Gemeinsam über Stock und Stein
01.09.2026 GesellschaftHunderte Wanderfreudige, prominente Begleiter und ein ganzes Dorf in Bewegung: Beim Nationalen Wandertag wurde das Saanenland zur grossen Wanderbühne. Unterwegs warteten nicht nur schöne Aussichten, sondern auch ungewohnte Einblicke hinter die Kulissen.
«Man hat ...
Hunderte Wanderfreudige, prominente Begleiter und ein ganzes Dorf in Bewegung: Beim Nationalen Wandertag wurde das Saanenland zur grossen Wanderbühne. Unterwegs warteten nicht nur schöne Aussichten, sondern auch ungewohnte Einblicke hinter die Kulissen.
«Man hat ein Tempo, bei dem das Hirn mitkommt»
Der 18. Nationale Wandertag der «Schweizer Familie» brachte am Samstag Hunderte Wanderfreudige nach Gstaad. Der «Anzeiger von Saanen» begleitete die längste Tour mit Nik Hartmann und war mitten im Geschehen.
MAXIME VÖGELE
Wanderschuhe angezogen, Rucksack gepackt, noch kurz «Kafi und Gipfeli» zur Stärkung: In Gstaad macht sich am Samstagmorgen alles bereit für den 18. Nationalen Wandertag der «Schweizer Familie». Auf verschiedenen Routen geht es mit prominenten Begleitern und einheimischen Wanderleitenden durchs Saanenland. Ich schliesse mich der längsten Runde mit Nik Hartmann an. Zumindest ist das der Plan – denn noch bevor es in Richtung Wanderweg geht, kommt eine unerwartete Aufgabe auf mich zu.
Bitte lachen!
Statt auf dem Wanderweg lande ich zunächst vor der Kamera. Kurzfristig werde ich gefragt, ob ich beim Cover-Shooting der «Schweizer Familie» mit Nik Hartmann mitmachen möchte. Damit eröffnet sich unerwartet ein Blick hinter die Kulissen: Während sich die ersten Wandernden langsam auf den Tag einstimmen, läuft für den prominenten Begleiter – und nun auch für mich und einige andere – bereits der Zeitplan.
Beim Dorfbrunnen und dem Bronze-Kalb «Rosie» verteilt Fotograf Sebastien Anex die Statist:innen rund um den Moderator. Die wichtigste Regieanweisung: Lachen. «In der ‹Schweizer Familie› lachen immer alle.» Hartmann, der sich das Posen vor der Kamera deutlich besser gewohnt sein dürfte als wir im Hintergrund, hat gleich noch einen Tipp: Laut lachen funktioniere besonders gut.
Nach über 30 Minuten ist das Bild im Kasten. Wie das viele Lachen am Ende auf dem Cover wirkt, werde ich allerdings erst am Donnerstag erfahren, wenn die neue Ausgabe erscheint. Für Nik Hartmann geht es direkt weiter: Kaum ist das Fotoshooting vorbei, wartet bereits die Wanderung in Richtung Schönried.
Ein «Tatzelwurm» setzt sich in Bewegung
Neben Hartmann begleiten auch Einheimische die verschiedenen Touren. Denn über hundert Wanderfreudige gemeinsam drei Stunden durchs Saanenland zu führen, wäre alleine wohl ziemlich herausfordernd. An der Spitze unserer Gruppe übernimmt Selin Gempeler die Verantwortung. Die Lehrerin aus Zweisimmen kennt Region und Strecke gut, ist die Route vor dem Anlass aber trotzdem nochmals mit dem Bike abgefahren.
Wanderhelfende sind über die Gruppe verteilt, weisen den Weg und begleiten die Teilnehmenden. Selin Gempeler behält derweil Verkehr, Velos und mögliche heikle Stellen im Auge. Bei der warmen Spätsommersonne erinnert sie immer wieder daran, genügend zu trinken. Für die Lehrerin ist das Führen einer grossen Gruppe nicht ganz ungewohnt: «Es ist schon ein bisschen eine Schulreise. Sie ‹folgen› ein bisschen weniger gut als meine Kinder.» Mit einem entscheidenden Unterschied, schiebt sie lachend nach: Die Erwachsenen müssten auch weniger gut «folgen» – schliesslich könnten sie selbst entscheiden, wo sie durchgehen.
Fast wie ein Geografielehrer
Während Selin Gempeler schaut, dass der «Tatzelwurm» auf Kurs bleibt, ist Nik Hartmann mittendrin. Er plaudert mit Wandernden, bleibt für Fotos stehen und erklärt nebenbei, welche Berge gerade zu sehen sind. Irgendwann sage ich zu ihm, dass er, wenn man ihm so zuhöre, fast Geografielehrer sein könnte. Hartmann lacht: «Geografie habe ich in der Schule wirklich extrem gerne gehabt.» Die Begeisterung für Berge und Karten komme auch aus der Familie: Sein Grossvater sei im SAC gewesen und habe ihm schon als Kind die Gipfel erklärt. Bis heute wolle er auf der Karte wissen, wo er gerade sei. Und noch während er davon erzählt, folgt prompt der nächste Bergname: «Das ist übrigens die Gummfluh.»
Das Saanenland ist für Hartmann kein unbekanntes Terrain. Erst rund einen Monat zuvor verbrachte er mit seiner Familie Ferien in der Region. «Wir sind genau diese Strecke gewandert», erzählt er. Besonders fasziniere ihn die Weite. Hartmann zeigt Richtung Westen: «Dort hinten ist der Rochers-de-Naye. Wenn man dort oben steht, sieht man den Genfersee, man sieht auf Frankreich und dann sieht man den Montblanc. Das ist eine landschaftliche Offenheit, die wir in der Zentralschweiz so nicht haben.»
Der Reiz des Wanderns
Als Wandervogel ist Hartmann vielen bestens bekannt: Für «SRF bi de Lüt – Wunderland» wanderte er kreuz und quer durch die Schweiz. Dass er am Nationalen Wandertag zu den prominenten Begleitern gehört, liegt deshalb nahe.
Und während wir weiter Richtung Schönried gehen, bleibt tatsächlich genügend Zeit für ein Gespräch. Genau das sei für Hartmann einer der Reize des Wanderns. Zu Fuss unterwegs zu sein, sei die natürlichste Form der Fortbewegung überhaupt. Besonders schätze er dabei die Geschwindigkeit: «Man hat ein Tempo, bei dem das Hirn mitkommt.» So könne man aufnehmen, was um einen herum passiere. Gleichzeitig brauche man den Körper für genau das, wofür er eigentlich gemacht sei: von A nach B zu gehen.
Was ihm an diesem Tag besonders gefällt, sind allerdings die Menschen. Als ich Hartmann nach seinem Highlight frage, muss er nicht lange überlegen: der lange «Tatzelwurm» und die ganze Region, die für die Wandernden auf den Beinen ist. «Es ist ein schönes Fest und es verbindet.»
Nicht nur zu Fuss unterwegs
Unsere rund dreistündige Tour von Gstaad über Schönried und zurück ist nur eine Möglichkeit, das Saanenland an diesem Tag zu entdecken. Wer es gemütlicher angehen möchte, kann mit Saxofonist Pepe Lienhard durch die Chalet- und Berglandschaft und entlang der Saane schlendern. SRF-Moderatorin Mira Weingart führt eine weitere Gruppe ins Turbachtal. Wer lieber auf zwei Rädern unterwegs ist, kann sich den Skistars Joana Hählen und Mike von Grünigen auf einer E-Bike-Tour anschliessen.
Während die verschiedenen Gruppen draussen unterwegs sind, verändert sich auch das Bild beim Eisbahnareal. Als wir uns Gstaad wieder nähern, ist dort längst nicht mehr nur Ausgangspunkt der Wanderungen: Das Areal ist zum Treffpunkt für Gäste und Einheimische geworden. Lokale Gewerbetreibende präsentieren sich an Ständen, im Festzelt und auf dem Platz läuft das Rahmenprogramm mit Livemusik, Gesprächen mit den prominenten Gästen und Aktivitäten für Gross und Klein.
Eine andere Seite von Gstaad
Die Idee, den Nationalen Wandertag nach Gstaad zu holen, entstand rund zwei Jahre zuvor im Austausch mit der «Schweizer Familie». Gut ein Jahr lang wurde der Anlass vorbereitet. Auch bei der Wahl der Routen musste berücksichtigt werden, was ich auf unserer Tour selbst beobachten konnte: Bewegen sich mehrere Hundert Personen gemeinsam durch die Landschaft, braucht es entsprechend geeignete Wege. Im Vordergrund standen deshalb nicht möglichst anspruchsvolle Touren, sondern Strecken, die mit grossen Gruppen funktionieren.
Für Tourismusdirektor Flurin Riedi bietet der Wandertag die Gelegenheit, Gästen eine Seite der Destination zu zeigen, die möglicherweise nicht ihrem ersten Bild von Gstaad entspricht. Viele würden den Ort in erster Linie mit «Schickimicki» verbinden. «Wenn man dann plötzlich im Turbach landet, sieht man eine andere Seite», sagt er.
Am Nachmittag fällt das erste Fazit bei Gstaad Saanenland Tourismus (GST) positiv aus. «Die ganze Region hat mitgeholfen», sagt Katrin Haldi, Projektleiterin Events beim GST. Viele Partner hätten von A bis Z mitgezogen. Zahlreiche Besucher seien zudem nicht nur für einen Tagesausflug angereist, sondern bereits am Vortag gekommen und hätten in der Region übernachtet.
Auf dem Eisbahnareal treffen die zurückkehrenden Wandergruppen wieder auf die Einheimischen. Nach gut drei Stunden im «Tatzelwurm» bin auch ich wieder dort, wo der Tag begonnen hat – diesmal ohne Anweisung zum Lachen.







