Geissen, Glamour und Geranien in Zermatt
04.09.2026 LandwirtschaftMartina Haller lebt seit mehreren Jahren jeweils im Winter im Saanenland. Unseren Leser:innen ist ihr Name als freie Mitarbeiterin des «Anzeigers von Saanen» geläufig. Die Sommer verbringt die gebürtige Aargauerin jeweils auf einer Alp. Während der vergangenen ...
Martina Haller lebt seit mehreren Jahren jeweils im Winter im Saanenland. Unseren Leser:innen ist ihr Name als freie Mitarbeiterin des «Anzeigers von Saanen» geläufig. Die Sommer verbringt die gebürtige Aargauerin jeweils auf einer Alp. Während der vergangenen beiden Sommer war die studierte Psychologin in Zermatt hauptverantwortlich für den touristischen Geissenkehr (Ziegenumzug).
Ich bin Martina Haller und wohne seit 13 Jahren im Saanenland, wo ich aber nur im Winter arbeite. Im Sommer zieht es mich regelmässig auf die Alp.
Angefangen habe ich als Stallhilfe mit Kühen, danach wurde ich Sennerin und wechselte ins Ziegengeschäft. An den Tieren fasziniert mich ihre Neugier und Lernfähigkeit. Mit grosser Begeisterung studiere ich ihr Herdengefüge und ihre Kommunikation. In einem früheren Leben habe ich Psychologie studiert. Ob das bei der Arbeit mit den Geissen helfe, werde ich oft gefragt. Ein bisschen vielleicht schon, vor allem dann, wenn es darum geht, mit Leuten zurechtzukommen, deren Geranien gerade gefressen wurden.
Die Sommer 2025 und 2026 verbrachte ich in Zermatt als Verantwortliche des traditionellen Geissenkehrs, einem Ziegenumzug durchs Dorf. Ich betreue die Tiere, führe sie durchs Dorf und verbringe die Tage beim Geissenhüten auf der Weide, entweder alleine oder zusammen mit Zermatter Schulkindern.
Startschwierigkeiten
Bereits kurz vor meiner Ankunft in Zermatt Anfang Juni ist Flexibilität gefordert. Mir wird mitgeteilt, dass mein «Nachtpferch» («Ferich» auf Walliserdeutsch) an einem anderen Ort aufgestellt und viel mehr Tiere als letzten Sommer gebracht werden sollen. Meine erste Herausforderung vor Ort sind demzufolge Sitzungen und Telefongespräche statt der erwarteten Zaunarbeit.
Der neue Standort hat sich innert Kürze zum Politikum entwickelt und die Gemeindepräsidentin höchstpersönlich gibt am Schluss Anweisungen, wo das Unterstandzelt für die Geissen zu stehen hat. Zelte verschieben, damit die Kirche im Dorf bleibt – für alle ein guter Kompromiss. Mein Vorschlag hingegen, die überschüssigen Gitzi zu metzgen und zu vermarkten, stösst bei der Mehrheit der Beteiligten nicht auf grosse Begeisterung. Schlussendlich wird eine Einigung auf Walliser Art erzielt.
«Eingrooven» auf der Weide
Die ersten zwei, drei Wochen weiden wir in freiem Weidegang in einem zehn Hektaren grossen Weidegebiet oberhalb des Dorfes zwischen Triftbach und Heliport. Der Hauptvorteil gegenüber einer Einzäunung der Tiere besteht darin, dass sie sich das Futter holen können, auf welches sie Lust haben und welches sie brauchen. Somit sind sie zum Beispiel keinem Wurmdruck ausgesetzt, welcher bei Kleinwiederkäuern oft ein Problem darstellt.
Speziell am Weidegang in Zermatt ist, dass ich mit den Tieren direkt am Dorfrand weide. Manchmal befinden wir uns direkt hinter und zwischen den Mehrfamilienhäusern, aus welchen das Dorf hauptsächlich besteht. Die Leute winken und grüssen mich dann von ihren Balkonen aus, ich manövriere die Herde um landende Paraglider oder beobachte mit meinem Feldstecher das Geschehen im Dorf.
Eine weitere Spezialität besteht darin, dass ich jeden Tag morgens und abends die Güterbahngeleise überquere und eine schmale Rampe benütze, um auf die Weide zu gelangen. Die Tiere folgen mir meist brav und unerschrocken. Es braucht aber je nach Menschenaufkommen eine gute Personenlenkung, damit die faszinierten Touristen nicht die Herde durcheinanderbringen oder wichtige Durchgänge verstopfen. Nicht selten höre ich, sobald ich mit den Tieren im Nachtpferch verschwunden bin, den Glacier-Express auf dem Abstellgleis pfeifen, weil die Paparazzi nicht so schnell über die Schienen hüpfen können wie die Geissen.
«Let the show begin»
Mit dem Start der Schulferien beginnt der Geissenkehr durchs Dorf. Vier bis sechs Schulkinder zwischen neun und 14 Jahren helfen mir jeweils sieben Tage lang, die Geissen durchs Dorf zu führen und auf der Weide am anderen Ende des Dorfes zu hüten. Dafür erhalten sie von Zermatt Tourismus einen Lohn.
Die Parade durchs Dorf ist eine Mischung aus riesiger Bühne eines historischen Freilichtspiels und Disneyland. Wenn am Nachmittag Alphornbläser vor der Kirche spielen und wir das Bild mit Glockengebimmel und Ziegenromantik untermalen, drückt es manchmal selbst mir vor Rührung und lauter Schönheit die Tränen in die Augen. Und damit bin ich nicht die Einzige. Als Kind habe ich gemeint, dass der, der da im Morgenrot daher tritt, Wilhelm Tell sei. Heute weiss ich, dass es meine Schwarzhalsziegen unter den riesigen, wehenden Walliser und Schweizer Fahnen in der Zermatter Bahnhofstrasse sind.
Von Woche zu Woche steigt die Anzahl der Zuschauenden. Was in der ersten Woche manchmal etwas «crowded» anmutet, entwickelt sich bis zur sechsten Woche in eine Mauer aus Menschen. Von Vorteil lässt man sich durch die Massen die Herde nicht spalten, denn wenn sich das Touristenmeer hinter der vorderen Hälfte der Tiere schliesst, braucht es mehr als einen Moses, um es wieder zu teilen. Auf Kinder hört da keiner mehr.
Augen zu und durch ist meine Devise. Beziehungsweise Lächeln aufsetzen und durch, schliesslich wird man nonstop gefilmt und fotografiert. Sich aufregen bringt nichts. Weder über den Selfiestick, den ein Tourist mitten in die Herde streckt und diese damit komplett zum Stoppen bringt, noch über den Hundehalter, der mir voller Freude versichert, dass sich sein bellender Hund so über die Geissen freut und mir auf mein «Wir stoppen wegen ihm» antwortet: «Oh, das müssen Sie nicht, gehen Sie ruhig weiter.» Und auch nicht über die Elektrotaxis, welche versuchen, slalomfahrend durch die Herde zu manövrieren. Wobei ich hierzu sagen muss, dass ich es wirklich nicht verstehe, wie man auf die Idee kommen kann, dass irgendjemand von uns so schneller vorwärtskommen könnte.
Die Arbeit mit den Kindern
Was ich an der Arbeit mit den Kindern besonders mag, ist, sie zu motivieren und in ein positives Mindset zu versetzen. Beim Geissenkehr bedeutet Erfolg für mich nicht unbedingt, möglichst schnell durchs Dorf zu kommen. Im Gegenteil: Der grössere Erfolg ist es, anzukommen, obwohl die Bedingungen schwierig waren. Wenn zum Beispiel die Ziegen nicht so wollen wie geplant, etwas nicht auf Anhieb funktioniert oder es schlichtweg zu viele Zuschauende hat. Dann dranzubleiben, nie aufzugeben und am Ende stolz darauf zu sein, was man geschafft hat, das möchte ich ihnen mitgeben. Und natürlich soll der Spass nicht zu kurz kommen. Wir versuchen immer, recht viel «Seich» zu machen. Nach einer kleinen Kletterpartie hat einmal ein Mädchen zu mir gesagt: «Mein Vater hätte uns jetzt hier angeseilt.» Was soll ich sagen? «No risk, no fun…»
Gleichzeitig lernen die Kinder dabei viel über die Natur und die Tiere. Und sie erleben etwas, das eigentlich zu ihrem eigenen Erbe gehört: Sie sind Einheimische und ihre Vorfahren waren die Geissenbuben, die früher mit den Ziegen durchs Dorf gingen. Der Geissenkehr war damals kein touristisches Erlebnis, sondern Teil des Alltags.
Historischer Hintergrund
Seit Jahrhunderten wurde in den Bergregionen während der Sömmerungsmonate das Vieh auf die Alpen getrieben. Im Tal gab es deshalb während dieser Zeit keine Milch. Deshalb hielten viele Familien zusätzlich eine oder mehrere Ziegen, die ihnen auch während des Sommers Milch lieferten.
Am frühen Morgen zog der Geissenbub rufend durchs Dorf. Die Familien öffneten ihre Ställe, der Bub sammelte die Ziegen ein und führte die Herde auf die Weiden oberhalb des Dorfes. In Zermatt ging es dabei weit hinauf. Die Flächen in Dorfnähe wurden für Roggenund Kartoffeläcker gebraucht, während die Ziegen auf den steileren und weniger nutzbaren Flächen weideten.
Am Abend kehrte der Geissenbub mit der Herde ins Dorf zurück. Die Ziegen kannten ihren Weg und gingen selbstständig in ihre jeweiligen Ställe, wo sie von ihren Besitzern gemolken wurden. Entlöhnt wurden die Geissenbuben höchstens mit etwas zu essen. Und wenn eine Ziege unterwegs Unsinn gemacht oder verbotenerweise in einem Garten genascht hatte, konnte es für den Buben auch schon einmal eine Ohrfeige geben.
Die Arbeit war hart und nicht immer beliebt. Trotzdem war es für einen Geissenbuben eine Ehre, die Herde durchs Dorf zu führen und für die Tiere verantwortlich zu sein.
Ursprünglich war der Geissenkehr Alltag und Notwendigkeit. Mit dem Aufkommen des Tourismus wurde das tägliche Bild der Ziegen im Dorf zunehmend zu einer Attraktion. Aus dieser alten Tradition entwickelte sich in Zermatt der heutige Geissenkehr.
Die Schwarzhalsziege
Die Walliser Schwarzhalsziege ist eine trittsichere Gebirgsziegenrasse. Im Zuge der Bestrebungen zur Vereinheitlichung und Leistungssteigerung der Schweizer Ziegenzucht wurde sie im 20. Jahrhundert zunehmend verdrängt und war zeitweise vom Aussterben bedroht.
In den Sechzigerjahren wurden die letzten Bestände wiederentdeckt. Die Zucht war zunächst schwierig, da nur noch wenige Tiere vorhanden waren.
Heute ist die Walliser Schwarzhalsziege wieder fest im Wallis verankert. Ihr auffälliges, langes Fell macht sie unverwechselbar. Wobei historische Fotografien zeigen, dass die Tiere früher deutlich weniger üppig behaart waren.
MARTINA HALLER
Quellen: Schweizerischer Ziegenzuchtverband (SZZV), ProSpecieRara, Oberwalliser Ziegenzuchtverband.







