apéro Erinnerungen wach, Geschichten erzählt und immer wieder herzhaft gelacht – manchmal auch mit feuchten Augen.
Das Buch weckt intensive Erinnerungen. Denn die Initiantin hat nicht einfach chronologisch die Stationen des fast zwei Jahrzehnte dauernden Projekts festgehalten, sondern in zweijähriger Kleinstarbeit unzählige Fotografien, Ausschnitte aus Programmen, Beiträge aus dem «Anzeiger von Saanen», Briefe der Eltern oder Texte der damaligen Kinder zusammengetragen. Der Titel «Ein Projekt wie ein Gesamtkunstwerk» ist dabei Programm. Das Buch würdigt nicht nur die Initiantin oder die Künstlerinnen und Künstler, sondern ebenso Eltern, Behörden, Gastfamilien und unzählige Helfer. Es ist Chronik, persönliches Tagebuch und Fotoalbum zugleich.
Ein Geschenk an alle Mitwirkenden
Dass ein solches Werk überhaupt entstehen konnte, ist nicht selbstverständlich. Hanneke Frühauf trug sämtliche Inhalte zusammen und platzierte sorgfältig die Bilder. Ihr Mann Karol übernahm die technische Seite der Textverarbeitung und die Aufbereitung für den Verlag. 200 Exemplare liessen die beiden auf eigene Kosten drucken. Rund 150 davon gingen bereits an ehemalige Käsekinder, Künstlerpatinnen und -paten, Behördenvertreter, Gastfamilien und weitere Wegbegleiter. Für den Buchhandel ist das Werk nicht gedacht. «Es ist ein Dank an alle, die mitgemacht haben», sagte Karol Frühauf. «Und auch für uns eine Genugtuung zu sehen, was wir gemeinsam geschaffen haben.»
Ein Buch, das neue Kraft gab
Dass das Buch überhaupt fertig werden konnte, grenzt fast an ein kleines Wunder. Während der rund zweijährigen Arbeit daran war Hanneke Frühauf schwer erkrankt und musste längere Zeit im Spital verbringen. Doch gerade dort wurde das Buch für sie selbst zu einer Kraftquelle. «Immer wieder habe ich die Fotos angeschaut und gedacht: ‹Jöööh›», erzählte sie schmunzelnd. «Es hat mich immer wieder neu belebt – im wahrsten Sinne des Wortes.»
Gerade in einer Zeit voller bedrückender Nachrichten sei ihr bewusst geworden, wie sehr Menschen aufeinander angewiesen seien. «Alles, was wir machen, können wir nur gemeinsam machen.» Deshalb verstehe sie das Buch auch nicht in erster Linie als Dokumentation eines Kunstprojekts, sondern als Zeugnis von Begegnungen und Zusammenarbeit. Umso mehr freue es sie, dass Museen und Kulturschaffende bereits angefragt hätten, ob sie Gedanken daraus für eigene Projekte übernehmen dürften.
Zwischen Verwaltung und Kunst
Mit einer persönlichen Laudatio und einem Geschenk bedankte sich Markus Iseli bei der Initiantin. Während der gesamten Projektzeit war der damalige Gemeindeschreiber die wichtigste Ansprechperson der Gemeinde Saanen. Mit einem Schmunzeln erinnerte er sich an die Zusammenarbeit mit den Kunstschaffenden. Als Verwaltungsfachmann habe er immer wissen müssen: «Wann? Wo? Wie viele Leute? Mit welchem Verkehrsmittel?» Die Künstler hingegen hätten vieles spontan entschieden. Gerade dieses Spannungsfeld habe das Projekt aber getragen. «Es hat sich super ergänzt», sagte Iseli. Von den Künstlerinnen und Künstlern habe er gelernt, Dinge gelassener anzugehen und sich auch einmal auf Ungeplantes einzulassen.
Jedes Kind fand seinen Platz
Wie sehr es bei Powerstation Art immer um den einzelnen Menschen ging, zeigte Hanneke Frühauf mit einer kleinen Geschichte aus den Anfangsjahren. Einer der Jungen habe ihr einmal gestanden, dass er weder zeichnen, singen noch tanzen wolle und eigentlich keine Lust mehr auf das Projekt habe. Statt ihn zu überreden, fragte sie ihn, ob er denn gerne zuschaue, wenn die anderen zeichnen, singen und tanzen. Und so bekam er kurzerhand eine neue Aufgabe: Er wurde zum offiziellen «Powerstation-Art-Beobachter». Er sollte zuschauen und ihr anschliessend sagen, was ihm gefallen habe und was nicht. Erleichtert nahm der Junge die neue Rolle an – um sich danach mit neuer Energie tatkräftig am Projekt zu beteiligen.
«Wir haben kein Kind verloren», brachte Markus Iseli es mit einem Schmunzeln auf den Punkt. Dass alle 14 Kinder während der gesamten Projektdauer dabeiblieben, erfüllt die Beteiligten bis heute mit besonderem Stolz. Und auch nach dem offiziellen Abschluss lebt Powerstation Art weiter. Die Schweizer «Cheesager» trafen sich erst vor wenigen Wochen wieder in Baden mit Hanneke Frühauf zur Buchübergabe, die niederländischen Teilnehmer erhielten ihre Bücher per Post. Ganz abgeschlossen scheint Powerstation Art damit auch nach seinem offiziellen Ende noch nicht zu sein.
POWERSTATION ART KURZ ERKLÄRT
Powerstation Art war ein Kunst- und Integrationsprojekt zwischen der Schweiz und den Niederlanden. Im Mittelpunkt standen 14 Kinder des Jahrgangs 2004 – je sieben aus beiden Ländern, viele mit Migrationshintergrund. Von ihrer frühen Kindheit bis zum Erwachsenwerden wurden sie von Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Sparten begleitet.
Zum Symbol des Projekts wurde ein Käse, der zur Lancierung auf dem Eggli in Gstaad hergestellt und während der gesamten Projektzeit in der Gstaader Käsegrotte gelagert wurde. Wie der Käse reifte, sollten auch die Kinder wachsen und sich entwickeln.
Das Projekt stand ab 2011 unter dem Patronat der UNESCO Schweiz und fand 2023 mit einer Abschlussfeier in der Gstaader Käsegrotte seinen offiziellen Abschluss.
SWO




