Die Winter-Paralympics 2026 in Cortina im Auge
15.04.2024 InterviewFabrice von Grünigen, der im Saanenland geboren und aufgewachsen ist, fuhr in der eben zu Ende gegangenen Saison seine ersten Europacup- und Weltcuprennen bei den Para-Snowboardern. Er überraschte alle mit dem Europacup-Gesamtsieg in seiner ersten Rennsaison. Wir durften den 22-Jährigen im Interview kennenlernen und erfuhren, wie er in das Rennteam geraten ist, was ihn antreibt und beschäftigt.
JENNY STERCHI
Welchen Stellenwert nimmt der Sport in Ihrem Leben ein?
Ich muss mich einfach bewegen. Ich erinnere mich, dass ich schon als Kind viel Sport gemacht habe. Dabei mochte ich den Wintersport immer am liebsten. Zuerst entdeckte ich das Skifahren. Ich wusste ziemlich früh, dass ich gern der Schnellste sein wollte. JO-Rennen gehörten ins Winterprogramm. Als es dann um den Eintritt ins RLZ ging, hatte sich mein Interesse aufs Eis verlagert. Das Eishockey hatte mich komplett vereinnahmt.
In welchem Team haben Sie gespielt?
Ich habe bei den Novizen und dazu auch im Viert-Liga-Team des HC Gstaad-Saanenland gespielt. Ich trainierte viermal pro Woche. Auch in Château-d’Oex spielte ich eine Zeit lang Hockey. Und dann trat das Snowboarden in mein Leben. Aber nicht wettkampfmässig, vielmehr für mich.
Hatten Sie bei all dem Sport überhaupt Zeit für die Schule?
Ja, zwangsläufig. Aber ich war dennoch froh, als sie zu Ende ging. Ich begann eine Lehre als Metallbauer an der Lenk. Das gefiel mir sehr gut, da ich körperlich sehr gern arbeitete. Und am Abend hatte ich Zeit für Sport. Das Bergsteigen und Klettern war in meinen Fokus gerückt.
Die Snowboardsaison ist vorbei. Haben Sie im Sommer einen Ersatz?
Ja, das Bike. Vor allem die Downhilldisziplin hat es mir angetan. Wie gesagt, möglichst schnell muss es gehen bei mir.
Ganz offensichtlich, denn sie haben die Gesamtwertung im Europacup der Para-Snowboarder für sich entschieden. Und das in Ihrer ersten Rennsaison. Wie haben Sie das geschafft?
Es begann damit, dass ich einen Anruf vom Chefcoach der Swiss-Para-Snowboarder Silvan Hofer erhielt, als ich gerade beim Abendessen sass. Er ist immer auf der Suche nach neuen Fahrern für sein Team und erfuhr durch puren Zufall von mir und meiner Freude am Snowboard.
Zufälle gibt es ja bekanntlich nicht…
Silvan hatte mit meiner Nachbarin auf dem Sessellift gesessen und sie waren ins Gespräch gekommen. Sie gab ihm meine Nummer, weil sie wusste, dass ich gern und viel auf dem Snowboard bin. Vielleicht eher Glücksfall als Zufall.
Und dann gings gleich los mit den Rennen?
Ja, es ging ziemlich schnell. Ich startete in Landgraaf, Holland, mit einem Banked Slalom. Mein Rennergebnis dort ermöglichte mir die Teilnahme an Weltcuprennen in dieser Disziplin. Dann ging es mit Europacuprennen in Finnland und Deutschland weiter. Eigentlich waren auch Rennen in Italien geplant. Die wurden jedoch wegen zu viel Schnee abgesagt. Als Ersatz fuhr ich ein FIS-Rennen in St. Moritz. Die guten Resultate bescherten mir eine Teilnahme an einem Weltcuprennen im Snowboard Cross in Kanada kurz vor Ostern.
Kommen wir zu der Frage, warum Sie ihren Platz im Swiss-Para-Snowboard und nicht im Swiss Snowboardteam gefunden haben?
Aufgrund meines amputierten rechten Vorfusses und Beeinträchtigungen im linken Unterschenkel bin ich Kandidat für den Behindertensport und starte in der Kategorie SB-LL2 (siehe Infobox) im Banked Slalom und im Snowboard Cross.
Was ist passiert, dass der Vorfuss amputiert werden musste?
Es war Sommer. Ich war 18 Jahre alt und auf einer Hochtour im Wallis unterwegs. Begleitet von drei Kollegen, bewegten wir uns entlang eines Feldbandes. Beim Versuch, mich auf einem Felsblock abzustützen, stürzte zunächst ich rund sechs Meter ab. Leider folgte auch der Felsblock und verletzte meine beiden Unterschenkel schwer.
Können Sie sich an den Unfall erinnern oder wissen Sie es aus Erzählungen?
Ich kann mich sehr genau daran erinnern. Ich war bis zum Transport ins Spital immer bei Bewusstsein. Ich erinnere mich an die Schmerzen und an das Warten auf den Heli, an dumme Sprüche mit meinen Kollegen, um diese Schmerzen auszuhalten. Irgendwie wusste ich, dass ich nicht sterben würde, auch wenn mir die Ärzte später erklärten, dass es äusserst knapp gewesen sei. Nach einer 20-stündigen Notoperation hatten sie mich stabilisiert. Was dann folgte, waren sieben Wochen im Spitalbett liegen, begleitet von mehr als einem Dutzend Operationen. Die waren nötig, um meinen völlig zerstörten linken Unterschenkel zu rekonstruieren und die Amputation am rechten Fuss zu vollenden.
Und wie haben Sie das in Ihr Leben aufgenommen?
Natürlich war ich erschrocken, als ich nach drei Tagen Intensivstation den Verlust meines Vorfusses realisierte. Ich wusste nicht, was alles auf mich zukommt, wie mein linker Unterschenkel heilen würde. Und das war gut so. Denn ich haderte keinen Moment. Für mich war das Ziel ziemlich schnell definiert: Ich will wieder laufen und all das tun können, was ich vor dem Unfall auch gemacht habe. Nach einem halben Jahr war es so weit und ich konnte wieder ohne Hilfe laufen. Natürlich war es ein Auf und Ab und es ging nicht immer gleich gut. Aber mental befand ich mich in guter Verfassung, hatte meine Familie als Kraft im Hintergrund.
Sie zweifelten zu keiner Zeit, dass Sie Ihr Ziel erreichen würden?
Nein. Das erste Jahr nach dem Unfall war nicht das Schlimmste. Unangenehmer war die Zeit, die folgte. Zu erkennen, dass doch nicht alles genau wie vorher funktionierte. Das Geldverdienen trat in den Vordergrund. Wie sollte ich so arbeiten? Die Erkenntnis, dass ich nicht mehr genug Energie für eine volle Arbeitswoche aufbringen kann, traf mich hart. Die Nachteile, Schwierigkeiten und Schwachstellen, die mir nach und nach bewusst wurden, forderten mich mental dann ziemlich heraus. Ich beschloss, dennoch alle Körperbewegungen wieder zu versuchen.
Und dann haben Sie wieder mit dem Sport angefangen?
Ja. Ein Jahr nach dem Unfall stellte ich mich aufs Snowboard. Im Garten hinter dem Haus probierte ich, wie es geht. Auch mit dem Klettern habe ich wieder begonnen, sobald ich laufen konnte. Ich habe schnell gemerkt, dass ich vieles realisieren kann, wenn ich Ausrüstung und Körper an die Bewegung anpasse, wenn ich Schwachstellen kompensiere. So mache ich es bis heute.
Wie sehr eingeschränkt sind Sie heute?
Ich kann vieles, fast alles, machen. Ich arbeite beim Alpinzentrum Gstaad, aber kein volles Pensum. Ich büsse manche Bewegungen. Und der Schmerz, den ich im Unterschenkel spüre, raubt mir ziemlich viel Energie. Aber ich kann mir ja selber lieb sein und die Anforderungen an mich anpassen. Der Schmerz hört damit zwar nicht auf, aber der Umgang damit wird vielleicht einfacher.
Würden Sie sich selber als Draufgänger bezeichnen?
Draufgänger wohl schon, aber nur wenn ich weiss, dass es meinen Fähigkeiten entspricht. Sagen wir es so, ich würde keinen Sprung machen, bevor ich nicht weiss, was dahinter kommt.
Der Sport steht auch nach dem Unfall im Mittelpunkt Ihres Lebens. Das Biken, aber auch das Klettern. Haben Sie keine Angst vor erneuten Verletzungen?
Nein, Angst habe ich nicht. Ich gehe nicht mit Vollgas hinein. Ich probiere, was geht, um herauszufinden, ob es die Sache wert ist. Ob die Faszination an jener Bewegung die enorme Anstrengung, die sie dann meist verlangt, aufwiegt.
Es ist wahrscheinlich sehr schwer zu beantworten, aber ich frage dennoch: Was war das Grösste, das Sie in ihrem ersten Rennwinter erlebt haben?
Diese ganze Wintersaison war ein riesiges Erlebnis. Natürlich waren die Podestplätze tolle Erfahrungen. Für mich besonders wertvoll war ein Teamevent in Deutschland. Dort starteten Europacupfahrer im Zweierteam mit jeweils einem Para-Snowboarder. Es war eine Premiere. Noch nie zuvor gab es im Europacup ein inkludiertes Rennen. Das war wirklich cool, sich im Wettkampf mit normalen Spitzensportlern messen zu können.
Und wie ist der Plan für die kommende Saison?
Die Aussichten auf einen der Plätze in den drei Kaderstufen, die von PluSport jeweils vergeben werden (siehe Infobox), sind für mich gut. Es gibt einen Trainingsplan von Konditionstrainer David Wälti, den jeder Athlet und jede Athletin nach eigenem Ermessen umsetzt. Mein Ziel ist es, diese neuen Erfahrungen in die nächste Saison mitzunehmen. Ich schaue, was passiert. Gern starte ich wieder im Weltcup, aber dann möchte ich nicht Letzter werden. Der olympische Gedanke, dass Teilnahme das Wichtigste ist, reicht mir nicht.
Demnach ist ein Saisonziel bereits definiert?
Ja. 2025 wird die Weltmeisterschaft in Kanada ausgetragen und da wäre ich sehr gern dabei. Und natürlich stehen da noch die Winter-Paralympics 2026 in Cortina in Aussicht. Um ins Swiss-Paralympics-Team zu gelangen, brauche ich gute Europacup- und Weltcupresultate. Das würde sowohl einen zusätzlichen Startplatz als auch meine Starterlaubnis bedeuten.
Wie im Spitzensport der nicht behinderten Sportler sind auch bei den Para-Spitzensportlern die Finanzen nicht ganz unwesentlich. Wie können Sie Ihren sportlichen Alltag bestreiten?
Genau das ist ein kritischer Punkt. Der Verdienstausfall durch renn- und trainingsbedingte Abwesenheiten ist enorm. Dazu kommen die Kosten, die die Trainings und Rennen verursachen. Transport und Unterbringung bedeuten einen Aufwand im mittleren fünfstelligen Bereich. Dazu kommen Administration und Bürokratie, die neben wertvoller Zeit auch Kräfte rauben. Im Moment gibt es in der Schweiz nur zwei Para-Snowboarder, die den Sport professionell betreiben, also dank Nationalkaderzugehörigkeit und Sponsoren vom Sport leben können. Verglichen mit anderen europäischen Nationen hat der Para-Spitzensport in der Schweiz noch viel Luft nach oben.
SWISS-PARA-SNOWBOARDTEAM
PluSport ist das Kompetenzzentrum für den Behindertensport in der Schweiz. Als Dachverband fördert PluSport Menschen mit Behinderung vom Breiten- bis hin zum Spitzensport. Im Spitzensport angekommen ist das Swiss Para-Snowboardteam unter der Leitung von PluSport-Nationaltrainer Silvan Hofer. PluSport und die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung sind die beiden Trägerverbände von Swiss Paralympic. Diese Stiftung organisiert und finanziert die Teilnahmen der Schweizer Behindertenspitzensportler:innen an Paralympics, Welt- und Europameisterschaften. Die Parasnowboarder werden je nach Behinderungsgrad in drei Gruppen klassifiziert: SB-LL1 (starke Einschränkungen an den unteren Extremitäten), SB-LL2 (geringe Einschränkungen an den unteren Extremitäten) und SB-UL (Einschränkung an den oberen Extremitäten). Die Athleten trainieren in den von PluSport vorgegebenen Kaderstufen Förderungskader, Elitekader und Nationalkader.
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