Erfordert Klimawandel den Umbau des Waldes?
27.04.2026 UmweltDer Klimawandel bewirkt nicht nur, dass es im Winter schneller zu Tauwetter kommt oder weniger Schnee fällt, er beeinflusst auch andere überlebenswichtige Bereiche wie den Wald. Die steigenden Temperaturen führen zu Wassermangel und damit zur Austrocknung der Böden. ...
Der Klimawandel bewirkt nicht nur, dass es im Winter schneller zu Tauwetter kommt oder weniger Schnee fällt, er beeinflusst auch andere überlebenswichtige Bereiche wie den Wald. Die steigenden Temperaturen führen zu Wassermangel und damit zur Austrocknung der Böden. Doch was kann man dagegen tun? Die Förster des Saanenlands stemmen sich gemeinsam gegen die Folgen des Klimawandels, indem sie den Wald aktiv und vorausschauend umbauen.
PAULA H. MITTAG
Der Klimawandel ist ein weltweit bekanntes Problem und beschreibt die langfristigen Veränderungen von Temperaturen und Wettermustern. Er ist grösstenteils menschengemacht und betrifft Milliarden von Menschen (www.wwf.de). Besonders anfällig für die Klimaerwärmung ist der Wald. Viele Förster versuchen gegenzusteuern, unter anderem mit dem sogenannten Waldumbau. Doch wie sieht die Situation im Saanenland aus? Sind wir auf die Klimakrise vorbereitet? Was wird konkret unternommen – und wie viel können wir überhaupt bewirken? Daniel Schneider, stellvertretender Betriebsleiter im Bereich Forst der Gemeinde Saanen, erklärt, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Wälder der Region hat und inwiefern der Waldumbau Teil der Lösung sein kann.
Waldumbau als langfristige Strategie
«Der Waldumbau bezeichnet die forstwirtschaftliche Umwandlung anfälliger Monokulturen – also den Anbau einer einzigen Pflanzenart auf derselben Fläche über mehrere Jahre hinweg – in standortgerechte, vielfältige Mischwälder, um diese widerstandsfähiger gegen Klimawandel, Stürme und Schädlingsbefall zu machen», erklärt Daniel Schneider. Der Mischwald fördere die ökologische Stabilität und Biodiversität und sichere langfristig die Funktionen des Waldes. Dabei handle es sich um einen langjährigen Prozess, der auf Naturverjüngung oder gezielte Pflanzung setze.
Laubbäume setzen sich durch
Doch inwiefern spürt der Wald im Saanenland die Veränderungen bereits?
Schneider betont, dass der Wald die längeren Trockenperioden bereits deutlich spüre. «Wenn sich solche Jahre häufen, gerät das System unter Druck», warnt er. Treten Trockenperioden nur vereinzelt auf, sei das weniger problematisch. Halten sie jedoch über mehrere Jahre an, mache sich der Wassermangel stark bemerkbar. Viele Förster nähmen den Waldumbau aus diesen Gründen sehr ernst. «Wir versuchen, an den betroffenen Standorten gezielt umzubauen, also resilientere Baumarten zu fördern.» Dazu zählen verschiedene Laubbäume sowie Douglasie und Weisstanne, die besser an die neuen Bedingungen angepasst seien. Tannenarten wie die Fichte würden zwar weiterhin vorkommen, wegen ihrer geringeren Anpassungsfähigkeit jedoch nicht mehr gezielt gefördert.
Steigende Risiken
«Der letzte grosse Sturm im Saanenland war vor 25 Jahren», berichtet Daniel Schneider. Durch den Klimawandel nehme jedoch die Gefahr von Baumkrankheiten, Waldbränden und Stürmen zu. Stürme erhöhten zudem das Risiko von Borkenkäferbefall. Wenn vermehrt Sturmholz anfalle, finde der Borkenkäfer mehr Nahrung und könne sich rasend schnell verbreiten. Doch nicht nur das Sturmrisiko sei gestiegen, auch die Waldbrandgefahr nehme zu. «Durch die langen Hitze- und Trockenperioden im Sommer wird dem Boden jedes Jahr schneller Feuchtigkeit entzogen. Dadurch merkt man, wie gefährlich die Situation eigentlich ist», zeigt sich Schneider besorgt. Um die bestmögliche Sicherheit zu gewährleisten, seien die Förster verpflichtet, regelmässig die Bodenfeuchte im Wald zu melden. Zudem können vom Kanton Feuerverbote ausgesprochen werden, um Waldbrände zu vermeiden. «Leider werden die meisten Brände durch den Menschen ausgelöst», unterstreicht Schneider.
Ein gestresstes Ökosystem
Auf die Frage, ob er es schade finde, dass der Waldumbau nötig sei und dadurch über längere Zeit hinweg viele Baumarten verschwinden könnten, antwortet Daniel Schneider: «Ich finde es grundsätzlich einfach schade, dass der Klimawandel überhaupt existiert. Die gesamte Natur ist gestresst und muss sich nun an neue Gegebenheiten und ein verändertes Ökosystem anpassen.» Jeder Organismus müsse sich neu orientieren. «Der Wald ist etwas Langfristiges und dementsprechend braucht der Waldumbau extrem viel Zeit.»
Auch die Förster haben Angst
Die Förster sind besorgt: «Ich habe mich gefragt, wann der Temperaturanstieg stoppt oder ob er überhaupt stoppt. Wann ist der Waldumbau beendet – oder ist er jemals beendet? Das Klima verspricht einen rapiden Temperaturanstieg.» Laut aktuellen Prognosen des Nationalen Zentrums für Klimadienste und von MeteoSchweiz steuere das Saanenland auf eine Erwärmung von bis zu vier Grad zu. Eine konkrete Anpassungsstrategie für noch höhere Temperaturen gebe es derzeit jedoch nicht. «Wir sind den Vorhersagen ausgeliefert.» Das Dienstleistungszentrum Wald & Umwelt Saanenland als vorgesetzte Stelle berate die Förster. Seit vier bis fünf Jahren werde intensiv über den Waldumbau gesprochen. «Eigentlich machen wir das aber schon lange. Bei jedem Holzschlag findet eine Anpassung statt.» Wenn es wärmer werde, setzten sich wärmeliebende Baumarten durch, bei kälteren Bedingungen entsprechend andere. Viele Baumarten kämen durch natürliche Sukzession von selbst auf. Sie versamten sich eigenständig. «Wir sorgen lediglich dafür, dass es keine starken Ausschläge gibt.»
Die Natur als Schablone
«Im Naturschutz überlässt man der Natur bewusst das Feld. In unserer Region wurde kürzlich ein – wenn auch nicht sehr grosses – Reservat ausgeschieden. Dort wird für die nächsten 50 Jahre kein Holz mehr genutzt. So kann man beobachten, wie sich der Wald natürlich entwickelt. Auch wir Förster schauen dort vorbei und überlegen, was wir von der Natur lernen können. Vielleicht fahren wir besser, wenn wir ähnlich wie die Natur arbeiten, statt gegen sie.»
Ausdünnende Holzarten fordern die Industrie
Auch in der Holzproduktion versucht Daniel Schneider gemeinsam mit seinen Kollegen, das Vorgehen an den Klimawandel anzupassen. «Wir fördern keine Baumarten mehr, die künftig nicht mehr geeignet sind.» Für die Industrie könne dies allerdings zur Herausforderung werden, wenn weniger Fichte oder anderes Nadelholz verfügbar sei und man sich stärker auf Laubholz einstellen müsse, so Schneider. Doch was wäre der grösste Fehler, den man jetzt begehen könnte? «Problematisch wäre es, invasive Arten einzubringen. Dadurch könnten neue Krankheiten oder ökologische Probleme entstehen. Deshalb setzen wir auf Baumarten, die in der Schweiz bereits vorkommen und als leicht wärmeliebend gelten, statt mit fremden Arten zu experimentieren.»
Trotz schlechter Aussichten gibt es Hoffnung
«Der Klimawandel bereitet mir zwar Sorgen, aber wir sind auf gutem Kurs, und ich hoffe einfach, dass es nicht noch wärmer wird», sagt Daniel Schneider zuversichtlich. Abschliessend richtet er einen Appell an die Bevölkerung: «Lebt nachhaltig und gewissenhaft, damit wir auch in 150 Jahren einen gesunden und natürlichen Wald vorfinden.»



