Ein Start mit viel Licht und starken Energien im Kirchenrau
21.07.2026 KulturDaniel Hope will mit dem Menuhin Festival Gstaad zurück zu den Wurzeln – und die Familie hochhalten. Der neue Intendant lädt am Eröffnungskonzert mit seinem Freund Pinchas Zukerman zum Violinenfest. Grossartig ist das. Auch was das Zürcher Kammerorchester abliefert.
...Daniel Hope will mit dem Menuhin Festival Gstaad zurück zu den Wurzeln – und die Familie hochhalten. Der neue Intendant lädt am Eröffnungskonzert mit seinem Freund Pinchas Zukerman zum Violinenfest. Grossartig ist das. Auch was das Zürcher Kammerorchester abliefert.
SVEND PETERNELL
Es ist das Bild des Abends. Daniel Hope und Pinchas Zukerman stecken die Köpfe in der Kirche Saanen zusammen, im engen Dialog miteinander versunken. Der Jüngere (52) wirkt höchst beglückt und tiefentspannt, fiedelt sich die Zuversicht buchstäblich von der Seele, bezaubert mit Agilität, Leichtigkeit, Improvisationsfreude und Transparenz im Ton. Der neue Intendant steht für einen edlen Klang. Und benutzt digital-affin das iPad.
Der 26 Jahre Ältere mit der Bratsche ist mehr in sich gekehrt, vertiefter, kerniger, dunkler, vibratoreicher im Ton. Ergrautes Haupt. Eher eine ernste Persönlichkeit. Den Blick meist auf sein Instrument gerichtet, leicht gesenkt, nicht unbedingt direkt seinem Gegenüber zugewandt. Ein verschmitztes Lächeln hie und da, warum nicht. Sonst aber auf Zug bedacht, das Orchester zwischenhinein mit einer ruckartig anmutenden Geste zu aufmerksamem Agieren einladend. Die Energie hochhalten. Und er ist traditionell mit dem klassischen Notenständer unterwegs.
Die beiden spielen Mozarts «Sinfonia concertante» für Violine und Viola Es-Dur KV 364. Ein Werk des 23-jährigen Komponisten, das in seiner Energetik zwischen zarter Hochstimmung und schwebender Traurigkeit pendelt. Daniel Hope und Pinchas Zukerman pflegen diese innere Zwiesprache mit einer Lebendigkeit und Bewegtheit, die etwas Träumerisches hat, mitreisst und anrührt. Die letzten Blitzaufhellungen eines mit Donnergrollen aufgeladenen Gewitters passen zu den Energiefaktoren dieses Stücks genauso wie zu jenen dieses Abends. Der Kirchenraum wird immer wieder neu erhellt.
Zurück zur Familie
Es ist nichts weniger als das Eröffnungskonzert des 70. Menuhin Festivals Gstaad, das nun neu von Daniel Hope als künstlerischem Leiter verantwortet wird. Und dass er mit seinem Freund Pinchas Zukerman (der just am Konzerttag 78 geworden ist) startet, ist kein Zufall. Zukerman gehört zu jenen lebenden Legenden («Living Legends»), von denen einige am Festival auftreten werden. Die erste Begegnung mit dem israelischen Geiger am 17. August 1983 beim Mittagessen im Hotel Olden ist Hope als damals zartem Knirps von zehn Jahren regelrecht eingefahren. So werden die 70 Jahre Festival auch zum Zeichen des Wiedersehens – und zu einer Familienangelegenheit. Bei Daniel Hope reichen die Verbindungen weit zurück zu Festivalgründer Yehudi Menuhin. Seine Mutter Eleanor ist als einstige langjährige Sekretärin und rechte Hand von Menuhin ebenso an der Eröffnung dabei wie fast sämtliche Familienmitglieder – notabene auch Daniel Hopes Ehefrau mit den beiden Söhnen und der erst zwei Monate alten Tochter.
«Family Matters» heisst für Daniel Hope aber auch die Rückkehr zu den Wurzeln – wie zum Beispiel die Rückkehr des Zürcher Kammerorchesters (ZKO) ans Festival zeigt. Das ZKO gastierte zwar schon einmal vor zwei Jahren in Saanen, ist in der Ära unter Intendant Christoph Müller vom Basler Kammerorchester (dem Müller nahe stand) während der letzten gut zwei Jahrzehnte aber zurückgebunden worden. Mit dem ZKO verbindet Daniel Hope die ersten musikalischen Eindrücke in der Kirche Saanen, als er mit drei Jahren die Proben unter der Leitung des Orchestergründers Edmond de Stoutz besuchte – und aus dem Staunen nicht herauskam. Dieses «Erweckungserlebnis» ist nicht ohne Folgen geblieben: Seit zehn Jahren steht Hope dem ZKO als Music Director vor. Seither verzichtet das Orchester überwiegend auf einen Dirigenten und folgt dem dynamischen Prinzip des «Play & Conduct», bei dem eine Solistin oder ein Solist den Klangkörper vom Instrument aus leitet. Was hätte es auch den israelischen Dirigenten Zubin Mehta (90) gebraucht? Er war als weitere «Living Legend» vorgesehen, musste sich aber aus gesundheitlichen Gründen schon vorzeitig zurücknehmen.
Sensibilität und Spiellust
Am Donnerstagabend ist es Pinchas Zukerman, der die Dirigierrolle als Solist des dritten Violinkonzerts von Mozart KV 216 erledigt. Obwohl auch das nicht nötig ist. Das ZKO ist ein aktiv mitdenkender und dynamischer Klangkörper, der mit Sensibilität und grosser Spiellust überzeugt. Dazu trumpft er in allen Registern mit Präsenz und der nötigen Intensität auf und lässt auch die einzelnen Instrumentalistinnen und Instrumentalisten ihre Farbtupfer setzen.
Dass das bei Haydn mit Pauken und Blechbläsern aufgestockte ZKO auch mächtig Gas geben kann, offenbart sich bei der 104. Sinfonie («Salomon»): Es spielt mit Wucht und Klarheit, ohne an Geschmeidigkeit, Genauigkeit und Subtilität einzubüssen. Das ZKO scheut sich nicht vor Kanten und (so auch vorgesehenen) Abbrüchen und lässt die Komposition sehr modern wirken. Das Orchester weist mit seinen Qualitäten darauf hin, wie sehr Haydn – damals 63 – mit dieser seiner letzten Sinfonie überhaupt von den Jahren in London (1794 bis 1795) euphorisiert war. Diese Euphorie ist auch am Eröffnungsabend in der nahezu ausverkauften Kirche zu spüren. Das ZKO hängt noch Mozarts vierten Satz seiner letzten Sinfonie («Jupiter») als Zugabe an. Das Publikum – es steht vor Begeisterung.
Melancholischer Goût
Und Pinchas Zukerman als Solist im Strassburger Violinkonzert Nr. 1 (KV 216), das Mozart 1779 mit 19 Jahren schrieb? Er setzt die Jugendlichkeit auf seine Weise um. Von innen leuchtet sie wie eine Vision heraus. Instrumental brillant. Das Leichte, der Schmelz und der Schmerz klangschön herausgearbeitet. Der melancholische Goût bleibt hängen. Dazu höchst sympathisch: Daniel Hope stellt sich als erster Orchestergeiger ins Ensemble, bringt seine Verve ins Spiel – als Animator, ohne auf sich selbst zu lenken.
Als gewiefter Conférencier findet er ausserdem immer wieder die passenden Momente, um Episoden zu Mozart, Haydn und Beethoven einzustreuen oder auf einen kroatischen Volkstanz im vierten Satz von Haydn hinzuweisen: Das ist Bildung und Neugierde wecken im besten Sinne. Für ein Festival, das seine Tradition ernst nimmt, sich aber auch weiterentwickeln will, ist der Weltbürger mit seiner Gewandtheit und Vielsprachigkeit genau die richtige Persönlichkeit. «Family Matters» für den inneren Zusammenhalt und die Verwurzelung im Saanenland, aber auch für Begegnungen zwischen den Generationen und den Aufbruch hin zu neuen Formen, damit die Musik auch über sich hinaus wirken kann. Genau so, wie es Mentor Menuhin vorlebte.
Dafür steht Daniel Hope ein. Und das Bild des Abends, in dem er und Pinchas Zukerman die Köpfe zusammenstecken, um Wunderschönes entstehen zu lassen: Es ploppt wieder auf.
Weitere Konzerte mit Pinchas Zukerman und Daniel Hope am 24. Juli (nur Zukerman) und 25. Juli in der Kirche Saanen, jeweils um 19.30 Uhr. Programm und Tickets: www.menuhin.ch




