«Gvatterchüeh», Laternen und eine eigene Wahrheit
04.08.2026 LauenenDer Nationalfeiertag holte viele Menschen nach Lauenen. Sowohl Gäste als auch Einheimische genossen einen Tag voll von Markttreiben, Köstlichkeiten, Musik und eine Wiese, auf der Holzkühe grasten. Das Feuer fehlte an der Lauener Bundesfeier, aber die Festrede von Beat ...
Der Nationalfeiertag holte viele Menschen nach Lauenen. Sowohl Gäste als auch Einheimische genossen einen Tag voll von Markttreiben, Köstlichkeiten, Musik und eine Wiese, auf der Holzkühe grasten. Das Feuer fehlte an der Lauener Bundesfeier, aber die Festrede von Beat Luginbühl, einem langjährigen Gast von Lauenen, entzündete doch eine lodernde Diskussion untern einigen Besuchenden.
JENNY STERCHI
Schon vor einigen Jahren durften die «Gvatterchüeh» – geschnitzte Holzkühe – auf Lauenens Wiesen weiden. Und in diesem Jahr waren die Menschen aufgerufen, ihre holzigen Spielzeugtiere zu bringen, um sie an der «Vehschau» am 1. August bestaunen zu lassen. Die «Gvatterchüeh» auf der Wiese waren Teil des 20-Jahr-Jubiläums des Vereins Kultur und Handwerk K.u.H. Lauenen.
Nach einem Tag, der sich für die vielen Besuchenden auf dem Dorfplatz mitten in Lauenen abspielte, zogen viele Interessierte hinauf zum Blatterli. Carola Watts, seit Januar Pfarrerin in Lauenen, eröffnete die Bundesfeier und lüftete sogleich ein Geheimnis. Es war ihre allererste Bundesfeier, an der sie überhaupt teilnahm.
Die eigene Wahrheit
Festredner Beat Luginbühl, der seit vielen Jahren seine Ferien in Lauenen verbringt, hatte seine Worte im Sinne der Wahrheit, genauer gesagt seiner Wahrheit gewählt. Die Gipfel, die Lauenen umgeben, die Gründung im Jahr 1803, die Existenz des Lauenensees, das lebendige Vereins- und Dorfleben der Gemeinde und die topografische Verortung sind Wahrheiten, die unumstösslich sind.
In seiner Wahrnehmung gehöre es auch zur Wahrheit, dass es der Schweiz sehr gut geht, mit funktionierendem Sozial-, Gesundheits- und Bildungssystem. Die Verschuldung sei noch nicht so hoch wie in den umliegenden Nationen. Schweizerinnen und Schweizer, denen es nicht so gut gehe, würden immer aufgefangen.
Doch zu seiner Wahrheit gehörten auch Herausforderungen und Entwicklungen im Land, die bei ihm Besorgnis erregen und in die falsche Richtung führten. Seiner Ansicht nach seien die Personalausgaben der Bundesverwaltung, die mangelnde Verteidigungsfähigkeiten in Kriegssituationen und die wachsende Bürokratie viel mehr Belastung für das Volk und die Unternehmen der Schweiz, als dass es ihnen dienen würde. Zunehmende Regulierungsdichte führe dazu, dass politische Vorstösse in ihrer Anzahl ausuferten und seien Zeichen für die sich entwickelnde Übergriffigkeit des Staates. Zahllose Anlaufstellen in der Stadt Bern, wie zum Beispiel für Mütter-und Väterberatung, für Regenbogenfamilien, für queere Menschen, für Opfer sexualisierter Gewalt, signalisierten seiner Ansicht nach die Entwicklung hin zum Nanny-Staat. Indem den Bürgerinnen und Bürgern auf diese Weise vermeintliche Lasten abgenommen würden, würde eine Anspruchshaltung gezüchtet.
Die Leistungsbereitschaft, die den meisten Menschen noch innewohne, würde zunehmend von einer Anspruchshaltung abgelöst. Während Ausländer manchmal voreilig, manchmal auch durchaus zu Recht, für zunehmende Probleme verantwortlich gemacht würden, seien sie diejenigen, die zum Beispiel in der Gastronomie mehr Einsatz zeigten als Schweizer Bürgerinnen und Bürger. In seiner Wahrnehmung würde den politischen Kräften, die nach totaler Selbstverwirklichung strebten, immer mehr Beachtung geschenkt. Seiner Meinung nach gelte jeder, der die von Krankenkassen gezahlte Geschlechtsumwandlung kritisiere, als «vorgestrig». Die Politik konzentriere sich darauf, die Rechte auch von kleinsten Gruppen auszuweiten. So würde der berechtigte Schutz von Minderheiten ins Gegenteil gekehrt. Sie würden zunehmend den Ton angeben. Seine Sorge, dass auf diese Weise «normale» Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden, nährten sich aus seiner Beobachtung, dass jene, die pünktlich ihre Steuern zahlten, einem Achtstundentag am Arbeitsplatz folgten und in stabilen Familien lebten, als suspekt gelten.
Doch für ihn sei all das in Lauenen zum Glück nicht Gegenstand der Gespräche, diese problematischen Entwicklungen seien auf städtisches Umfeld beschränkt.
«Nicht länger die Insel der Glückseligkeit»
«Die Schweiz ist nicht länger die Insel der Glückseligkeit», so Luginbühl am Ende seiner Rede. Man dürfe nicht länger so tun, als gäbe es diese Gefahren nicht. Die Schweiz müsse sich auf das besinnen, was sie stark gemacht hat, nämlich auf die Selbstverantwortung, Respekt vor der Leistung, Konzentration auf das Wesentliche und die Fähigkeit, zusammenzustehen, wenn es ernst wird. In seiner Wahrheit lebten genau das die Menschen in Lauenen. Das Land dürfe nicht den Bürokraten, Theoretikern und den Lautesten überlassen werden.
Kontroverse Diskussionen
Mit der Offenheit der Lauenerinnen und Lauener, für die Pfarrerin Watts eingangs dankte, wurde diese Rede und damit die Wahrheit des Beat Luginbühl aufgenommen, aber im Nachhinein sehr kontrovers diskutiert. Ganz selbstverantwortlich bezogen einige Bürgerinnen und Bürger Position im Gespräch, dass sich im Anschluss an die Feier entwickelte. Sie äusserten darin ihr Unverständnis, ihre andere Sichtweise auf die gesellschaftliche Entwicklung und auch ein wenig Empörung. Es wurde deutlich, dass Lauenens Bürgerinnen und Bürger durchaus mutig genug sind, den gesellschaftlichen Wandel wahrzunehmen und ihm zu begegnen und keineswegs den Status der «Hinterweltler» anzunehmen.
Und die Jungbürgerinnen und Jungbürger bestätigten dies mit ihren klaren Zukunftsplänen, in denen die verschiedensten Berufsausbildungen offenbar ebenso viel Bedeutung haben wie die Neugier auf das Leben.



