Gedanken in der Passionszeit
28.03.2024 KircheEs ist März 2024, kurz vor Karfreitag und Ostern. Vielleicht öffnen wir unsere Bibel und lesen von der eindrücklichen Geschichte Jesu in den Evangelien. Eigentlich ist es auf den ersten Blick keine Erfolgsgeschichte, wie wir sie heute gerne auf der ersten Seite der Zeitungen lesen. Die Geschichte mit Jesus hat schon eigenartig begonnen. Er wurde in keinem anständigen Haus geboren, sondern seine Eltern waren unterwegs. Sie mussten einem Kaiser gehorchen. Maria musste als schwangere junge Frau mit ihrem angetrauten Mann einen mühsamen Weg gehen, bis in die Davidstadt Bethlehem. Die Niederkunft geschah bekanntlich nicht in einer Wohnung. Jesus wurde in einem einfachen Unterstand oder Stall geboren. Über die Kindheit Jesu wird uns in den Evangelien wenig erzählt.
Aber dann ging Jesus plötzlich unter die Leute. Sprach Männer an und sagte zu ihnen: «Folgt mir nach!» In den Evangelien heisst es, zwölf Männer (Jünger) hätten sich Jesus angeschlossen. Wie viele Frauen Jesus nachfolgten, wird uns nicht erzählt. Einige sind mit Namen bekannt.
«Folge mir nach!» Wem folgen wir gerne nach? Ehrlich gesagt, bestimmt zuerst jemandem, der oder die einen guten Namen hat. Jemandem, der vielleicht eine höhere Stellung in der Gesellschaft hat oder in eine besondere Familie geboren worden ist.
Es war bestimmt für viele – auch für die Jünger – eine Enttäuschung, dass Jesus sich so viel mit den Randständigen und mit den Kranken abgab. Ja, sogar mit den Zöllnern hatte Jesus zuammen gegessen und getrunken. Diese hatten bei den Leuten einen besonders schlechten Ruf.
Aber gibt es sie nicht auch heute? Alle diese verschiedenen Menschen? Sind sie nicht wie wir selbst ein Teil dieser bunten Menschengesellschaft? Schnell lassen wir uns verblenden. Suchen nach mehr Erfolg und vergessen leicht, was Jesus zu seinen Jüngern sagte: «Sucht euch Schätze im Himmel.»
Das nahmen zwei Jünger etwas zu wörtlich. Das lesen wir in Markusevangelium, im Kapitel 10, 35–40.
Die beiden Söhne des Zebedäus, Jakobus und Johannes, sprachen Jesus direkt auf dieses Thema an. Sie baten Jesus, dass sie dann im Himmel ganz nahe bei ihm sein könnten. Am liebsten wollte einer zur rechten Seite von Jesus sitzen und der andere zur linken Seite.
Da fragte Jesus sie: «Könnt ihr den Kelch, den ich trinken werde, trinken? Und die Taufe, mit der ich getauft werde, auf euch nehmen?» Die Jünger versprachen: «Ja, das werden wir tun!» Jesus widersprach ihnen nicht. Aber in der Bibel lesen wir weiter im Markusevangelium 10, 41–45: Als die zehn Jünger das hörten, wurden sie ärgerlich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sagte: «Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern, wer bei euch gross sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.»
Vielleicht müssen wir sogar ein wenig schmunzeln über diese zwei Brüder Jakobus und Johannes. Aber Hand aufs Herz. Werden nicht auch wir gerne für gut geleistete Arbeit demnach entlöhnt? Vielleicht haben wir sogar wegen dieser Arbeit Entbehrungen auf uns genommen. Dienen, das ist nicht immer unsere Sache – und doch gab es und gibt es bis heute viele Menschen, welche im Stillen dienen. Davon hat auch die ehemalige Lehrerin und Schriftstellerin Elisabeth Baumgartner in ihren Büchern berichtet.
Beim Lesen einer dieser Geschichten ist mir in Erinnerung gekommen, dass auch bei uns im Tal Eltern und Grosseltern oder Verwandte erzählten, wie sie während und zwischen den beiden Weltkriegen für kurze Zeit sogenannte Rotkreuzkinder aufgenommen hatten.
Bildhaft erzählt die Schriftstellerin in einer Geschichte, wie ein Gemeindepräsident, ein Bauer, mit Pferd und Wagen zum Bahnhof fuhr, um diese Kinder zu begrüssen. Bleich und untergewichtig, mit ernsten Gesichtern, stiegen diese älteren und jüngeren Mädchen und Knaben mit der Dorflehrerin aus der Eisenbahn. Jedes Kind hatte ein Schild um den Hals, mit Name und Adresse.
Obschon der Gemeindepräsident seiner Frau versprochen hatte, ein Mädchen mit nach Hause zu bringen, gab die Dorflehrerin ihm einen grossen, schmächtigen Buben, den Richard, mit. Er war im selben Alter wie der Sohn der Familie. Richard war ein unauffälliger, sehr höflicher, aber für sein Alter auch zu ernster Knabe. Nur Ueli, der Bauernsohn, hörte in der Nacht das Weinen des Knaben aus Wien.
Heimweh und die schrecklichen Erlebnisse waren das Los dieser Kinder. Wie schön war es, als die Bauersfrau sah, dass Richard etwas mehr essen mochte als anfänglich und sich der Familie zaghaft ein wenig öffnete. Später gingen Briefe von Richard und Ueli aus Wien und der Schweiz hin und her.
Aber dann kam wieder ein grosser Krieg. Immer spärlicher bekam Ueli Post aus Österreich. Irgendwann kam kein Brief mehr aus Wien. Dies betrübte Ueli und die Bauernfamilie sehr. War der junge Richard auch ein Opfer dieses schrecklichen Krieges, des Zweiten Weltkrieges, geworden?
Viele Jahre sind seither vergangen. Macht und Ohnmacht nehmen leider seit den letzten Jahren erschreckend zu. Tausende Kinder und Jugendliche sind weltweit alleine unterwegs. Auch heute braucht es Menschen, die diesen Kindern Schutz geben, damit ihnen nicht noch Schlimmeres zustösst.
Jesus Christus ist den mühsamen Weg gegangen. Er durchlebte die tiefste Not der Menschen. Gottes Sohn ging den Weg nach unten – den Weg der bedingungslosen Liebe für uns Menschen.
Es ist uns nicht möglich, jedes Leid zu verhindern. Aber wir dürfen mittragen. Wir dürfen uns gerade in dieser stillen Zeit, in der Passionszeit, überlegen: Wo kann ich helfen? Wir dürfen aber auch im Fürbittegebet bei den Menschen sein, welche Leid tragen.
HILDE TEUSCHER

