Fast 300 Jahre alt und ungebrochen schön
11.08.2026 KulturDas Gstaad Festival Orchestra mit seinem Dirigenten Jaap van Zweden und zwei wundervollen Solistinnen füllten am Samstag die Mauritiuskirche von Saanen mit Musik aus der Wiener Klassik – Musik, die fast drei Jahrhunderte lang allen Strapazen dieser Welt trotzte und bis heute in ...
Das Gstaad Festival Orchestra mit seinem Dirigenten Jaap van Zweden und zwei wundervollen Solistinnen füllten am Samstag die Mauritiuskirche von Saanen mit Musik aus der Wiener Klassik – Musik, die fast drei Jahrhunderte lang allen Strapazen dieser Welt trotzte und bis heute in unversehrter Schönheit erklingt. Ganz im Sinne des Festival-Gründers Yehudi Menuhin.
LOTTE BRENNER
Unter «Wiener Klassik» versteht sich die Epoche von Mitte des 18. Jahrhunderts bis ins frühe 19. Jahrhundert. In der Musik umfasst sie fast ausschliesslich die Werke von Haydn, Mozart und Beethoven. Das Publikum in der vollbesetzten, einzigartigen Kirche durfte eintauchen in diese wunderbare, unsterbliche Musik, getragen von hervorragenden Musikern und Musikerinnen. Auch optisch war es eine Wohltat. Mit graziös geschmeidiger Anmut und doch sehr dynamisch dirigierte Jaap van Zweden das Gstaad Festival Orchestra. Mit wenigen Gesten «pflückte» er einzelne Instrumentalgruppen und war mit der Musik und den Ausführenden, denen die Freude am Musizieren auf den Gesichtern stand, eins.
Für einen Farbtupfer sorgte die Solistin Jing Zhao, die mit ihrem roten Kleid an eine Mohnblume im weiten Feld erinnerte. Das alles unterstrich die grossen Empfindungen der Zuhörerschaft.
Dargeboten wurden das Cellokonzert Nr. 1, C-Dur, Hob.Vllb:1 von Joseph Haydn, die Sinfonie Nr. 40, g-moll, KV550 und das Violinkonzert Nr. 5, A-Dur, KV 219 von Wolfgang Amadeus Mozart. Alles bekannte Werke, einfach, natürlich und doch so kunstreich, satztechnisch perfekt. Es ist wirklich Musik, der die Zeitgeschichte nichts anhaben kann. Und wie sie lebt! Bis heute ist es der grösste Ehrgeiz in allerhöchsten Kreisen, die Musik jener grossen Komponisten noch schöner, noch reiner, noch vollkommener zu interpretieren. So kommt sie nie zum Stillstand.
Gerettet und gepflegt
Viele von Haydns Partituren waren bis zum Beginn des Sozialismus in der Tschechoslowakei für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Erst in den 1950er- Jahren wurden sie von Musikwissenschaftlern entdeckt. So wurde das Cellokonzert C-Dur 1962 erstmals wieder im Musikfestival «Prager Frühling» aufgeführt. Prompt schlug es ein und zählt bis heute zu den beliebtesten Cellokonzerten.
Zurückhaltend einfühlsam, mit filigraner Leichtigkeit, begann Jing Zhao das abwechslungsreiche Konzert, das bald einmal vor Temperament und Dynamik glühte. Die Cellistin hielt das Publikum mit hauchdünnem, zartem Gesang wie mit lebensfrohem Temperament in höchster Präzision oder atemberaubender Dynamik in Atem. Äusserste Sensibilität stand ihr auf dem Gesicht geschrieben. Der Kontakt zum Dirigenten und dem einfühlsamen Orchester machten es komplett. Die sensationelle, wieder entdeckte Musik aus dem 18. Jahrhundert ist ein wahres Juwel des diesjährigen Menuhin Festivals.
Mozart pur
So wie man ihn kennt, den Meisterkomponisten Mozart: einfach, natürlich, voller Einfälle, manchmal witzig, jedoch oft melancholisch... so brachte van Zweden die berühmte, schicksalsbetonte Sinfonie Nr. 40 und das Violinkonzert in A-Dur, auch «türkisch« genannt, auf die Bühne. Wie schon bei Haydn spielten hier die Bläser eine Rolle. Im ganzen Konzert fielen sie durch saubere Einsätze auf.
Gerne führt Mozart in seinen Werken ins Morgenland, so auch in seinem A-Dur-Violinkonzert. Für Virtuosen bietet dieses Konzert eine Fülle dankbarer Aufgaben. Die Violinistin Bomsori Kim erfüllte diese mit graziöser Leichtigkeit. Der Funke ihres sprühenden Temperaments sprang ins Orchester über und wusste ein dankbares Publikum mitzureissen.
Das war ein starker Auftritt des Gstaad Festival Orchestras, unter der Leitung von Jaap van Zweden und zugleich ein Debüt in der einzigartigen Atmosphäre der Mauritiuskirche in Saanen, die seinerzeit Yehudi Menuhin so sehr liebte.
Das Konzert wurde von Schweizer Radio srf2 Kultur aufgezeichnet und wird am Donnerstag, 20. August 2026 um 20.00 Uhr in der «Weltklasse» ausgestrahlt.



