GST inszeniert HV als Blick hinter die Kulissen
19.05.2026 LauenenDie Hauptversammlung von Gstaad Saanenland Tourismus (GST) in Lauenen war weit mehr als eine Abfolge von Abstimmungen und Zahlen. Statt langer Referate bot die Destinationsorganisation den rund 170 Anwesenden einen abwechslungsreichen Blick hinter die Kulissen ihrer täglichen Arbeit ...
Die Hauptversammlung von Gstaad Saanenland Tourismus (GST) in Lauenen war weit mehr als eine Abfolge von Abstimmungen und Zahlen. Statt langer Referate bot die Destinationsorganisation den rund 170 Anwesenden einen abwechslungsreichen Blick hinter die Kulissen ihrer täglichen Arbeit – von regionalen Produkten über neue Marketingideen bis hin zur Ausbildung der Lernenden.
SONJA WOLF
Wer an der 33. Hauptversammlung von Gstaad Saanenland Tourismus (GST) eine klassische Vereinsversammlung mit langen Zahlenkolonnen erwartete, wurde überrascht. Die Verantwortlichen setzten bewusst auf kurze Inputs, Bilder, Filme und konkrete Einblicke in den Arbeitsalltag der verschiedenen Teams. Mitarbeitende aus unterschiedlichsten Bereichen präsentierten ihre aktuellen Projekte gleich selber.
Präsident Oliver Waser brachte dabei auch den Rollenwandel des Tourismus auf den Punkt: «Wir sind heute nicht mehr nur Wachstumstreiber, sondern Vermittler zwischen Gästen, Einheimischen und der Wirtschaft.» Eine moderne Destinationsmanagementorganisation müsse sich ständig anpassen, agil bleiben und mit ihren Ressourcen gezielt umgehen.
Regionale Produkte sichtbarer machen
Einen Schwerpunkt setzte GST auf das Projekt «Regional ächt – vo hie», das seit rund einem Jahr läuft. Patrick Bauer, Leiter Destinationsentwicklung und Nachhaltigkeit, erklärte die Idee dahinter: Die Ferienregion Gstaad stehe für dieselben Werte wie viele Produzenten der Region – Qualität, Authentizität, Tradition und Nachhaltigkeit. Mit dem Herkunftslabel sollen regionale Produkte und Spezialitäten sichtbarer werden. «Mittlerweile haben wir 17 Produzenten, die hier mitmachen. Und insgesamt 57 Produkte in diesem Portfolio», sagte Bauer.
Dazu gehören längst nicht nur Käse oder Fleischprodukte. Auch handwerkliche Erzeugnisse und weitere regionale Spezialitäten werden inzwischen unter dem Label präsentiert. Gleichzeitig soll das Projekt Produzenten, Gastronomie, Hotellerie und Tourismus stärker miteinander vernetzen.
Passend dazu präsentierte Ariane Ludwig, Leiterin Marketing, Kommunikation und Verkauf, gleich eine neue Kampagne. Künftig sollen in Werbebotschaften einzelne Buchstaben durch regionale Produkte ersetzt werden. Die Kampagne wird über Social Media, Marktstände, Broschüren und die Website ausgespielt. «Für 2026 haben wir uns auf die Fahne geschrieben, die Sichtbarkeit weiter zu erhöhen», sagte Ludwig.
Lernende präsentieren ihren Alltag selbst
Besonders viel Aufmerksamkeit erhielten die Lernenden von GST. Aktuell absolvieren sechs junge Frauen ihre Ausbildung bei der Tourismusorganisation, verteilt auf Frontoffice, Backoffice, Marketing, Buchhaltung und Digitalisierung.
Mit viel Selbstständigkeit und Charme gestalteten die Lernenden ihren Teil der Präsentation gleich selbst – inklusive eines ausführlichen Films, der ihren Arbeitsalltag zeigte. Darin erklärten sie unter anderem, wie Veranstaltungen erfasst werden, Gäste betreut werden oder welche Aufgaben hinter den Kulissen anfallen.
Ebenfalls vorgestellt wurde das Angebot «Lehre+». Dabei können Lernende nach zwei Ausbildungsjahren ein Jahr im Ausland verbringen. So absolviert Lea Berchten derzeit je ein halbes Jahr in Irland und Frankreich, um ihre Sprachkenntnisse zu vertiefen.
Kostenloses Weiterbildungsangebot
Andrea Rufener stellte die Tourismus Akademie Gstaad vor, die bei den Anwesenden im Saal auf Nachfrage noch nicht allzu bekannt zu sein scheint. Das kostenlose Weiterbildungsangebot richtet sich an Leistungspartner der Region – auch ausserhalb des Tourismus.
Zur Erklärung zog Rufener, die bei GST unter anderem für die Unternehmensentwicklung zuständig ist, das Bild eines Handwerkers heran, der mit leerem Werkzeugkasten auf einer Baustelle erscheint. «Erst mit den richtigen Werkzeugen kann er gute Arbeit leisten», sagte sie. Ähnlich wolle die Tourismus Akademie Wissen und Kompetenzen vermitteln. Angeboten werden etwa KI-Workshops, Schulungen zur digitalen Präsenz oder Weiterbildungen rund um Gastfreundschaft und Wein.
Weitere kurze Einblicke gab es zudem in die Bike-Strategie rund um die Horneggli-Trails sowie in das Familienprogramm «Saanis Familienprogramm», das 2025 mit über 650 Teilnehmenden einen neuen Rekord verzeichnete.
Mehr Übernachtungen und über 83’000 Kundenkontakte
Der statutarische Teil fiel vergleichs- Flurin Riedi präsentierte einige ausgewählte Zahlen aus dem Jahresbericht 2025. Die Region verzeichnete insgesamt 1,3 Millionen Logiernächte. Das entspricht einem Plus von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr, die Hotellerie allein legte um 1,9 Prozent zu.
In den Tourismusbüros von Gstaad, Saanen und Schönried registrierte GST im vergangenen Jahr 83’612 Kundenkontakte – das sind durchschnittlich 246 pro Tag. «Wir hatten vor ein paar Jahren das Gefühl, die Tourismusbüros braucht es vielleicht einmal nicht mehr. Die Digitalisierung erledigt das alles. Aber die Zahlen zeigen: Die persönliche Dienstleistung bleibt wichtig und liegt uns auch sehr am Herzen», sagte Riedi.
Mehr als Zahlen
Die Jahresrechnung fiel positiv aus. GST schloss das Jahr 2025 mit einem Gewinn von 10’219 Franken ab.
Karin Aegerter, Leiterin Finanzen und HR, verzichtete ihrerseits auf endlose Ausführungen zu Tabellen. Stattdessen zeigte sie anhand verschiedener Beispiele, wie breit die Aufgaben von GST inzwischen geworden sind – von Infrastruktur über Events bis zu administrativen Dienstleistungen. Dabei griff sie auch eine oft gestellte Frage auf: «Wir werden immer gefragt: Wie viele arbeiten eigentlich beim GST?»
Die Antwort: GST zählte im vergangenen Jahr monatlich 54 Lohnabrechnungen. Viele Stellenprozente fallen unter anderem auf Infrastrukturen und Projekte und eben längst nicht alle auf Schalterdienste, wie vielleicht vermutet werde. «Letztendlich sind wir ein Dienstleistungsbetrieb und brauchen die Manpower», erklärte Aegerter.
Wechsel im Vorstand
Bei den Wahlen wurde Michael Teuscher aus Saanen neu in den Vorstand gewählt. Er ersetzt Matthias Matti, der nach seiner Wahl zum Regierungsstatthalter angekündigt hatte, seine öffentlichen Mandate abzugeben. Matti war als Delegierter des Verwaltungsrats der Bergbahnen Destination Gstaad (BDG) im Vorstand vertreten gewesen.
Einstimmig bestätigt wurden zudem Präsident Oliver Waser sowie die bisherigen Vorstandsmitglieder Konstanze Huber und Jürg Stettler. Auch die Mitglieder der Geschäftsprüfungskommission wurden wiedergewählt.
Sämtliche Geschäfte im statuarischen Teil der HV wurden einstimmig angenommen.
GASTREFERAT: WINTERTOURISMUS BRAUCHT STRATEGIE-MIX
Im Anschluss an die Hauptversammlung sprach Berno Stoffel, Direktor Seilbahnen Schweiz, über die Zukunft des Wintertourismus. Dabei griff er die Studie «Kompass Schnee» auf, über die der «Anzeiger von Saanen» schon einmal im Dezember 2025 sowie im April 2026 berichtet hatte und ordnete deren Erkenntnisse aus gesamtschweizerischer Sicht ein.
Die schweizweite Studie wurde gemeinsam von Seilbahnen Schweiz, Schweiz Tourismus und dem Verband Schweizer Tourismusmanager während zwei Jahren erarbeitet und kostete insgesamt 600’000 Franken. Wissenschaftliche Partner waren unter anderem die ETH Zürich, MeteoSchweiz und das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung. Ziel ist es, Tourismusdestinationen bis ins Jahr 2050 datenbasierte Entscheidungsgrundlagen für Investitionen zu liefern.
Stoffel erklärte, dass die Schneesportgrenze bis 2050 voraussichtlich nochmals um rund 200 Höhenmeter ansteigen werde. Gleichzeitig bleibe technische Beschneiung insbesondere oberhalb von 1600 Metern weiterhin möglich und zentral. Matchentscheidend seien dabei Wasserverfügbarkeit und Speicherinfrastruktur. «70 Stunden gilt als der neue Standard der Einschneizeit unter 1600 Metern», erklärte Stoffel.
Für das westliche Berner Oberland bestätige die Studie laut Stoffel grundsätzlich den bereits eingeschlagenen Weg: Investitionen in Beschneiung, gleichzeitig aber auch der weitere Ausbau von Sommerangeboten, Events und alternativen Winteraktivitäten.
Sein Fazit fasste Stoffel in drei Worten zusammen: «Ganzheitlich, miteinander und subito.» Das bedeute, dass Tourismusregionen Winter- und Sommerangebote gemeinsam weiterdenken müssten, dass Bergbahnen, Gemeinden, Tourismusorganisationen und Hotellerie nur gemeinsam erfolgreich seien – und dass Anpassungen rasch angegangen werden müssten, da der Klimawandel vielerorts schneller voranschreite als politische und touristische Prozesse.
SWO



