Eine musikalische Entdeckungsreise
14.08.2023 KulturVon Wagners eher unbekannten Vorspielklängen zu «Tristan und Isolde», über das nicht oft gespielte Mozartkonzert für zwei Klaviere und Orchester bis hin zu der Kriegssinfonie von Schostakowitsch: Die Programmgestaltung des Konzertes mit dem Gstaad Festival Orchester vom vergangenen Samstagabend hatte es wahrlich in sich und brachte den Titel «Trügerischer Jubel» – für die Zuhörenden vorerst voller Fragezeichen – echt zum Ausdruck.
KLAUS BURKHALTER
Zwei aufwühlende Werke des Widerstandes, dazu eingerahmt ein erfüllendes Mozartwerk: Es gab an diesem Abend im Festivalzelt wirklich vieles zu entdecken. Dirigent Jaap van Zweden war die Seele dieser enorm packenden Musik und führte sein grossartiges Gstaad Festival Orchester empfindsam durch alle jubelnden oder klagenden Passagen des abwechslungsreichen Programms.
Wagner zur Einführung
Das riesige Orchester stieg in die Gestaltung des Abends ein mit allerfeinsten Klängen, die sich aus dem Nichts aufbauten bis hin zur Explosion. Es war das Vorspiel zu Richard Wagners Oper «Tristan und Isolde», das den Inhalt des Werkes zwischen Liebeserfüllung und Tod ausführlich beschreibt. Die Musik ist ein Spiegelbild der deutschen Romantik, oft aufwühlend laut, dann wieder verschwindend still. Der Jubel der verbotenen Liebe ist eben trügerisch, weil die keltische Legende mit dem Tod des Paares endet. Diese Unterschiede gestaltete der Chef van Zweden eindrücklich, er holte die verschiedenen Instrumentenregister hervor, liess sie sich in ihren Melodiebögen reich entfalten.
Eine andere Welt: Mozarts Klavierkonzert KV 365
Nun prägten zwei grosse Steinway-Flügel das Bühnenbild, die Instrumente für die Pianistenschwestern Katia und Marielle Labèque. Das Konzert für zwei Klaviere und Orchester in Es-Dur KV 365 hatte W.A. Mozart für sich und seine Schwester Nannerl geschrieben und damit aufgezeigt, wie wichtig das musikalische Verständnis zwischen den Ausführenden sein sollte. Genau diese Voraussetzungen brachten die beiden Solistinnen mit. Zwei schwarz-weissen Engeln gleich entführten sie das Publikum in eine Welt voller Zauber, Jubel, zarter Innigkeit. Da wurde locker, perlend, einfühlsam, lebhaft-brillant musiziert. Die Schwestern spielten sich die Themen zu, ergänzten sich begleitend oder in perfektem Einklang beider Instrumente bis hin zu der letzten Kadenz im Rondosatz als absolutem Höhepunkt an Präzision, Virtuosität und gemeinsamer Gestaltung. Das Orchester begleitete einfühlsam, passte sich souverän an, legte die Themen vor, oft auch mit solistischen Bläserpassagen. Die Labèque-Schwestern wurden begeistert gefeiert. Als Zugabe spielten sie ein Stück aus Maurice Ravels «Ma mère l’oye», still-sphärisch, am Schluss energisch-stürmisch.
Schostakowitschs Kriegssinfonie
Ein gewaltiges Werk stand nach der Pause im Programm, denn die 9. Sinfonie in Es-Dur op.70 von Dmitri Schostakowitsch ist nicht nur musikalisch, sondern auch politisch höchst geprägt von der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Der Komponist schrieb zwar Hymnen für das Regime von Stalin, blieb aber gleichzeitig auf Distanz zum stalinistischen System, das ihn drangsalierte und jahrelang in Todesfurcht hielt. Stalin erwartete nach dem Kriegsende eine Sinfonie, welche die Grösse des russischen Volkes darstellen sollte, eine Hymne auf das Vaterland, ähnlich der 9. Sinfonie von Beethoven mit ihrem grossen Schlusschor. Doch Schostakowitsch drückte mit seinem Werk seine Verachtung gegenüber dem Regime aus. Dieses war bei der Uraufführung 1945 von der Musik enttäuscht. Der Komponist hatte seinen Widerstand willentlich mit Klängen ausgedrückt – er würde auch in die heutige russische Situation passen …
Die Interpretation der 9. Sinfonie packte vom ersten Ton an: Ein absolut rasant-verrückter Start liess das Festivalzelt erbeben. Jaap van Zweden entpuppte sich als wahrer Zauberer, er riss mit, gab alle Einsätze, er «lebte» die Sinfonie. Er liess die Bläser ihre solistischen Passagen auskosten bis zum Schluss des ersten Satzes, einem wahren Feuerwerk, das zum Zwischenapplaus reizte. Im Moderato folgten äusserst ruhige, schmeichelnde Melodien: Was für weiche Streicherklänge! Wer hört nicht noch die herrlichen Soli der Klarinette oder der Flöte? Die drei letzten Sätze packten total. Nun war wieder «die Hölle los» im enorm rhythmischen Wechsel zwischen Streichern und Bläsern. Schmetternde Posaunenfanfaren standen klagenden Fagottmelodien gegenüber. Was erzählten sie wohl? Die weiteren bewegten Szenen, oft laut und rasend, führte der zupackende Dirigent zum Abschluss dieses absoluten Meisterwerks.
Die Zuhörerschaft war beeindruckt und begeistert, der Jubel war nicht mehr «trügerisch». Mit Tänzen von Dvorˇák und Brahms setzte das Orchester als Zugaben nochmals ein Zeichen seiner phänomenalen Qualität.



