Fanliebe mit Ablaufdatum
01.05.2026 KolumneJOCELYNE PAGE
Kennen Sie das? Ein Lied im Radio und zack, befinden Sie sich in einer vergangenen Zeit. Gefühle, Erinnerungen, alles wieder da. Ohne Vorwarnung.
Mir passierte das vor Kurzem im Auto. Eine Stimme, ein paar Takte und ich war zurück in meiner Jugend. Es war ...
JOCELYNE PAGE
Kennen Sie das? Ein Lied im Radio und zack, befinden Sie sich in einer vergangenen Zeit. Gefühle, Erinnerungen, alles wieder da. Ohne Vorwarnung.
Mir passierte das vor Kurzem im Auto. Eine Stimme, ein paar Takte und ich war zurück in meiner Jugend. Es war Ritschi, der Frontmann von «Plüsch», der Schweizer Mundart-Popband. Ich war ein Riesenfan. Nicht ein bisschen. So richtig. Ich konnte jedes Lied auswendig. Als sie im Wallis auftraten, nahm mich meine Mutter mit. Am Ende durfte ich zum Merchandisestand. Ich entschied mich für ein hellblaues T-Shirt. Und dann: die Band, live vor mir. Alle haben es unterschrieben. Für mich war das der grösste Moment meines 14-jährigen Lebens.
Ich trug dieses Shirt danach praktisch ununterbrochen. Meine Mutter musste es mir fast vom Leib reissen, um es zu waschen. Pubertät, Sie wissen schon. Zur gleichen Zeit kämpfte ich mit anderen Dingen. Schulschwimmen zum Beispiel. Im Bikini mit der Schulklasse im Hallenbad war für mein Teenager-Dasein der Horror. Dazu kam eine strenge Sportlehrerin mit – sagen wir – eigenwilligem Verhältnis zur Körperhygiene. Meine Motivation hielt sich entsprechend in Grenzen.
Kurz vor den Sommerferien verstauchte ich mir den Fuss. Drei Wochen noch bis Ferienbeginn. Ich nutzte die Gelegenheit, jammerte ein wenig mehr als nötig und organisierte mir ein Arztzeugnis. Schwimmen: erledigt.
Das Leben hat bekanntlich Sinn für Ironie. Wenig später stürzte ich mit den Krücken. Oberarm gebrochen. Schulter ausgekugelt. Das Positive: Der Schulsport war damit endgültig vom Tisch. Aber: Ich trug beim Sturz natürlich mein geliebtes «Plüsch»-Shirt. Im Spital blieb keine Wahl. Die Schere kam. Schnipp, schnapp und das T-Shirt war Geschichte. Ich glaube, das tat meinem Herzen mehr weh als der Bruch.
Meine Mutter schrieb danach dem Bandmanagement. Ganz höflich, ob wir vielleicht ein neues Shirt kaufen könnten und die Band dieses nochmals unterschreiben würde. Eine kleine Geste für einen grossen Fan.
Wir warteten.
Und warteten.
Und warteten.
Es kam nie eine Antwort. Mit jeder Woche wurde die Enttäuschung grösser. Und irgendwo zwischen Hoffnung und Schweigen schrumpfte auch etwas anderes: mein Fanherz. Still. Leise. Endgültig.
Und dann sitze ich Jahre später im Auto, höre diesen Song und merke: Die Musik ist noch da, die Erinnerung auch. Aber die Begeisterung hat nach dem Spitalbettmassaker einen ziemlichen Abgang gemacht.
Und trotzdem frage ich mich: Würde ich als Fan zurückkehren, wenn heute plötzlich dieses T-Shirt im Briefkasten läge? Wir werden es nie erfahren. Mein erwachsenes Ich ist jedenfalls deutlich weniger nachtragend als mein Teenager-Ich. Wie «Plüsch» so schön gesungen hat: «Häbs guet u häb mi i dim Härz fescht.» Ein klitzekleines Fleckchen in meinem Herzen werde ich wohl noch für eure Mundartsongs finden.
jocelyne.page@anzeigervonsaanen.ch
