Manche Geschichten sind zu schön, um nur einmal erzählt zu werden. Die unseres Wappentiers gehört dazu – erst recht, seit ich vor Kurzem in der mongolischen Steppe Jungfernkraniche in freier Wildbahn beobachten konnte.
Im vierten Jahrhundert, so die Sage, wollte der ...
Manche Geschichten sind zu schön, um nur einmal erzählt zu werden. Die unseres Wappentiers gehört dazu – erst recht, seit ich vor Kurzem in der mongolischen Steppe Jungfernkraniche in freier Wildbahn beobachten konnte.
Im vierten Jahrhundert, so die Sage, wollte der Vandalenführer Gruerius am Eingang des Saanetals eine Festung bauen. Eines Abends, der Himmel glühte rot, landete ein Kranich auf seiner Schulter. Ein gutes Omen, fand Gruerius – und machte den Vogel zu seinem Wappentier. Die Wirklichkeit dürfte prosaischer gewesen sein: Im mittelalterlichen Königreich Burgund trugen hohe Forstbeamte den Titel «Gruyer». Einer soll nach der Erhebung zum Grafen daraus den Namen Gruyère oder Greyerz abgeleitet haben. Und mit einem weiteren Wortspiel fand auch der Kranich – französisch «la grue» – seinen Weg ins Wappen. Ein passendes Symbol, steht er doch seit der Antike für Wachsamkeit, Klugheit und Fürsorge.
Einen kleinen Haken hat die Story: Kraniche sind in unserer Region nicht heimisch. Zwar ziehen sie heute vermehrt über die Schweiz südwärts, doch ob Gruerius oder die Greyerzer Grafen je einen lebenden Kranich gesehen haben, ist fraglich.
MARTIN GURTNER-DUPERREX