Wenn zwei mutige Menschen in die Welt hinausziehen, um an einem völlig fremden Ort, bei völlig fremden Menschen ein völlig fremdes Handwerk zu lernen und dieses Wissen mit nach Hause nehmen, um in ihrem Dorf das Leben für ihre Mitmenschen etwas besser zu machen, dann ...
Wenn zwei mutige Menschen in die Welt hinausziehen, um an einem völlig fremden Ort, bei völlig fremden Menschen ein völlig fremdes Handwerk zu lernen und dieses Wissen mit nach Hause nehmen, um in ihrem Dorf das Leben für ihre Mitmenschen etwas besser zu machen, dann kann es sich nur um mein persönliches Highlight handeln.
KEREM S. MAURER
Im Saaner Lokaljournalismus laufen die Blicke über den eigenen Tellerrand hinaus zwar nicht gerade unter der Rubrik «Rarität», aber – Hand aufs Herz – so oft kommen sie nicht wirklich vor. In der Redaktion des «Anzeigers von Saanen» achtet man sehr auf den Lokalbezug. Und das ist auch richtig so. Umso mehr freute ich mich, als eine Geschichte an mich herangetragen wurde, die so anders daherkam als das, was einem an einer «normalen» Redaktionssitzung für gewöhnlich begegnet. Es ging um ein Entwicklungsprojekt der etwas anderen Art, nämlich um zwei tibetischstämmige Nepalesen, die lernen wollten, wie man hierzulande Käse macht.
Das für mich Spannende an dieser Geschichte war die Idee, dass nicht einfach Geld gesammelt und gespendet wird, sondern dass die Begünstigten selbst ausgebildet werden, damit sie in ihrem Dorf neue Einkommensmöglichkeiten generieren können. Davon profitieren dann nicht nur die Yak-Bauern, die jetzt in ihrem nepalesischen Dorf ihre Milch verkaufen können, sondern auch jene, die daraus Käse machen und nicht zuletzt die Touristinnen und Touristen, die den Yak-Käse kaufen. Mittlerweile ist die Käseproduktion in Samagaun angelaufen und man spricht bereits davon, ein grösseres Kühllager zu bauen – mit dem Erlös des verkauften Käses. So kann Entwicklungshilfe gehen.
Als ich auf der Alp Turnels diesen beiden Nepalesen begegnete, war ich auf seltsame Art und Weise berührt. Ihr Eifer, zu lernen, war beinahe greifbar, ihr Wissensdurst beeindruckend. Genau so spannend war aber auch die Geschichte hinter dieser Geschichte. Nämlich, dass die Yak-Bauern in Samagaun tagelang zu Fuss unterwegs sind, um ihre Yak-Milch zu verkaufen.
Ein tagelanger Fussmarsch, um Milch zu verkaufen. Dies ging mir später oft durch den Kopf, wenn ich auf meinem Weg in die Redaktion frühmorgens durch Schönried fuhr und dort vor der Molkerei die Bauern sah, die ihre Milch ablieferten. Mit grossen Autos, Milchtanks und viel Automation. Tagelang auf Schusters Rappen unterwegs, mit der Milch auf dem Rücken – das muss man sich einmal vorstellen. Auch wenn die Situation der nepalesischen Yak-Bauern so gar nicht mit jener unserer Landwirte vergleichbar ist, sahen die beiden Nepalesen, zumindest was die Landschaft auf der Alp Turnels angeht, interessante Parallelen. «Das sieht ähnlich aus wie bei uns zu Hause», haben sie gesagt. Und sie erzählten aus ihrem Alltag, wo vieles schwieriger ist als bei uns. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie aus Tibet kommen und deswegen nicht als ebenbürtige Nepalesen betrachtet werden und Diskriminierung an der Tagesordnung ist.
Als ich später erfuhr, dass es die beiden Nepalesen tatsächlich geschafft haben, in ihrem Heimatdorf Yak-Mutschli herzustellen, berührte mich diese Geschichte ein weiteres Mal. Ich bewundere jene Menschen, welche aus dem Gedanken der Entwicklungshilfe heraus tatsächliche Entwicklungsmöglichkeiten schaffen und diese mit Herzblut und viel persönlichem Engagement umsetzen. Um letztlich in einem Dorf, das irgendwo in Nepal auf einer Höhe von 3680 Metern über Meer am Oberlauf eines Flusses namens Budhigandaki liegt, genau das zu machen, was wir im Saanenland immer wieder zu hören bekommen: Wertschöpfung im eigenen Tal. Das ist in meinem Augen bewundernswert, das ist nachhaltige Unterstützung, das ist mein Highlight im Jahr 2025.
Das ganze Jahr über sind wir Journalistinnen und Journalisten mit Leidenschaft im Einsatz, um jede Woche zwei Zeitungen zu gestalten, die nicht nur über Relevantes und Wichtiges informieren, sondern auch Geschichten enthalten, die fesseln und manchmal zum Schmunzeln bringen. In unserer Serie «Mein persönliches Highlight» teilen wir stets Ende Jahr die Geschichten, die uns tief berührt, zum Lachen gebracht, zum Grübeln angeregt oder einfach begeistert haben. Kurz gesagt: Momente, die uns nicht losgelassen haben.