Erst die Pflicht – dann die Kür
10.02.2026 KulturAm vergangenen Freitagabend hatten die Besuchenden der Sommets Musicaux de Gstaad das Vergnügen, den jungen iranischen Cellisten Kian Soltani kennenzulernen. Gemeinsam mit der altehrwürdigen Camerata Salzburg präsentierte er nicht nur ein ausgezeichnetes Konzert, sondern ...
Am vergangenen Freitagabend hatten die Besuchenden der Sommets Musicaux de Gstaad das Vergnügen, den jungen iranischen Cellisten Kian Soltani kennenzulernen. Gemeinsam mit der altehrwürdigen Camerata Salzburg präsentierte er nicht nur ein ausgezeichnetes Konzert, sondern vor allem seine unverhohlene Leidenschaft für den italienischen Komponisten und Cellisten Luigi Boccherini.
TINA DOSOT
Die Kombination Kian Soltani und Camerata Salzburg an sich liess schon Schönes erwarten. Das altehrwürdige Stammensemble der Salzburger Festspiele und prägendes Ensemble für die Stadt Salzburg steht für die Wiener Klassik, namentlich die ihres berühmten Sohnes Wolfgang Amadeus Mozart. Leicht geteilt also die Leidenschaft des Ensembles mit der des jungen Solisten, der als Cellist natürlich für die Musik Luigi Boccherinis schwärmt.
Boccherini und Mozart waren Zeitgenossen der Wiener Klassik – die sich jedoch nie begegneten. Während Mozart direkten Einfluss auf die Wiener Musikgeschichte hatte, wirkte Boccherini primär in Spanien.
Beide Komponisten prägten aber die Kammermusik, wobei Boccherini die Bratschen gerne durch Celli ersetzte. Boccherini, einst selbst gefeierter Cellovirtuose, schrieb mehr als zwölf Cellokonzerte. «Er gilt heute als Wegbereiter des Cellos zum Soloinstrument und hat dessen Repertoire entscheidend erweitert», erklärte Soltani selbst zwischen den Stücken.
Kian Soltani – Botschafter Boccherinis
Gekonnt und geplant wurde von der Camerata Salzburg und ihrem ausgezeichneten Konzertmeister Baptiste Lopez durchs Programm geführt. Während Luigi Boccherinis Concerto in Dur G480 überliessen sie während drei Sätzen fliessend dem Solisten Kian Soltani die Bühne, um die Begleitung anschliessend sanft wieder zu aufzunehmen.
Der 34-jährige Cellist und Sohn zweier Musiker, der sich bereits einen ansehnlichen Ruf erarbeiten konnte, zeigte sofort sein ausgeprägtes Mass an technischer Virtuosität. Er liess keinen Zweifel daran, dass er bereits über eine beachtliche Intonation, Bogenführung und Grifftechnik verfügt – zugleich aber schon einen ganz eigenen samtiglyrischen Stil hat, immer wieder unterbrochen von ambitioniertem Temperament und seiner Begeisterung für die Musik Boccherinis.
Stolz präsentierte er auch sein Instrument. Er habe die Ehre, auf einem historischen Cello von Antonio Stradivari aus dem Jahr 1694 zu spielen, sagt Soltani. «Die Stradivari wird als ‹London-Ex Boccherini› bezeichnet, weil der Komponist selbst darauf gespielt haben soll.»
Zuerst die Pflicht…
Wolfgang Amadeus Mozarts berühmte Symphonie Nr. 27, auch als eine der «Salzburger Sinfonien» bezeichnet, entspricht wohl dem Schaffen der Camerata Salzburg. Das Ensemble steht mit seinem Klang besonders für die Wiener Klassik und konnte den Zuhörenden, die sich sicher auf diesen wohlklingenden Klassiker gefreut hatten, dementsprechend einen genussvollen Moment schenken. Während Soltani sich zurückzog, präsentierte das Orchester unter der Leitung von Konzertmeister Baptiste Lopez eine tiefgründige Interpretation mit eigener künstlerischer Persönlichkeit. Konzertmeister Lopez ist wohl nicht nur ein ausgezeichneter Violinist, ihm war es auch gelungen, die nötige strukturelle und klangliche Ordnung in das Orchester zu bringen, sodass eine wohltuende Einheit mit ganz eigener, der Tradition entsprechenden Prägung entstand. Ein wirklicher Genuss.
…dann die Kür
Was wirklich im jungen Iraner steckt, zeigte sich erst gegen Ende des Konzerts. Präsentierte er sich zu Beginn noch «nach Plan», begann das Eis schon während des dritten Teils des Konzerts, Luigi Boccherinis Concerto für Violoncello in D-Dur G479 zu schmelzen. Im langen Solo des Allegro war er nicht nur technisch exzellent und vielfältig – er legte dem Cello regelrecht sein Herz zu Füssen! Und im Allegro gab es für sein Temperament kein Halten mehr.
Der «fünfte Finger»
Sein eigentliches Können zeigte der junge Musiker jedoch vor allem in den drei Zugaben. Sich dank der Anerkennung des Publikums sicher fühlend, liess er seiner Leidenschaft für Boccherini und das Cello freien Lauf. Zunächst zeigte er in Perfektion und mit eindrücklicher Leichtigkeit, wie sein Vorbild Boccherini als einer der Ersten virtuos den Daumenaufsatz, auch als fünften Finger bezeichnet, nutzte, um extrem hohe Lagen zu erreichen, die sonst Geigern vorbehalten sind. Das Publikum verlangte begeistert eine weitere Zugabe. Soltani präsentierte sodann mit dem amtierenden Cellisten der Camerata Salzburg ein Solo aus einem der Boccherini-Konzerte für zwei Celli. Während Minuten waren die beiden Musiker in einfühlsamem und zugleich ausserordentlichem Dialog mit dem Orchester, dass die beiden Ausnahme-Cellisten bestens trug. Gemeinsam vermittelten sie Dynamik und tiefe Emotionen und ernteten anhaltenden Applaus.
Und die Krönung zum Schluss
Den «Vogel abgeschossen» hat der Ausnahmecellist und Boccherini-Fan jedoch mit seiner dritten Zugabe. Boccherini lebte lange in Spanien, was seinen Stil stark prägte. Soltani präsentierte dementsprechend den bekannten «Fandango» – wobei er sich erlaubte, auch die Kastagnetten selbst zu integrieren, während ihn das Orchester unterstützte. Der junge Cellist konnte anschliessend, ganz zum Schluss, auch den letzten Zuhörer von seiner tiefgründigen Interpretation der Stücke und von seiner eigenen künstlerischen Persönlichkeit überzeugen. Diese erlauben ihm nicht nur, technisch perfekt zu spielen, sondern auch, seinen Charakter und seine Leidenschaft auszudrücken und seiner Musik schon jetzt eine ganz eigene Note zu verleihen.
Das Publikum, das sicher zunächst angesichts des berühmten Orchesters und des soliden Programms einen angenehmen Abend erwartet hatte, ging komplett begeistert nach Hause und man war sich einig: den Namen Kian Soltani würde man noch öfter hören.



