Gegen Abschottung und Ausgrenzung
02.06.2026 LeserbriefeDie 10-Millionen-Initiative zerstört meiner Meinung nach den bewährten bilateralen Weg mit der EU. Und nicht erst irgendwann, sondern bereits, wenn die Schweiz gerade mal um rund 4 Prozent auf 9,5 Millionen Einwohner:innen wächst. Der Bund müsste dann im Asylbereich und beim ...
Die 10-Millionen-Initiative zerstört meiner Meinung nach den bewährten bilateralen Weg mit der EU. Und nicht erst irgendwann, sondern bereits, wenn die Schweiz gerade mal um rund 4 Prozent auf 9,5 Millionen Einwohner:innen wächst. Der Bund müsste dann im Asylbereich und beim Familiennachzug Massnahmen prüfen und ergreifen. Das könnte mit der Personenfreizügigkeit in Konflikt geraten und im weiteren Verlauf zur Kündigung wichtiger bilateraler Verträge führen.
Die Folgen davon wären gewaltig und fatal. Wenn der Familiennachzug eingeschränkt wird, müsste beispielsweise die französische Pflegefachfrau oder der portugiesische Bauarbeiter damit rechnen, dass Kinder oder Ehepartner:innen nicht mehr ohne Weiteres nachziehen oder bleiben können. Die Initiative würde ab dem ersten Tag nach Annahme massive Unsicherheit schaffen und dazu führen, dass sich zum Beispiel die dringend benötigte deutsche Ärztin zweimal überlegt, hierhin zu ziehen, weil sie nicht weiss, ob ihre Familie mitkommen und bleiben kann.
Gerade im Gesundheitswesen führt die Initiative aus meiner Sicht ins Chaos. Schon heute fehlen Tausende Pflegekräfte, bis 2030 werden es gemäss verschiedenen Prognosen Zehntausende Pflegende sein. Eines ist klar: Ohne Fachkräfte aus dem Ausland gerät unsere Gesundheitsversorgung massiv unter Druck. Wer das zuerst spürt, sind Regionalspitäler und Pflegeheime in ländlichen Regionen, die bereits heute Mühe haben, gute Leute zu finden.
Dies gilt auch im Allgemeinen: Unser Land würde im Nu zusammenbrechen ohne ausländische Mitmenschen.
Es geht den Initianten aus meiner Sicht auch nicht um weniger Zuwanderung. Sie wollen «Menschen zweiter Klasse». Denn Ausländer:innen mit einer Kurzaufenthaltsbewilligung – das heisst einer Bewilligung von weniger als einem Jahr – zählen nicht zur sogenannten ständigen Wohnbevölkerung, die für die 10-Millionen-Grenze massgebend ist. Die Arbeitskräfte sollen also weiterhin kommen können – einfach kürzer, ohne sozialen Schutz und ohne Anspruch, ihre Familie nachzuziehen.
Die Initiative will meines Erachtens zurück in eine dunkle Zeit in der Geschichte der Schweiz, in der ausländische Arbeiter:innen wie Ware behandelt wurden, in der zahlreiche Familien auseinandergerissen wurden und in der Kinder versteckt werden mussten, weil sie nicht mit den Eltern leben durften, die in der Schweiz arbeiteten. Wenn die Arbeiter:innen krank oder arbeitslos wurden, konnten sie nach damaliger Praxis rasch zurück in ihr Herkunftsland geschickt werden. Das empfinde ich als menschenverachtend und darf nie wieder Realität werden.
Also stimmen wir ab mit einem überzeugten Nein!
ERNST WAMPFLER, SAANEN
