Ein würdiger Abschluss des Festivalsommers
08.09.2026 KulturEs ist doch wunderbar, dass nach 52 Tagen mit über 70 musikalischen Kostbarkeiten der Jubiläumsedition des Menuhin Festivals mit Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe eine Art Krönung erklingen durfte: Denn diese Messe gehört absolut zu den bedeutendsten Werken der ...
Es ist doch wunderbar, dass nach 52 Tagen mit über 70 musikalischen Kostbarkeiten der Jubiläumsedition des Menuhin Festivals mit Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe eine Art Krönung erklingen durfte: Denn diese Messe gehört absolut zu den bedeutendsten Werken der Musikgeschichte und erfuhr am Samstagabend in der Kirche von Saanen eine ergreifende Interpretation.
KLAUS BURKHALTER
«Arcangelo»
Man konnte sich im Voraus sicher fragen, was sich hinter dem Namen «Arcangelo» ohne weitere Namensangaben verstecke, doch wurde man beim Einmarsch der Musikergruppe sofort aufgeklärt: «Arcangelo» ist ein preisgekröntes, international anerkanntes Ensemble für historische Aufführungen unter der Leitung seines Gründers und künstlerischen Leiters Jonathan Cohen. Er betrachtet die barocke Musik «im Wesentlichen als Kammermusik», wie er sagt und will dies mit der Gemeinschaft seiner hochkarätigen Musikerinnen und Musiker vollkommen engagiert und mit Freude zum Ausdruck bringen. Cohen sagt: «So Musik zu machen, ist auch eine Art Tanz, ein Spiel, sogar ein Rätsel, bei dem wir alle individuell und auch miteinander aufmerksam sein müssen.» Dieses «Kammer-Ethos» ist nach seiner Erfahrung das, was die Musik am wahrsten offenbart – für Musiker und Zuhörer. Und dies wurde in der Saaner Kirche richtig zelebriert. Das 26-köpfige Orchester und die 20 Sängerinnen und Sänger beeindruckten mit einer überragenden Bach-Interpretation.
Ein gewaltiges Werk
Die h-Moll-Messe umkreist Themen, die ans Innerste gehen: Einsamkeit und Verzweiflung, Freude und Glückseligkeit. Es ist Musik, die unter die Haut geht. Die Messe entstand über mehrere Jahrzehnte hinweg: Das älteste Stück ist das Sanctus, das der Thomaskantor für die Weihnachtsmesse 1724 geschrieben hatte. Bach komponierte darauf 1733 eine «Missa brevis» mit den Teilen Kyrie und Gloria als Widmung für den neuen Kurfürsten Friedrich August II. in Dresden, und erst gegen Ende seines Lebens um 1748 stellte er die übrigen Sätze aus früheren Kompositionen zusammen, sodass eine vollständige Missa entstand, die aus 18 Chorsätzen und neun Arien besteht. Zu Bachs Lebzeiten ist eine vollständige Aufführung der Messe nicht nachweisbar. Dies geschah erst 1835 in Berlin, lange nach Bachs Tod. Das Werk ist sowohl ein geistliches Vermächtnis, als auch ein Höhepunkt barocker Kirchenmusik.
Eine Interpretation der Superlative
Es war ein beeindruckender Abend mit einem überragenden Orchester voll unendlicher Spielfreude, mit inspiriert singenden Solist:innen und mit einem Chor, der in jeder Phase, ob in mächtigen Ausrufen oder innigen, leisen Stellen, eine enorme Intensität ausströmte. Man war fasziniert vom «gemeinsamen» Musizieren einer verschworenen Künstlergruppe. Und vor dieser stand oder sass wie ein Magier Jonathan Cohen, der mit unglaublicher Energie und mit Einfühlungsvermögen seine Ideen weitergeben konnte, selber den Cembalopart spielend, und mit Körper, Händen und Mimik den Chor und das Orchester beflügelte.
Mit dem ersten Ausruf des mächtigen Kyrie wurde das Publikum gepackt und hineingezogen in die vielgestaltigen Teile des grossen Werkes: Was für Klänge! Welche Differenzierungen! Und alles stets mit hervorragend dezenter oder auch expressiver Orchesterbegleitung. Cohen wählte die passenden Tempi in jeder Phase, liess unglaubliche Gegensätze aufeinanderprallen: das packende «Gloria», die grosse Ruhe im «Et in terra pax» und im «Gratias», die enormen Tempi im «Osanna» oder «Cum sancto spiritu», als absoluten Höhepunkt. Dazwischen gestalteten die Solistinnen und Solisten aus dem Chor ihre Arien mit verschiedenen hervorragenden instrumentalen Solo-Begleitungen von Violine, Oboe, Flöte, Horn und Fagotten – allesamt beeindruckende, zu Herzen gehende Momente. Die verschiedenen Teile des «Credo» drückten ebenfalls ausserordentliche Gegensätze aus mit eindringlicher Stille und dem Anwachsen bis zum Aufschrei des «Crucifixus» und dem packenden Jubel des «Et resurrexit». Beeindruckend war natürlich, was für eine Fülle von grossartigen Solostimmen zu den ausdrucksstarken Arien aus dem Chor hervortrat. Echte Gänsehaut erzeugte (jedenfalls für mich) das «Sanctus», doppelchörig, mit dem «Pleni sunt coeli» und dem «Osanna» – ich träume noch davon… Schliesslich erklang nach dem feinen, sanften «Agnus Dei» der Altistin die Schlussfuge, das «Dona nobis pacem» mit einem Crescendo, das zum gewaltigen Schluss führte, der mächtigen Bitte um Frieden – könnte die Welt doch diesen Ruf hören!
Eine grosse Stille herrschte nach dem letzten Ton in der Kirche, bevor der Applaus des Publikums losbrach und die ganze «Arcangelo»-Gemeinschaft mit Standing Ovations und Jubelrufen gefeiert wurde.
Der Abschluss des Menuhin Festivals 2026 war ein absolutes Highlight – man darf sich schon auf die 71. Auflage unter dem Motto «Passion» freuen!





