Ein LinkedIn würdiger Job
10.07.2026 KolumneMAXIME VÖGELE
Mit 13 musste ich mich entscheiden: Gymnasium oder Lehre. Ich war überzeugt, ziemlich genau zu wissen, wie mein Leben weitergeht. Dass ich ans Gymnasium wollte, stand schon vor der Berufserkundungswoche fest. Ziemlich unengagiert bastelte ich mir deshalb mein ...
MAXIME VÖGELE
Mit 13 musste ich mich entscheiden: Gymnasium oder Lehre. Ich war überzeugt, ziemlich genau zu wissen, wie mein Leben weitergeht. Dass ich ans Gymnasium wollte, stand schon vor der Berufserkundungswoche fest. Ziemlich unengagiert bastelte ich mir deshalb mein Programm zusammen: Hauptsache wenig Aufwand. So landete ich schliesslich an lauter Orten, die mich wenig für die Welt der Lehrberufe begeisterten. Beim vermutlich schlechtesten Coiffeur in Thun durfte ich die Haare von einer Puppe flechten. Bei der Kirchgemeinde im Büro habe ich Papiere geschreddert. Bei meinem Schwager im Aussendienst für Baustoffe kann ich mich nur noch ans Mittagessen erinnern. Das sagt genug darüber aus, wie spannend ich das fand. Am besten gefiel mir der Einsatz beim Optiker, da durfte ich immerhin Gläser schleifen. Aber das dann für mehrere Jahre zu machen, konnte ich mir nicht vorstellen.
Das Gymnasium bedeutete allerdings nicht, dass ich dem Arbeiten entkam. Neben Gastrojobs, einer Zeit an der Schwimmbad-Kasse und einem kurzen Abstecher ins Corona-Testcenter verliebte ich mich vor allem in meine Saisonjobs. Im Winter trank ich viel Prosecco, hinter und vor der Bar, und im Sommer übte ich in der Spiezer Bucht die Kunst der Latte Art. Drei Jahre lang bestand mein Leben aus Vorlesungen, Zugfahrten und dem Wechsel zwischen Bergwinter und Badisommer – und ich verliebte mich ein bisschen in dieses Leben. Als das Ende des Studiums näher rückte, realisierte ich langsam, dass es jetzt wohl Zeit für einen «Big-Girl-Job» wird. Eventuell waren bei diesem Prozess des Abschiednehmens von meinem Studentenjobleben auch Tränen involviert.
Jetzt sitze ich hier in der Redaktion und taste mich an meinen ersten «Big-Girl-Job» heran. Dass es mein erster seriöser Job ist, messe ich übrigens daran, dass ich ihn auf LinkedIn erfasst habe. Um mich herum lauter Menschen, die offenbar schon länger als drei Wochen im Berufsleben angekommen sind. Bis jetzt gefällt mir das aber deutlich besser als Haare flechten, Brillengläser schleifen oder Papier schreddern. Mein 13-jähriges Ich hätte wohl kaum gedacht, dass es einmal in einem Redaktionsbüro in Gstaad landet.
maxime.voegele@anzeigervonsaanen.ch
