«Die Schweiz macht viel für den Frieden in der Welt»
13.07.2023 GesellschaftDer Grundstein der schweizerischen militärischen Friedensförderung wurde 1953 gelegt, als erstmals rund 150 zum Selbstschutz bewaffnete Schweizer Armeeangehörige nach Korea geschickt wurden. 1988 weitete der Bundesrat die Schweizer Beteiligung an friedenserhaltenden ...
Der Grundstein der schweizerischen militärischen Friedensförderung wurde 1953 gelegt, als erstmals rund 150 zum Selbstschutz bewaffnete Schweizer Armeeangehörige nach Korea geschickt wurden. 1988 weitete der Bundesrat die Schweizer Beteiligung an friedenserhaltenden Missionen aus und entsandte ein Jahr später ein erstes Kontingent an einen UNO-Einsatz. Seit 1999 beteiligt sich die Schweizer Armee mit der Swisscoy (Swiss Company) an der multinationalen friedensfördernden Mission Kosovo Force (KFOR) der NATO im Kosovo. Dieser Einsatz wurde immer wieder verlängert – zur Zeit bis 2026 – und bildet das bislang grösste Engagement der Schweizer Armee im Rahmen der Friedensförderung. Bislang beteiligten sich über 13’500 Angehörige der Schweizer Armee an friedensfördernden Einsätzen im Ausland. Laut Angaben des Bundes leisten täglich rund 280 Frauen und Männer im Rang vom Soldaten bis zum Divisionär in 19 Ländern einen Beitrag zum Frieden. Einer von ihnen war Giovanni Ciarulli, Major im Generalstab. Der in Saanen aufgewachsene Berufsoffizier war von Ende September 2022 bis Mitte April 2023 in der KFOR-Truppe im Kosovo im Einsatz.
KEREM S. MAURER
Giovanni Ciarulli, als Berufsmilitär sind Sie ein ausgebildeter Krieger. Warum arbeiten Sie bei der Schweizer Armee?
Ich wurde nicht als Krieger ausgebildet. Als Berufsoffizier bin ich ein Sicherheitsexperte und Ausbilder der Miliz. Wir sollten alle grundsätzlich pazifistisch eingestellt sein, das Militär ist die letzte strategische Reserve des Bundes – natürlich hoffen wir, dass wir nie im Kriegsfall eingesetzt werden. Aber auch zu Friedenszeiten gibt es Dinge und Errungenschaften, die es wert sind, dass man um sie kämpft. Und dazu will ich meinen Beitrag leisten.
Dinge und Errungenschaften...?
Genau. Ich habe meine Kindheit in Italien verbracht, bin im Ausland gereist und habe somit einiges gesehen und erlebt. Was wir in der Schweiz haben, ist nicht Usus. Der Staat funktioniert, die Bürokratie ist – vergleichsweise – schlank. Das ist Luxus. Ich finde, dass wir unsere Werte erhalten und schützen müssen. Deswegen bin ich bei der Armee.
Das könnte man auch als Milizler machen. Was war Ihre Motivation, nach der Rekrutenschule militärisch weiterzumachen?
Ich habe während meiner militärischen Ausbildung sehr viel erlebt und einen enormen Rucksack an positiven Erfahrungen für mich persönlich erwerben dürfen. Meine Motivation war es, gewisse Herangehensweisen zu verbessern. Ich war überzeugt, dass man eine militärische Ausbildung auch menschlicher gestalten kann und dennoch dieselben Ziele erreicht.
Ist Ihnen das gelungen?
(Lacht) Ich hoffe es!
Warum haben Sie sich für einen Swisscoy Einsatz in der KFOR entschieden?
In der Schweizerischen Bundesverfassung sind drei Hauptaufgaben der Schweizer Armee verankert: Verteidigung, Unterstützung der zivilen Behörden und die Friedensförderung. Als Berufsoffizier will ich auch den Auslandbereich aus eigener, praktischer Erfahrung kennen. In der Theorie habe ich an der ETH die gesetzlichen Grundlagen studiert, ebenso Recht und Konfliktforschung.
Wie lange hat ihr Einsatz gedauert?
Sechs Monate im Kosovo plus drei Monate einsatzbezogene Ausbildung in Stans-Oberdorf. Da beginnt man ganz von vorne in der Geschichte des Balkans und erfährt, warum es überhaupt zum Konflikt im Kosovo gekommen ist.
Wenn ich mich recht erinnere, war dies ein Angriff der NATO ohne UN-Mandat. Heute würde man von einem illegalen Angriffskrieg sprechen...
Friedensfördernde Einsätze der Armee basieren auf politischen Entscheidungen. Es ist die Politik, die festlegt, wo und wann Armeeangehörige im Ausland eingesetzt werden. Armeeangehörige können sich dazu nicht äussern.
Einige behaupten, die Amerikaner hätten damals Jugoslawien angegriffen, um im Kosovo ihren Stützpunkt Bondsteel zu errichten – mit Blick auf die russische Schwarzmeerflotte auf der Krim...
Das sind Mutmassungen. Dazu kann ich mich nicht äussern.
Sie waren selbst in Bondsteel stationiert?
Das ist korrekt.
Worin bestand Ihre Aufgabe in der KFOR?
Ich arbeitete dort als Chief TEC, also im Tactical Effects Center des Regional Command East, abgekürzt RC-E. Als Unterstabschef auf Brigadestufe rapportierte ich an den Kommandanten des RC-E. Meine Funktion war eine Mischung zwischen einem Unterstabschef Nachrichtendienst und einem Unterstabschef Operationen.
Was muss man sich darunter vorstellen?
Ich hatte alle nicht-kinetischen Aufgaben und Einsätze zu verantworten. Beispielsweise die Führung der Liaison and Monitoring Teams, kurz: LMT, durch das kinetische Bataillon, die Koordination und die Umsetzung zivilmilitärischer Projekte. Auch Gespräche und Absprachen mit verschiedenen Interessensgruppen wie Politik, Polizei oder auch NGOs, sprich Nichtregierungsorganisationen.
Was genau macht denn dieses Liaison and Monitoring Team?
Das sind die Augen und Ohren der KFOR. Sie bewegen sich in der Bevölkerung, sprechen mit dieser und fühlen den Puls. Sie sind quasi die Frühwarnsysteme. Durch sie erfährt die KFOR, ob gegebenenfalls sicherheitsrelevante Probleme auftauchen. Ich war der Fachvorgesetzte dieser Augen und Ohren. Aufgrund ihrer Berichte starteten wir unter anderem Projekte, um das Leben der Bevölkerung zu verbessern.
Was für Projekte waren das?
Die KFOR hat verschiedene Programme, um lokale Institutionen zu unterstützen. Wir haben uns beispielsweise auf Notfallorganisationen konzentriert und unterstützten die Feuerwehr, die Sanitätsdienste oder die Polizei auf lokaler Ebene. Oft handelte es sich um die Unterstützung mit praktischen Gütern, die den Alltag erleichtern, ohne langwierige Prozesse nach sich zu ziehen – Aggregate zum Beispiel, um Wasser abzupumpen.
Sie mussten als Schweizer Soldat Befehle eines Amerikaners empfangen und diese an verschiedene Nationalitäten weitergeben. Wie war das für Sie?
Ich habe das ja noch nie erlebt und es war somit neu für mich. Aber die Prozesse und Standarts sind ähnlich wie in der Schweizer Armee. Mein Chef war ein US-Brigade Kommandant, der mit seinem Stab und seinen Verbänden im Osten des Kosovo seinen KFOR-Auftrag umsetzte. Man spricht und schreibt allgemein englisch. Ich war der einzige im RC-E, der einen multinationalen Unterstab hatte. Die anderen Unterstäbe waren alle amerikanisch. Aber die Truppe war gemischt. Es hatte Slowenen, Polen, Italiener, Deutsche, Griechen und viele andere aus diversen NATO-Staaten. Wenn es um die LMT ging, habe ich meine Aufträge direkt vom Kommandanten des Regional Commands – eben vom zuvor erwähnten US-Brigadier – bekommen. Wenn es um nationale Aufträge ging, kamen die Weisungen aus Pristina vom nationalen Kontingentskommandanten.
Im Moment ist es im Kosovo wieder ziemlich unruhig. Haben Sie auch brenzlige Situationen erlebt?
Als ich im Kosovo angekommen war, war die Lage ruhig, aber fragil. Doch schon kurze Zeit später begann es zu brodeln. Es war die Phase des Autonummernstreits. Pristina wollte, dass die im Norden des Kosovo lebenden – mehrheitlich – Kosovo-Serben die Nummernschilder an ihren Fahrzeugen änderten, weil diese immer noch die Schilder von vor 1999 nutzten. Sie setzten eine Deadline, doch diese wurde nicht eingehalten. Vorerst passierte nichts, dann sprach Pristina dafür plötzlich Bussen aus. Als dann auch noch eine wichtige kosovo-serbische Person verhaftet wurde, kam es zu Roadblocks, also Strassensperren mit Lastwagen, Steinen und improvisierten Sprengvorrichtungen. Ausserdem wurden in der Nähe Schützengräben ausgehoben.
Wer hat denn diese Roadblocks installiert?
Das ist nicht genau bekannt, aber wohl eine Interessensgruppe, die mit der Politik in Pristina nicht einverstanden war.
Gibt es denn im Kosovo viele verschiedene Interessensgruppen oder Organisationen?
Ja. Rund 5000 verschiedene Organisationen verfolgen ihre eigenen Ziele. Und viele der NGOs können aus verschiedenen Gründen nicht mit der KFOR zusammenarbeiten.
Das klingt nach kritischen Situationen...
Ja, das war eine herausfordernde Phase um diese Nummernschilder, welche nach wie vor nicht abschliessend gelöst ist. Dann haben die Kosovo-Albaner einen einflussreichen Kosovo-Serben verhaftet, worauf sich alle Bürgermeister und viele staatliche Mitarbeiter im Norden aus Protest zurückgezogen haben. In der Folge wurden Kosovo-Albaner zu Bürgermeistern gewählt, die jetzt von den Kosovo-Serben nicht akzeptiert werden. Davon liest und sieht man derzeit viel in den Medien.
Sie sind zum Selbstschutz bewaffnet. Mussten Sie Ihre Waffe schon einmal einsetzen und haben sie schon auf Menschen geschossen?
Alle, die im Kosovo stationiert sind, tragen eine Waffe zum Selbstschutz. Aber es hat noch nie einen Zwischenfall gegeben, bei dem ein Schweizer seine Waffe einsetzen musste. Die Schweizer werden im Gegensatz zu anderen KFOR-Nationen von der Bevölkerung differenzierter betrachtet und sind grundsätzlich willkommen. Falls sich die Lage im Einsatzraum verschärfen sollte, gibt es innerhalb der KFOR Elemente anderer Nationen, welche für den Schutz der KFOR-Truppen zuständig sind.
Wie werden die KFOR-Soldaten im Kosovo wahrgenommen und wie reagiert die einheimische Bevölkerung auf Schweizer Soldaten?
Grundsätzlich geniesst die KFOR im ganzen Land eine hohe Akzeptanz, auch wenn die Kosovo-Serben dieser Mission eher kritisch gegenüberstehen. Dennoch wissen Sie, dass die Mission der Sicherheit aller Personen vor Ort dient. Unser Vorteil ist die bekannte Neutralität der Schweiz. Natürlich trage ich den KFOR-Badge auf der Schulter, aber auch das Schweizer Kreuz. Und Letzteres ist oft ein Türöffner. Wir geniessen im Kosovo ein hohes Ansehen. Nicht zuletzt deshalb, weil wir bei uns einen sehr hohen Anteil an Menschen mit Wurzeln im Balkan haben und die somit die Schweiz und ihre Traditionen kennen. Ich konnte oft Deutsch oder sogar Dialekt sprechen mit den Einheimischen. Schweizer sind im Kosovo sehr willkommen.
Seit fast 25 Jahren dauert der KFOR-Einsatz nun an und die Lage scheint so zerrüttet wie selten zuvor. Hat der NATO-Einsatz in der Region überhaupt etwas gebracht?
Die Beantwortung dieser Frage liegt nicht in meiner Kompetenz. Zu Beginn der Mission betrug die Truppenstärke der KFOR über 50’000 Soldaten. Mittlerweile konnte die Mission ihre Grösse auf rund 3800 Armeeangehörige reduzieren, ohne dass es zu einem grösseren Aufflammen des Konflikts über das ganze Land kam. Dies zeigt, dass die KFOR und damit auch die SWISS-COY ihre Aufgaben erfüllt und ihre Aufträge zur Stabilität der Region wahrnimmt. Auch dank dieser Mission kann in den meisten Teilen des Landes die Lage mittlerweile als ruhig und stabil betrachtet werden – auch wenn die Lage situativ angespannt ist, wie gerade in der aktuellen Zeit.
Waren letztlich ihre Erwartungen, die Sie an den Einsatz hatten und die Erfahrungen, die Sie gemacht haben, deckungsgleich?
Oh ja, ich habe einen grossen Rucksack an Erfahrungen aus dem Kosovo mitgebracht. Dieser Einsatz hat meinen Horizont definitiv erweitert. Und er hat mir auch aufgezeigt, dass die Schweizer sehr gut auf solche Einsätze vorbereitet werden.
Macht die Schweiz genug für den Frieden in der Welt? Gerade hinsichtlich des Ukrainekonflikts fragen sich viele, ob die Schweiz nicht mehr machen müsste.
Zum Ukrainekrieg kann ich nichts sagen. Ja, die Schweiz macht viel für den Frieden. Wenn man bedenkt, wie gross die internationale Entwicklungshilfe ist. Mit rund vier Milliarden Franken jährlich liegt die Schweiz auf Platz zehn oder elf im internationalen Ranking. In Sachen militärischer Friedensförderung machen wir, was wir können und wofür wir von anderen Staaten angefragt werden. Ich finde es ansehnlich, was die Schweiz leistet.
Auslandeinsätze sind freiwillig und dürfen wiederholt werden. Wollen Sie noch einmal ins Ausland und wo würden Sie gerne einmal Dienst leisten?
Aus familiären Gründen mit meiner Frau Salome und meinen beiden Töchtern möchte ich keinen Auslandeinsatz mehr machen. Meine Frau hat, als ich neun Monate weg war, zu Hause einen sehr guten und wichtigen Job gemacht. Aber ich möchte sie nicht mehr so lange allein lassen. Auch will ich meine Töchter aufwachsen sehen.
Wäre ich nicht verheiratet und hätte ich keine Kinder, könnte ich mir schon vorstellen, noch einmal einen friedensfördernden Einsatz zu leisten. Vielleicht als Militärbeobachter im Libanon oder in der Kaschmirregion.
ZUR PERSON
Giovanni Ciarulli wurde 1985 in Atessa (Italien) geboren. 1996 kam er im Alter von elf Jahren mit seiner Familie ins Saanenland. Nach der Realschule liess er sich zum Koch ausbilden, wie zuvor schon sein Vater und sein Grossvater. Nach dem Lehrabschluss absolvierte Giovanni Ciarulli die Rekrutenschule, machte weiter, wurde Unteroffizier, machte den Küchenchef-Lehrgang und später – nach einigen WKs – die Offiziersschule. Und um an der Militärakademie aufgenommen zu werden, holte er auf dem Erwachsenenbildungsweg die eidgenössische Matura nach. Später studierte er an der ETH Zürich Staatswissenschaften. Nach Abschluss der Militärakademie im Jahr 2015 hatte er den Rang eines Hauptmanns und wurde Berufsmilitär. Heute ist er Major im Generalstab. Zusammen mit seiner Gstaader Ehefrau und seinen beiden Töchtern im Vorschulalter wohnt er in Murten.
KEREM MAURER
ERNEUTE VERLÄNGERUNG DES SWISSCOY-EINSATZES IN DER KFOR BIS 2026
Am 23. November 2022 hat der Bundesrat die Botschaft zur Verlängerung des Swisscoy-Kosovoeinsatzes um weitere drei Jahre verabschiedet. «Der Bundesrat möchte zudem die Möglichkeit haben, den Kontingentbestand während der Laufzeit des Mandats um maximal 30 Armeeangehörige zu erhöhen, damit die Armee in der Lage ist, auf allfällige zusätzliche Bedürfnisse der KFOR eingehen zu können», schreibt das eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerung und Sport (VBS) in einer Mitteilung. Damit soll das KFOR-Kontingent neu 225 Armeeangehörige zählen. Die Kosten dafür erhöhen sich von bislang rund 45 Millionen auf 51,2 Millionen Franken und werden durch das VBS-Budget gedeckt. Der Ständerat hat dem Vorschlag am 1. März zugestimmt und auch der Nationalrat hat am 15. Juni 2023 die Verlängerung der Schweizer Beteiligung an der KFOR bis 2026 gutgeheissen.
ZUSAMMENGESTELLT VON KEREM MAURER