«Der verdient mehr als ein Bundesrat», sagte mir mein Vater im Zürcher Hauptbahnhof, als er sich von seinem zufällig getroffenen Jasskollegen verabschiedet hatte. Das war damals in den 1950er-Jahren, als das Einkommen eines Mitglieds der Landesregierung als höchstes in ...
«Der verdient mehr als ein Bundesrat», sagte mir mein Vater im Zürcher Hauptbahnhof, als er sich von seinem zufällig getroffenen Jasskollegen verabschiedet hatte. Das war damals in den 1950er-Jahren, als das Einkommen eines Mitglieds der Landesregierung als höchstes in der Schweiz vermutet wurde.
Wenn einer tatsächlich mehr verdiente als ein Bundesrat, so war das nicht nur abnormal, sondern der musste schon beispielsweise ein Generaldirektor einer internationalen Firma mit Sitz in der Schweiz oder dann jemand sein, der sein Glück im Spielkasino von Konstanz oder von Campione am Lago di Lugano gefunden hatte.
Heute sagt man «Geld regiert die Welt» und tatsächlich hat man in der Schweiz ein paar Probleme, von denen andere Länder nur träumen können.
Obschon sie es gar nicht ist, fühlt und gibt sich die Eidgenossenschaft als reichstes Land der Welt.
Hier erhält man ungefragt Empfehlungen per E-Mail und per Post, wie und wo man sein Geld gewinnbringend anlegen könnte. Wenn man wollte. Meinerseits schwimme ich nicht gerade darin und somit sind mir diese Hinweise und Empfehlungen egal.
Aber: Einer Reportage des «Sonntagsblick» ist zu entnehmen, dass es Eidgenossen gibt, die traumhafte Beträge für ihre Arbeit erhalten. So kassierte der Chef der Zürcher Privatbank EFG International im letzten Jahr ein Plus von 80 Millionen Franken. Was sein Kollege von der UBS verdiente, ist noch nicht bekannt. Aber dessen Privatvermögen wird ohnehin auf ungefähr 200 bis 250 Millionen Franken geschätzt. Allein diese Zahlen sind umso mehr skandalös, als schon am 3. März 2013 die Minder-Volksinitiative «Gegen die Abzockerei» angenommen wurde.
Es ist nur noch traurig. Nicht einmal unsere direkte Demokratie kann die Schamlosigkeit dieser Herren bewältigen.
Ein französisches Sprichwort lautet: «Wenn online ein Bankier vom Dach hinunter springt, dann spring hinterher, denn es gibt etwas zu gewinnen.» Vermutlich stammt es von Voltaire.
OSWALD SIGG
JOURNALIST, EHEMALIGER BUNDESRATSSPRECHER oswaldsigg144@gmail.com