Eine Brücke über den Röstigraben
24.02.2026 SchuleSchülerinnen und Schüler aus den Regionen Saanenland, Obersimmental und Pays-d’Enhaut können ihre gymnasiale Ausbildung ab dem Schuljahr 2026/2027 im jeweils anderen Kanton absolvieren. Dies sieht eine geplante interkantonale Vereinbarung zwischen ...
Schülerinnen und Schüler aus den Regionen Saanenland, Obersimmental und Pays-d’Enhaut können ihre gymnasiale Ausbildung ab dem Schuljahr 2026/2027 im jeweils anderen Kanton absolvieren. Dies sieht eine geplante interkantonale Vereinbarung zwischen Bern und der Waadt vor.
IN KÜRZE
• Die Kantone Bern und Waadt ermöglichen und vereinfachen den Besuch der gesamten gymnasialen Ausbildung im Partnerkanton.
• Gültig ist die Vereinbarung ab Schuljahr 2026/2027 für Jugendliche mit Wohnsitz in folgenden Gemeinden: Saanen, Gsteig, Lauenen, Lenk, St. Stephan, Boltigen, Zweisimmen, Rougemont, Château-d’Oex, Rossinière (jeweils bei Erfüllung der Aufnahmebedingungen beider Kantone)
• Ziel ist es, die Zweisprachigkeit zu stärken, den interkulturellen Austausch und Schulalltag zu bereichern.
JONATHAN SCHOPFER
Wo sonst Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Gstaad lernen, sassen diesmal Vertretende aus der Politik und des Schulwesens gemeinsam am Pult. An einer zweisprachigen Medienkonferenz gaben die Kantone Bern und Waadt am Freitag, 20. Februar, im Ebnit bekannt, dass der Zugang zur gymnasialen Ausbildung im jeweiligen Partnerkanton ab dem Schuljahr 2026/2027 vereinfacht werden soll. In einem Klassenzimmer des Gymnasiums Interlaken am Standort Gstaad (Gymnasium Gstaad) sprachen Staatsrat Frédéric Borloz VD, Regierungsrätin Christine Häsler BE, Saanens Gemeindepräsidentin Petra Schläppi und Christoph Däpp, Schulleiter des Gymnasiums Gstaad, über die geplante Vereinbarung.
Zugang soll erleichtert werden
«Auf der Sekundarstufe I gibt es schon seit 2004 ein Abkommen des Kantons Bern mit dem Kanton Waadt», erklärte Christoph Däpp. «Dieses erlaubt es Schülerinnen und Schülern aus dem Pays-d’Enhaut, für ein Schuljahr die Volksschule der Gemeinde Saanen zu besuchen. Gleiches gilt auch umgekehrt.» Anders sieht die Situation jedoch auf Gymnasialstufe aus: «Bisher ging es für Jugendliche aus dem Paysd’Enhaut nur über ein Gesuch der Eltern. Es gab keine klare rechtliche Grundlage für den Wechsel, darum war es für sie jedes Mal ein administrativer Hürdenlauf mit unsicherem Ausgang.»
Bis heute seien so 14 Schülerinnen und Schüler aus dem Kanton Waadt ins Gymnasium in Gstaad eingetreten, neun haben die Maturität abgeschlossen, deren drei seien aktuell auf dem Weg zu ihrer Matur, so der Schulleiter.
Nun soll mit der geplanten interkantonalen Vereinbarung der Zugang erleichtert werden und Schülerinnen und Schüler können den gesamten gymnasialen Bildungsgang in der Sprache des Partnerkantons absolvieren. Es handelt sich dabei um ein freiwilliges Angebot.
«Mehr Austausch»
«In einem kleinen Land wie der Schweiz ist es zentral, auszutauschen, zu verstehen und die Sichtweisen auf der anderen Seite der Sprachgrenze kennenzulernen», sagte Staatsrat Frédéric Borloz, Chef des Departements für Bildung und Berufsausbildung des Kantons Waadt, an der Medienkonferenz. «Im Kanton Waadt haben nur rund fünf Prozent der Jugendlichen im Lauf eines Jahres Kontakt mit der Deutschschweiz. Darum brauchen wir mehr Austausch.» Dadurch würde auch der Schulalltag eine Bereicherung erfahren.
Eine Brücke über den Röstigraben
«Französisch ist kantonsweit leider nicht eines der beliebtesten Fächer am Gymnasium», sagte Christoph Däpp. «Gerade deshalb gewinnt es an Wert, weil der Nutzen der Sprache für die Schülerinnen und Schüler unmittelbar greifbar wird.» Er danke deswegen auch der Gemeinde Saanen für die langjährige Unterstützung. Gemeindepräsidentin Petra Schläppi sagte: «Für unsere Jugendlichen eröffnet diese Zusammenarbeit eine neue Welt voller Möglichkeiten.» Sie profitierten von den Bildungsangeboten beider Kantone und könnten sich in verschiedenen Sprachregionen ausprobieren. «Unsere Jugendlichen sind die lebendige Brücke über den Röstigraben.»
Vereinbarung gilt in zehn Gemeinden
Die Vereinbarung gilt für Schülerinnen und Schüler, welche die Aufnahmebedingungen beider Kantone erfüllen und ihren zivilrechtlichen Wohnsitz in den bernischen Gemeinden Saanen, Gsteig, Lauenen, Lenk, St. Stephan, Boltigen und Zweisimmen oder den Waadtländer Gemeinden Rougemont, Châteaud’Oex und Rossinière haben. Sie erhalten damit ab dem Schuljahr 2026/2027 die Möglichkeit eines mehrjährigen Bildungsaufenthalts in einer anderen Sprachregion.
Tradition der Zweisprachigkeit wird fortgeführt
Sowohl die Gemeinde Saanen als auch die Kantone Bern und Waadt begrüssen das Abkommen ausdrücklich. Regierungsrätin Christine Häsler, Bildungs- und Kulturdirektorin des Kantons Bern, betonte die Bedeutung der interkantonalen Vereinbarung: «Damit wird die Tradition der Zweisprachigkeit und des gegenseitigen Verständnisses zwischen den beiden Sprachregionen des Saanenlands-Obersimmentals und dem Pays-d’Enhaut weitergeführt. Dies ist für den zweisprachigen Kanton Bern und seine Funktion als Brückenkanton besonders wichtig.»
Staatsrat Frédéric Borloz ist begeistert von der neuen Partnerschaft, die den Sprachaustausch zwischen Waadtländer und Deutschschweizer Schülerinnen und Schülern erweitert: «Eine zweite Landessprache zu lernen, stärkt den Zusammenhalt unseres Landes. Vor allem ermöglicht es jeder Schülerin und jedem Schüler, der oder die sich dafür entscheidet, die eigene Kultur zu bereichern und Kompetenzen auszubauen, die in der Berufswelt gefragt sind.»
GYMNASIALE AUSBILDUNG IN GSTAAD
Seit 2005 kann in der Abteilung Gstaad des Gymnasiums Interlaken der gymnasiale Bildungsgang besucht werden. Diese dezentrale und von der Gemeinde Saanen finanziell unterstützte Lösung bietet Schülerinnen und Schülern aus der Region (Saanenland und Obersimmental) die Möglichkeit, die gymnasiale Matur am Standort Gstaad zu erwerben.
PD
WIE WAR ES FRÜHER?
Sonja Wolf, Mutter von zwei Kindern aus Château d’Oex/Kanton Waadt, berichtet: «Meine beiden Söhne Michael und Leonidas haben ab 2012 das OSZ und später auch das Gymnasium in Gstaad besucht, was damals rechtlich noch nicht eindeutig geregelt war. Wir hatten aber kaum eine andere Wahl, als Jahr für Jahr anzufragen und entsprechende Anträge zu stellen. Denn die beiden Jungs waren in Griechenland aufgewachsen und hatten dort bis 2012 die griechische Schule besucht. Mit Französisch hatten sie gerade erst angefangen und konnten eventuell auf Französisch bis zehn zählen, aber wären auf keinen Fall in der Lage gewesen, einem französischsprachigen Unterricht zu folgen. Deutsch dagegen war ihre zweite Muttersprache.
So stellten wir also Jahr für Jahr einen Antrag, begründeten, warum unsere Kinder im Kanton Bern in die Schule gehen sollten und zahlten einen Beitrag an den Austausch.
Bis mitten in der Gymnasialzeit der Kanton Waadt einen Schlussstrich ziehen wollte. Sie meinten, die Kinder seien nun schon eine Weile im Kanton Waadt, würden jetzt sicher perfekt Französisch sprechen und sollten ab nächstem Jahr in Burier bei Montreux das Gymnasium besuchen. Nun, Französisch sprachen meine Söhne eigentlich nicht besser als ihre Kollegen aus dem Saanenland, da sich ihr gesamtes Leben – Schule und Freizeit – in und um Gstaad abspielte. Nur dank einem Extra-Empfehlungsschreiben von Schulleiter Christoph Däpp an die Bildungsdirektion Waadt zusätzlich zu unserem Antrag durften unsere Kinder ihre Matura in Gstaad in ihrer Muttersprache erfolgreich abschliessen.»
SWO


