Ein Jahr, zwei Länder und unzählige Erlebnisse
20.10.2026 InterviewVor gut einem Jahr standen Lea Berchten und Michelle Wampfler vor einem besonderen Abenteuer: Im Rahmen des Programms Lehre+ verbrachten die beiden Saanerinnen je ein halbes Jahr in Dublin und Toulouse. Nun sind sie zurück und schätzen eine warme Stube umso mehr.
...Vor gut einem Jahr standen Lea Berchten und Michelle Wampfler vor einem besonderen Abenteuer: Im Rahmen des Programms Lehre+ verbrachten die beiden Saanerinnen je ein halbes Jahr in Dublin und Toulouse. Nun sind sie zurück und schätzen eine warme Stube umso mehr.
JONATHAN SCHOPFER
Lea Berchten und Michelle Wampfler, Sie waren ein Jahr lang im Ausland. Haben Sie etwas aus der Schweiz vermisst?
Michelle Wampfler (MW): Tatsächlich waren es ganz alltägliche Dinge aus der Schweiz, die ich vermisst habe, wie die Nahrungsmittel oder Lieblingsgetränke. Auch die Wärme in den Häusern habe ich in Dublin vermisst. In der Schweiz kann man im Winter in ein Haus gehen und es ist warm.
Lea Berchten (LB): Ja, im Winter in Dublin war es oft kalt und windig, während in der Schweiz die Sonne schien und schönster Schnee lag. In diesen Momenten habe ich das Skifahren schon vermisst.
Gab es denn keine Heizungen?
LB: Doch, aber bei meiner Gastfamilie lief die Heizung im Winter nur etwa eine Stunde pro Tag. Der Grund dafür waren die hohen Energiekosten. Meine Gastmutter bat mich deshalb, beim Duschen auf die Zeit zu achten.
MW: Auch bei meiner Gastfamilie lief die Heizung nur etwa zwei Stunden täglich.
In Toulouse waren Sie im Sommer. Da brauchten Sie wahrscheinlich keine Heizung?
LB: Ja, dort war es für längere Zeit über 40 Grad heiss. Der Frühling und Sommer waren dort aber unglaublich schön, jeden Abend einen Sonnenuntergang und warme Frühlingstage, das habe ich sehr genossen.
Was haben Sie an Irland und Frankreich besonders geschätzt?
LB: In Irland war es vor allem die Landschaft. Ich war mit meiner Familie eine Woche unterwegs, unter anderem an der Westküste. Die Landschaft ist gewaltig und die Pubkultur ist einfach einzigartig. In Toulouse hat mir besonders die Atmosphäre gefallen – die vielen Studierenden, aber auch die Menschen allgemein sind alle so offen und glücklich. Ich konnte so viele Freundschaften schliessen, schöne Momente erleben und die Stadt hat einfach das französische Flair, das ich so liebe.
MW: Die Menschen sind dort wirklich locker und freundlich. Ich hatte ebenfalls grosses Glück mit meinem Umfeld in beiden Ländern. Sowohl in den Gastfamilien als auch in den Betrieben haben mich die Menschen unterstützt. Es fällt mir schwer, ein einzelnes Highlight herauszupicken. Es gab so viele grossartige Erlebnisse.
Wie sah Ihr Arbeitsalltag in Dublin und Toulouse aus?
LB: In Dublin arbeitete ich an einer Hotelrezeption mit geregelten Arbeitszeiten. In Toulouse war das ganz anders. Dort arbeitete ich in einer Trampolinhalle und betreute unter anderem Kindergeburtstage. An manchen Wochenendtagen hatten wir 30 bis 35 Kindergeburtstage! Da hatten wir wahnsinnig viel zu tun. Manchmal arbeitete ich bis 21 oder 22 Uhr. Durch die Arbeit mit den Kindern konnte ich ausserdem mein Französisch deutlich verbessern, auch die Arbeit war sehr abwechslungsreich und vielfältig
MW: Ich arbeitete in Dublin an der Rezeption einer Sprachschule. Ich betreute Schülerinnen und Schüler und übernahm administrative Aufgaben. In Toulouse war ich bei der «Mission Locale» tätig. Die Organisation unterstützt junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren beim Einstieg ins Berufsleben. Im Betrieb wurde ich als Allrounderin eingesetzt und half überall mit, wo Unterstützung gebraucht wurde.
Wie schwierig war es, sich im Arbeitsalltag in einer Fremdsprache zu verständigen?
LB: In Frankreich ging das eigentlich ziemlich gut, weil ich durch mein früheres Au-pair-Jahr bereits recht fliessend Französisch sprach. Besonders mit den Zahlen hatte ich am Anfang aber Mühe. In Irland fand ich es teilweise fast schwieriger, weil der irische Akzent ziemlich gewöhnungsbedürftig ist.
MW: Ja, die Zahlen sind mir im Französischen am Anfang ebenfalls teilweise schwergefallen. Dazu kamen die sprachlichen Akzente in Irland und auch Toulouse. Dort klingt es bei gewisen Wörtern, als würden die Leute ein «eng» anhängen. Das französische Wort für Brot, «pain», klingt dann fast wie «peng». Und ein «pain au chocolat» heisst dort plötzlich «chocolatine».
Vor einem Jahr erzählten Sie dieser Zeitung, dass Sie während Ihres Auslandjahres auch Sprachdiplome erwerben möchten. Hat sich das erfüllt?
LB: Ja, ich habe sowohl in Englisch als auch in Französisch ein Sprachdiplom auf Niveau B2 bestanden. Wir besuchten Sprachschulen, in denen wir auf die Prüfungen vorbereitet wurden.
MW: Ich habe ebenfalls in beiden Sprachen das B2-Diplom bestanden.
Sie haben die beiden Länder sicher auch kulinarisch kennengelernt. Welche Spezialitäten würden Sie empfehlen?
LB: In Toulouse gibt es beispielsweise Cassoulet, einen Eintopf mit Bohnen und Fleisch – das ist bekannt. Auch die französischen Bäckereien sind toll. Und natürlich der gute französische Wein (schmunzelt).
MW: In Frankreich hat mir das Essen ebenfalls gefallen, besonders die Bäckereien. An das Essen in Irland musste ich mich erst gewöhnen. Bei meiner Gastfamilie gab es oft Fast Food, dies war ich mir weniger gewohnt.
Hatten Sie während des Jahres auch einmal Heimweh?
LB: Eigentlich nicht. Ich hatte noch nie grosse Probleme damit, von zu Hause weg zu sein. Ausserdem konnten mich Freunde und Familie besuchen, und dank der sozialen Medien blieben wir in Kontakt.
MW: Ich hatte auch selten Heimweh. Natürlich freute ich mich, wieder nach Hause zu kommen. Aber ich habe mich im Ausland gut eingelebt. In beiden Ländern trat ich einem Sportclub bei. Das war eine gute Möglichkeit für mich, auch neue Leute kennenzulernen.
Hat Sie dieses Jahr verändert?
MW: Ja, ich habe das Gefühl, dass ich selbstbewusster und offener geworden bin. Ich musste immer wieder auf neue Menschen zugehen und mich auf ungewohnte Situationen einlassen. Diese Erfahrungen nimmt man mit.
LB: Ja, sehr. Vor allem bin ich selbstständiger geworden und habe gelernt, mehr Verantwortung zu übernehmen. Da ich in Toulouse alleine gewohnt habe, war auch dies eine neue und lehrreiche Erfahrung für mich. Ausserdem sehe ich nun vieles aus einer anderen Perspektive.
Nach einem Jahr im Ausland sind Sie nun wieder zurück in der Berufslehre. Wie geht es für Sie weiter?
MW: Wir setzen unsere Berufslehre normal fort. Allerdings sind wir jetzt einen Jahrgang zurück und besuchen die Berufsschule mit einer neuen Klasse.
Würden Sie das Auslandjahr also nochmals machen?
LB: Ja, rückblickend kann ich wirklich sagen, dass das Auslandjahr eine der schönsten und prägendsten Erfahrungen meines Lebens war. Ich weiss, dass es für meinen Lehrbetrieb organisatorisch nicht ganz einfach war. Umso dankbarer bin ich, dass mir Gstaad Saanenland Tourismus diese Möglichkeit gegeben hat. Die vielen unvergesslichen Erlebnisse und Begegnungen werden mir für immer in Erinnerung bleiben und damit möchte ich andere ermutigen, dies auch zu tun.
MW: Ja! Ich bin meinem Lehrbetrieb sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, dieses grossartige Jahr im Rahmen meiner Lehre zu machen. In diesem Jahr durfte ich viele Erfahrungen machen und sammeln, welche ich für mich und meine Zukunft mitnehmen kann.
DAS PROGRAMM LEHRE+
Das Angebot «Lehre+» der Wirtschaftsschule Thun in Zusammenarbeit mit der Kaufmännischen Berufsschule Freiburg ermöglicht Lernenden, ein einjähriges Berufspraktikum in Irland und Frankreich zu absolvieren.
Im August 2025 reisten die ersten vier Teilnehmerinnen ins Ausland, darunter auch Lea Berchten und Michelle Wampfler aus dem Saanenland. Nach Angaben der beiden wurden die Reisen und Unterkünfte organisiert und bezahlt. Finanziell unterstützt wird das Austauschprogramm von Movetia, der nationalen Agentur für Austausch und Mobilität.
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