Eine Klangreise vom barocken Venedig bis ins moderne Buenos Aires
07.08.2026 KulturVon venezianischen Segelschiffen über die Dolomiten bis zu den Containerschiffen von Buenos Aires: Am Sonntagabend, 2. August, nahmen die LGT Young Soloists unter der Leitung des Geigers Alexander Gilman das Publikum am Menuhin Festival Gstaad mit auf eine musikalische ...
Von venezianischen Segelschiffen über die Dolomiten bis zu den Containerschiffen von Buenos Aires: Am Sonntagabend, 2. August, nahmen die LGT Young Soloists unter der Leitung des Geigers Alexander Gilman das Publikum am Menuhin Festival Gstaad mit auf eine musikalische Reise.
JONATHAN SCHOPFER
Musik und Film verschmolzen bei der «Sonic Experience» zu einem Gesamterlebnis. Den Auftakt machte die Musik der Oscar-Preisträgerin Rachel Portman, die an diesem Abend persönlich im Festivalzelt anwesend war. In ihrem 2025 entstandenen Werk «Dolomites, Pale Mountains» übersetzt die britische Komponistin die Landschaft der Dolomiten in vier Sätze.
Im ersten Satz, «Marmolada», spielten die LGT Young Soloists ruhige Streicherpassagen. Dazu erschienen nebelverhangene Ansichten der Dolomiten auf der Leinwand. Die Melodie drängte sich zunächst nicht in den Vordergrund. Vielmehr entstand eine ruhige, atmosphärische Klanglandschaft.
In den folgenden Sätzen «Vajolet Towers», «Rosengarten» und «Salonch» wurde die Musik bewegter. Die Violinen stiegen in höhere Tonlagen, während auch die Kamera an den Bergketten emporzufahren schien. Detailaufnahmen der Felsstrukturen wechselten mit weiten Bildern der Berglandschaft.
Vivaldi in Bildern
Danach zeigten die LGT Young Soloists mit Antonio Vivaldis «Vier Jahreszeiten» ihre Virtuosität. In den vier Violinkonzerten «Der Frühling», «Der Sommer», «Der Herbst» und «Der Winter» übernahmen verschiedene Mitglieder des Ensembles die Solopartien.
Mal leicht und verspielt, mal leise und getragen, dann wieder rasant und temperamentvoll liessen die Musiktalente die Jahreszeiten aufleben. Sie spielten mit vollem Körpereinsatz und energischer Bogenführung. Vor lauter Intensität rissen dabei schon einmal ein paar Rosshaare vom Geigenbogen.
Wie bekannt die Melodien des venezianischen Komponisten Vivaldi bis heute sind, zeigte sich im Publikum: Ein junges Mädchen sang einzelne Passagen aus dem «Frühling» leise mit.
Die Videokünstlerin Anna Chocholí, die ebenfalls im Publikum sass, hatte die dazugehörigen Animationen gestaltet. Während des «Frühlings» erschienen barocke Zierelemente wie Rosetten und Ornamente auf der Leinwand. Zum «Sommer» glühte eine Sonne, später zogen passend zu den Jahreszeiten Sturm und Schnee auf.
Ein wilder Tanz in Blau
Einen deutlichen Wechsel in Ton und Bild brachte «Naked Blue» von Devonté Hynes. Der Multiinstrumentalist komponierte das Werk für den gleichnamigen Kurzfilm von Mati Diop und Manon Lutanie aus dem Jahr 2022. Im Mittelpunkt steht die damals 13-jährige Tänzerin Oumy Bruni Garrel.
Auf der Leinwand tanzte sie in einem blau-weissen Skelettkostüm. Ihre Bewegungen waren nicht nur grazil: Sie rüttelte und schüttelte sich, baute Elemente aus dem Hip-Hop ein. Schnelle, unruhige Kameraschwenks verstärkten die Wirkung.
Statt einer leicht fassbaren Melodie prägten energiegeladene Streicherpassagen und kontrastreiche Rhythmen eine intensive Atmosphäre.
Von Venedig nach Buenos Aires
Den Abschluss bildeten die «Vier Jahreszeiten von Buenos Aires» des argentinischen Komponisten Astor Piazzolla. Immer wieder waren musikalische Anklänge an Vivaldis «Vier Jahreszeiten» zu erkennen. Gleichzeitig war das Werk von Piazzollas Tango Nuevo geprägt. Darin verband er den traditionellen argentinischen Tango mit Elementen der klassischen Musik und des Jazz. Violine, Bratsche und Cello setzten wechselnde Spieltechniken gekonnt ein und unterstrichen so diesen Charakter: Glissandi, bei denen die Töne beinahe miauend ineinanderglitten, wechselten sich mit gezupften Pizzicati ab.
Auf der Leinwand erschienen schräg stehende Häuser, Containerschiffe und urbane Szenerien, die an Buenos Aires erinnerten. Die Bilder erzählten vom Leben in der Hafenstadt.
Am Ende öffnete sich der Blick auf die argentinische Metropole. Damit endete eine musikalische und visuelle Reise, die von den Dolomiten über Vivaldis Naturbilder bis nach Buenos Aires führte.
LGT YOUNG SOLOISTS
Die LGT Young Soloists sind eines der weltweit führenden jungen Streicherensembles. Das Ensemble wurde 2013 vom Geiger Alexander Gilman gegründet und vereint herausragende Musikerinnen und Musiker im Alter von 13 bis 23 Jahren aus mehr als zwanzig Nationen. Sie treten sowohl solistisch als auch kammermusikalisch auf und haben sich international einen Namen für ihre aussergewöhnliche Virtuosität, ihre musikalische Reife und ihre mitreissende Spielfreude gemacht.
PD
«Die Bilder sollen nicht mit der Musik konkurrieren»
Die Videokünstlerin Anna Chocholí gestaltete einen Teil der visuellen Installationen der «Sonic Experience» am Menuhin Festival Gstaad. Im Interview erklärt sie, wie es zu dieser Kollaboration kam.
JONATHAN SCHOPFER
Anna Chocholí, wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Zum ersten Mal arbeitete ich 2024 beim Schleswig-Holstein Musik Festival in Deutschland mit Daniel Hope zusammen. Gemeinsam mit dem Hope Orchestra entwickelten wir ein immersives visuelles Konzert. Ich gestaltete die Bühne und das gesamte visuelle Konzept. Dort lernte ich auch Michael Valentin kennen, der dafür sorgte, dass die Live-Aufführung und die visuellen Elemente während des gesamten Konzerts präzise aufeinander abgestimmt blieben. Vivaldis «Vier Jahreszeiten» waren bereits Teil dieses Programms. Es war eine unvergessliche Erfahrung. Deshalb freute ich mich sehr über die Einladung, mich erneut mit Vivaldi auseinanderzusetzen und gleichzeitig für Piazzollas «Vier Jahreszeiten von Buenos Aires» eine völlig neue visuelle Welt zu schaffen. Die LGT Young Soloists brachten eine neue Energie und eine eigene Perspektive in die Musik ein. Dadurch fühlte sich auch die Zusammenarbeit wieder neu an.
Wie würden Sie das visuelle Konzept hinter der «Sonic Experience» beschreiben?
Die «Sonic Experience» ist der Versuch, klassische Musik und visuelle Kunst im Rahmen eines traditionellen Konzerts in einen bedeutungsvollen Dialog zu bringen. Diese beiden künstlerischen Welten treffen nur selten aufeinander. Gemeinsam können sie jedoch ein intensiveres und vielschichtigeres Erlebnis schaffen. Die visuellen Elemente sollen nicht mit der Musik konkurrieren. Vielmehr sollen sie deren emotionale und erzählerische Wirkung vertiefen, indem neben dem Gehör auch die visuelle Vorstellungskraft angesprochen wird. Gleichzeitig ist die Aufführung eine Einladung, bekannte klassische Werke aus einer zeitgenössischen Perspektive neu zu entdecken.
Wie lange dauerte die Entwicklung der visuellen Gestaltung und wie entstanden die Bilder?
Die visuellen Elemente entstanden über mehrere Monate hinweg. Der Prozess umfasste Recherchen, die Entwicklung des Konzepts sowie Design und Animation. Dabei kamen unterschiedliche digitale Animationstechniken zum Einsatz. Während der Entwicklung wechselte ich fortlaufend zwischen künstlerischen Experimenten und der Lösung technischer Probleme. Ziel war es, eine visuelle Sprache zu schaffen, die organisch auf die Musik reagieren konnte.
Wie haben Sie die Musik von Vivaldi in Bilder übersetzt?
Ich ging bei den beiden Werken sehr unterschiedlich vor. Bei Vivaldi orientierte ich mich stark an den Sonetten, die seine Violinkonzerte begleiten. Sie bildeten das erzählerische Gerüst für die visuelle Gestaltung. Die Sonette enthalten viele anschauliche Naturbilder, darunter Vögel, Regen, Blätter und Schnee. Dadurch entstand eine natürliche Verbindung zwischen der Musik und der visuellen Sprache.
Und bei Piazzolla?
Piazzolla ist wesentlich mehrdeutiger. Statt konkrete Szenen zu illustrieren, konzentrierte ich mich auf die Psychogeografie von Buenos Aires und auf die Lebenswelt der Porteños, der Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt. Buenos Aires ist stark durch seinen Hafen geprägt und wendet dem Wasser dennoch häufig den Rücken zu.
Diese Spannung brachte mich auf die vielschichtige Beziehung zwischen Diaspora und Zugehörigkeit sowie auf einen Zustand zwischen Aufbruch und Rückkehr. Anders als Vivaldis, von der Natur geprägten Welt ist jene Piazzolla eindeutig eine Welt der Menschen und des städtischen Lebens. Trotz dieser Unterschiede fand ich über das Wasser eine poetische Verbindung zwischen den beiden Werken. Es wurde zu einem roten Faden, der sich durch die gesamte visuelle Erzählung zog.


