Gute Agrarpolitik – gibt es das?
20.03.2026 LandwirtschaftLANDWIRTSSCHAFT Über 120 Besucherinnen und Besucher diskutierten am Dienstag im Landhaus Saanen über die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft. Vertreter aus Politik und Branche zeigten auf, wie stark Bauernfamilien zwischen Markt, Umweltauflagen und wirtschaftlichem Druck ...
LANDWIRTSSCHAFT Über 120 Besucherinnen und Besucher diskutierten am Dienstag im Landhaus Saanen über die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft. Vertreter aus Politik und Branche zeigten auf, wie stark Bauernfamilien zwischen Markt, Umweltauflagen und wirtschaftlichem Druck stehen. Klar wurde dabei: Die Agrarpolitik der kommenden Jahre wird entscheidend dafür sein, wie sich die Landwirtschaft in Berg- und Talregionen entwickelt.
Die Informationsveranstaltung mit Podiumsdiskussion zum Thema «Was ist gute Agrarpolitik?» wurde von der Landwirtschaft Saanenland organisiert. Als Hauptreferenten traten Ernst Wandfluh, Präsident des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbandes (SAV), sowie Markus Ritter, Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes (SBV), auf. Auf dem Podium diskutierten Dora Fuhrer (Bio Suisse und Bio Bern), David Perreten, Präsident der Landwirtschaftlichen Vereinigung Saanenland (LVS), und Leana Waber (BEBV und JULA). Die Moderation übernahm Simon Bach.
Der Druck auf die Landwirtschaft
Dass die Schweizer Landwirtschaft unter Druck ist, beschäftigt momentan viele Landwirte im Frutigland, im Simmental und in anderen Regionen. Nationalrat Markus Ritter, Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes, skizzierte in seinem Eingangsreferat die Grundpfeiler einer zukunftsfähigen Agrarpolitik.
Seit den 1990er-Jahren hat die Schweizer Landwirtschaft einen tiefgreifenden Wandel erlebt: weg von staatlich festgelegten Preisen und Mengen hin zu Direktzahlungen, Nachhaltigkeitszielen und Marktmechanismen. Heute bewirtschaften rund 47’000 Betriebe eine Million Hektaren Kulturland und erwirtschaften jährlich 15,3 Milliarden Franken Umsatz – weniger als 20 Prozent davon stammen aus Direktzahlungen.
Gleichzeitig steht die Branche unter Druck: Tiefe Einkommen, hohe Investitionskosten und grosse Unterschiede zwischen Tal- und Bergregionen prägen die Situation. Ritter betonte jedoch, dass die Landwirtschaft die ökologischen Vorgaben der letzten Jahrzehnte vielerorts übertroffen habe, etwa bei Biodiversitätsflächen, Vernetzung und Qualitätsstandards. Weitere ökologische Flächen lehnt er deshalb ab, da sie die Produktion schwächen würden. Der Selbstversorgungsgrad liege bereits unter 50 Prozent.
Klare Prioritäten für die Agrarpolitik 2030
Für die Agrarpolitik 2030 fordert Ritter eine stärkere Ausrichtung auf Produktion und Wertschöpfung, damit bäuerliche Familienbetriebe wirtschaftlich bestehen können. Dazu gehören ein robuster Grenzschutz, höhere Verkäsungszulagen, mehr Transparenz bei Vollkosten sowie stärkere Verhandlungspositionen gegenüber Handel und Verarbeitung.
Ziel sei es, den Marktumsatz der Landwirtschaft um zwei Milliarden Franken zu steigern. Gleichzeitig sollen die Direktzahlungen stabil bleiben und das Berggebiet gezielt gestärkt werden. Ritter forderte zudem eine Vereinfachung des Systems, da viele Betriebe unter der administrativen Belastung leiden.
Angesichts hoher Baukosten und strenger Auflagen brauche es mehr Mittel für Strukturverbesserungen, Investitionskredite und Gebäudesanierungen. Kritisch äusserte sich Ritter auch zum geplanten Mercosur-Abkommen, das ohne Begleitmassnahmen zu Marktverzerrungen führen könne. Um die Investitionsfähigkeit der Betriebe zu sichern, fordert er jährlich 100 Millionen Franken über acht Jahre.
Ebenso sprach er sich klar gegen die «vegane Zwangsinitiative» aus. Abschliessend betonte Ritter die politische Bedeutung der kommenden Jahre: Das neu gewählte Parlament 2027 werde die Weichen für die Agrarpolitik der nächsten 20 Jahre stellen.
Bedeutung der Berglandwirtschaft
Nationalrat Ernst Wandfluh, Präsident des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbandes, hob die Rolle seines Verbandes als Stimme der Berglandwirtschaft hervor. Innerhalb der breiten Interessenvertretung des Bauernverbands brauche es eine starke Organisation für die spezifischen Anliegen des Berggebiets.
Der Verband bündelt Themen wie Offenhaltung der Kulturlandschaft, tiergebundene Produktion, Strukturverbesserungen oder den Umgang mit Grossraubtieren und bringt sie in die politischen Prozesse ein. Besonders wichtig seien dabei die Direktzahlungen, die im Berggebiet einen deutlich höheren Anteil am Einkommen ausmachen als im Tal.
Ein Schwerpunkt seiner Ausführungen war die Forderung nach höheren Beiträgen für die Sömmerung, etwa eine Erhöhung der Melkkuhbeiträge von 40 auf 200 Franken. Trotz Spardruck beim Bund hält Wandfluh diese Forderung für gerechtfertigt. Die Mehrkosten von rund 23 Millionen Franken seien im Verhältnis gering, während Studien zeigen, dass viele Bergbetriebe wirtschaftlich unter Druck stehen.
Debatten um Inlandleistung
Wandfluh ging auch auf die jüngsten parlamentarischen Debatten zur Inlandleistung ein. Diese verpflichtet Importeure, in der Schweiz aktiv zu sein, um Zollkontingente zu erhalten. Im Parlament stand die Regelung mehrfach knapp zur Diskussion. Nationalratspräsident Pierre-André Page musste zweimal mit Stichentscheid eingreifen.
Dank guter Vorbereitung und breiter Unterstützung gelang es, die Inlandleistung zu sichern. Ihr Wegfall hätte erhebliche Folgen gehabt: Sie entspricht rund zwei Franken pro Kilo Schlachtgewicht und ist damit ein wichtiger Bestandteil der Marktordnung. Auch die Entsorgungsgebühr für Schlachtabfälle konnte erhalten werden.
Insgesamt zog Ernst Wandfluh ein positives Fazit: Für die Landwirtschaft sei das Entlastungspaket überraschend gut ausgefallen – auch dank der geschlossenen Zusammenarbeit innerhalb der Branche.
Diskussion zur Zukunft der Berglandwirtschaft
Auf dem Podium diskutierten Vertreterinnen und Vertreter der Landwirtschaft über die Zukunft des Berggebiets in der Agrarpolitik. Einigkeit bestand darüber, dass die landwirtschaftliche Produktion weiterhin zentral bleibt. Besonders die Milchwirtschaft müsse gestärkt werden, betonte Leana Waber.
Auch Dora Fuhrer hob die Bedeutung der graslandbasierten Produktion hervor. Standortangepasste Tiere und eine effiziente Nutzung des Grünlands seien entscheidend für nachhaltige Wertschöpfung.
David Perreten betonte, dass ein Ausbau des Bio-Anteils nur sinnvoll sei, wenn der Markt die Produkte auch aufnehmen könne. Die Wertschöpfung müsse über Qualität, Geschichten und die Nähe zum Tourismus steigen – nicht über die Produktionsmenge.
Vereinfachung und Vertrauen gefordert
In der Diskussion über die Agrarpolitik 2030+ wurde vor allem die Komplexität des Systems kritisiert. Mehrere Teilnehmende forderten weniger Detailvorschriften und mehr Vertrauen in die Bauernfamilien. Die Vielzahl an Kontrollen und Auflagen führe zu unnötiger Bürokratie.
Auch die Anpassung an den Klimawandel wurde als zunehmend wichtig bezeichnet. Trockenheit, Wasserknappheit und veränderte Vegetationsbedingungen stellen besonders Bergbetriebe vor neue Herausforderungen.
Kontrovers diskutiert wurde die Frage nach der idealen Betriebsgrösse. Während Wandfluh auf die politische Sensibilität sehr grosser Betriebe hinwies, betonte Ritter, dass nicht die Fläche, sondern die Bewirtschaftungsqualität entscheidend sei. Kleinere Betriebe seien für Kulturlandschaft, Dorfleben und gesellschaftliche Verankerung der Landwirtschaft unverzichtbar. Um im Markt stärker aufzutreten, müssten sich kleinere Betriebe jedoch zusammenschliessen.
Generationenwechsel als Herausforderung
Ein weiteres Thema war der Generationenwechsel. Hohe Boden- und Gebäudewerte erschweren Hofübernahmen – sowohl innerhalb der Familie als auch für externe Nachfolger. Ohne staatliche Unterstützung und flexible rechtliche Rahmenbedingungen könnte die Nachfolgefrage zunehmend zu einem strukturellen Problem werden.
Zum Abschluss betonten die jüngeren Podiumsteilnehmenden, dass eine Vereinfachung der Agrarpolitik und eine Entlastung der Betriebe zentral sei. Gleichzeitig brauche es Lösungen ausserhalb der Agrarpolitik – etwa bei Finanzierung, Klimaanpassung und Marktstellung.
«FRUTIGLÄNDER»/MICHAEL SCHINNERLING


