«Es war ein einmaliges Erlebnis»
09.02.2026 SportAm Freitag, 6. Februar, wurden die Olympischen Spiele in Norditalien eröffnet. Vor genau 70 Jahren fanden die Olympischen Winterspiele an derselben Wirkungsstätte statt. Mit dabei: Rosmarie Ryter-Reichenbach. Sie war die erste Frau aus dem Saanenland, die sich für ...
Am Freitag, 6. Februar, wurden die Olympischen Spiele in Norditalien eröffnet. Vor genau 70 Jahren fanden die Olympischen Winterspiele an derselben Wirkungsstätte statt. Mit dabei: Rosmarie Ryter-Reichenbach. Sie war die erste Frau aus dem Saanenland, die sich für Olympische Winterspiele qualifiziert hatte. Wir haben sie getroffen.
ANITA MOSER
Als ich die 90-jährige Rosmarie Ryter-Reichenbach am Telefon frage, ob sie sich für ein Interview zur Verfügung stelle, sagt sie spontan zu. Und auf meine Frage, ob sie vielleicht noch Erinnerungsstücke an die Olympischen Spiele 1956 habe – zum Beispiel Fotos – meint sie lachend: «Ich habe sogar noch die originalen Skischuhe.» Als ich wenige Tage später in ihrer gemütlichen Stube Platz nehme, staune ich nicht schlecht. Auf einem Holzregal an der Wand sind ihre vielen Pokale, Becher und Teller aus Zinn schön aufgereiht. Und Rosmarie Ryter hat sich auch enicht gescheut, die Erinnerungsstücke vom Estrich zu holen. Die Originalschuhe, die Startnummer 32, der offizielle Kleidersack mit dem roten Pullover und dem «Rennoberteil» sind auf dem Stubentisch zusammen mit Fotoalben schön drapiert.
Rosmarie Ryter, Sie werden im April 91-jährig. Fahren Sie noch Ski?
Nein, schon seit etwa 25 Jahren nicht mehr. Ich bin damals – bei eisigen Verhältnissen – bei einem Spaziergang mit unserem Hund gestürzt und habe mich dabei verletzt.
Sie sind von klein Ski gefahren. Wer hat Ihr Talent entdeckt?
Das weiss ich nicht, vielleicht jemand vom Skiklub. Ich bin 13-jährig dem Skiklub Gstaad beigetreten. Jeweils am Freitagabend haben wir in der Kälen Slalom trainiert. Und schon in diesem Alter wurde ich bei verschiedenen Rennen – am Eggli, an der Wispile, am Wasserngrat – als Vorfahrerin eingesetzt.
Sie waren knapp 21-jährig, als Sie an den Olympischen Winterspielen teilnehmen durften. Wie war der Weg dorthin?
Im Frühling 1951 kam ich aus der Schule. Im Dezember desselben Jahres sowie im Januar 1952 durfte ich in Grindelwald einen Trainingskurs besuchen. Und bin dort zum ersten Mal an einem SDS-Rennen (internationale Skirennen, die vom Schweizerischen Damen-Skiklub SDS organisiert waren) gestartet. Ich klassierte mich allerdings ziemlich weit hinten. 1953, ich war noch Juniorin, wurde ich bei den Schweizer Skimeisterschaften in Andermatt Zweite in der Abfahrt sowie Erste im Slalom und Riesenslalom. Daneben bin ich weitere Rennen gefahren, zum Beispiel das Parsenn-Derby oder das Gornergrat-Derby. Lange Abfahrten habe ich geliebt.
Und die Qualifikation für die Olympischen Spiele?
In der ersten Januarwoche im Jahr 1956 wurden acht Mädchen für die Ausscheidungsrennen in Grindelwald aufgeboten. Dort habe ich mich als drittbeste Schweizerin mit fünf weiteren Frauen für die Olympischen Winterspiele qualifiziert. Auf dem Stoos wurden uns dann die offiziellen Kleider überreicht.
Die Schweizer Abfahrerinnen konnten einen Doppelsieg feiern mit Madeleine Berthod und Frieda Dänzer. Sie klassierten sich als drittbeste Schweizerin auf Rang 15. Waren Sie zufrieden?
Ja, ich war froh, heil im Ziel angekommen zu sein und dass ich es in die erste Gruppe geschafft hatte.
War die Abfahrt so schlimm?
Ja, es war schwer. Es war kalt, die Piste steil und sehr eisig. Madeleine Berthod sagte einmal in einem Interview, es sei eher eine Schlittschuhbahn gewesen.
Abfahrtsski sind ja in der Regel lang. Wie lang waren Ihre?
Meine damaligen Ski waren zwei Meter lang. Für die Olympia-Abfahrt bekam ich ein neues Paar Ski.
Sind Sie auch technische Disziplinen gefahren?
An den Olympischen Spielen nicht. Aber wir nahmen alle miteinander an der Besichtigung des Riesenslaloms teil. Der Zielhang war sehr steil und eisig. An den Hergang erinnere mich nicht mehr genau, aber ich bin ausgerutscht, gestürzt und habe den Kopf aufgeschlagen. Danach war ich eine Woche mit Gehirnerschütterung im Bett.
Hatten Sie verschiedene Ski-Modelle?
Nein. Wir fuhren damals alle Rennen mit denselben Ski – ausser eben an Olympia, da bekamen wir neue.
Heute haben die Athletinnen und Athleten einen grossen Begleittross: Trainer, Servicemann, Mentaltrainerin, Manager usw. Wie war das früher? Hatten Sie auch Ihren eigenen Servicemann?
Nein. Wir präparierten unsere Ski selber. Aber während den Olympischen- Spielen hatten wir für das ganze Team einen Servicemann, einen Trainer, einen Masseur sowie einen Arzt.
Erinnern Sie sich noch an die Eröffnungsfeier?
Ja, es war sehr kalt, zirka minus 25 Grad. In unseren Jupes und den Seidenstrümpfen sind wir fast erfroren, aber wir mussten ausharren. Der Einmarsch der Nationen war etwas Einmaliges, das gab Gänsehaut. Auf der Höhe des italienischen Staatspräsidenten Giovanni Gronchi mussten alle den Kopf nach rechts drehen und ihn anschauen.
Gab es damals ein Olympisches Dorf?
Nein. Wir waren in einem Hotel untergebracht. Im gleichen wie die Schweizer Bobfahrer und Eishockeyspieler.
Hatten Sie während der Olympischen Spiele auch Kontakt zu Athletinnen und Athleten anderer Nationen?
Nein. Man blieb eigentlich unter sich. Frieda und ich hatten am meisten Kontakt mit den Bobfahrern. Das Ziel der Frauenrennen war am gleichen Ort wie der Start der Bobfahrer. Das war eine lustige Truppe. Nach dem Nachtessen haben wir manchmal mit ihnen Tee getrunken, hin und wieder einen Abendspaziergang gemacht. Aber nicht oft, es war viel zu kalt.
Da kommt mir eine Episode in den Sinn. «Wollt ihr mitfahren?», fragte uns der Viererbob-Pilot Max Angscht einmal. Frieda und ich liessen uns nicht zweimal bitten. Wir sassen schon drin und der Bremser war bereit, den Bob anzustossen, da kam der Trainer und wir mussten wieder aussteigen. War der wütend (lacht)!
Am 7. Februar fand auf der Dorfeisbahn in Gstaad im Rahmen des traditionellen Hockeymatches zwischen Personal und Küchenmannschaften der Hotels der Empfang für Sie statt. Flankiert von zwei jungen Skifahrern wurde Ihnen unter dem Applaus des zahlreichen Publikums vom Skiklubpräsidenten und Sekundarlehrer Würsten ein Blumenstrauss und ein Geschenk überreicht. Gab es noch andere Reaktionen?
Wenige Tage vor der Abfahrt zu den Olympischen Spielen in Italien stand ich beim Bahnhof in Gstaad. Walter von Siebenthal (1899–1958), damaliger Besitzer des Bernerhofs, kam zu mir und drückte mir ein Nötli in die Hand. Er sagte: «Ich weiss, dass man das brauchen kann.» (Anm. d. Red.: Walter von Siebenthal hatte mit der Schweizer Eishockeynationalmannschaft an den Olympischen Winterspielen 1924 in Chamonix teilgenommen und war damit der erste Saaner, der an Olympischen Spielen teilnehmen durfte.)
Und als ich nach meiner Rückkehr einmal in der Metzgerei Matti einkaufen war, drückte mir der Besitzer Ernst Matti eine grosse Salami in die Hand und meinte: «Für deine Teilnahme an den Olympischen Spielen.»
Haben Sie noch Kontakt zu Mitstreiterinnen?
Ja, mit Annemarie Waser stehe ich noch in Kontakt. Viele sind mittlerweile gestorben. Von den Frauen leben noch Madeleine Berthod, Hedy Bähler, Annemarie Waser und ich, von den Männern lebt nur noch Martin Julen.
Interessieren Sie sich noch für Skirennen oder anders gefragt: Werden Sie während den Olympischen Spielen mitfiebern?
Ja, ich verfolge die Skirennen. Beim Zuschauen von Slaloms macht mein Körper die Bewegungen mit (zeigt es vor).
Die Olympia-Frauenabfahrt fand am vergangenen Sonntag, 8. Februar, am selben Hang statt wie 1956. Wie war das für Sie?
Sehr speziell. Da kamen Erinnerungen hoch, auch wenn es schon 70 Jahre her ist, seit ich diese Abfahrt gefahren bin.
NACH 70 JAHREN WIEDER OLYMPIA IN CORTINA D’AMPEZZO
Vom 26. Januar bis 5. Februar 1956, also vor genau 70 Jahren, fanden die Olympischen Winterspiele am selben Ort statt wie heuer.
Die Schweizer Delegation umfasste damals 59 Athleten – 51 Männer und acht Frauen. Eine von ihnen war Rosmarie Ryter, geborene Reichenbach. Sie fuhr in der Abfahrt auf Rang 15 und war damit drittbeste Schweizerin. Die Schweiz feierte einen Doppelsieg: Abfahrts-Olympiasiegerin wurde Madeleine Berthod vor ihrer Teamkollegin Frieda Dänzer. Bronze ging an die Kanadierin Lucille Weehler.
MOA
QUELLE: WIKIPEDIA








