Heimatwerk Saanen trotzt wirtschaftlichem Gegenwind
25.03.2025 SaanenIm malerischen Glockenraum des Museums der Landschaft Saanen fand am vergangenen Mittwoch, 19. März die ordentliche Generalversammlung des traditionsreichen Heimatwerks Saanen statt. Trotz eines schwierigen Marktumfelds, sinkender Umsatzzahlen und wachsender Konkurrenz zeigte sich der Vorstand unter der Leitung von Präsidentin Sandra Matti entschlossen, das 96-jährige Erbe des Heimatwerks in die Zukunft zu führen.
CLAUDIA HEINE
Sandra Matti eröffnete die Versammlung mit herzlichen Worten des Dankes an die Belegschaft und den Vorstand. «Man könnte sich kein besseres vorstellen!», lobte sie das Engagement des Teams, das mit viel Herzblut und Einsatz für den Erhalt des Schweizer Kunsthandwerks kämpft. Eine personelle Veränderung steht im Sommer an: Patricia Walker wird die Geschäftsführung übernehmen, während Karola Plaul bereits seit dem Sommer 2024 das Team verstärkt.
Matti sprach offen über die Herausforderungen der vergangenen Jahre, insbesondere die Schwierigkeit, qualifizierte Mitarbeitende für den Verkauf zu finden. Das Verkaufsteam besteht derzeit aus Patricia Walker, Elisabeth Hauswirth und Karola Plaul, welche im Bedarfsfall bereit wären, ihr Pensum zu erhöhen. Zusätzlich unterstützt Brigitte Freidig noch bis Juni 2025 die Equipe.
Neue Wege zur Profilschärfung
Um das Profil des Heimatwerks zu schärfen und neue Kundengruppen zu erschliessen, beschritt das Unternehmen im Jahr 2024 neue Wege. Die Teilnahme an der Gstaader Messe diente dazu, die traditionsreiche Handwerkskunst einem breiteren Publikum zu präsentieren. Durch die Verteilung von Gutscheinen und die Durchführung eines Wettbewerbs konnte das Interesse an den Produkten des Heimatwerks geweckt werden.
Das Angebot im Wandel
Das Angebot des Heimatwerks umfasste bisher Schweizer Kunsthandwerk und Fairtrade-Produkte. Angesichts der veränderten Marktsituation plant das Unternehmen eine Neuausrichtung.
Zukünftig sollen vermehrt auch europäische Kunsthandwerksprodukte in das Sortiment aufgenommen werden, um den Kunden eine grössere Auswahl und attraktivere Preise bieten zu können.
Fokus auf neue Zielgruppen
Um auch jüngere Kundinnen und Kunden anzusprechen, setzt das Heimatwerk verstärkt auf Social Media. Auch das «Abholen» der heterogenen Bedürfnisse von einheimischen und touristischen Kunden (zum Beispiel Inder, Chaletgäste) wird immer wieder neu evaluiert.
Wirtschaftliche Herausforderungen und Sparmassnahmen
Trotz der Bemühungen um eine Neuausrichtung sieht sich das Heimatwerk mit erheblichen wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Sinkende Umsatzzahlen führten im vergangenen Jahr zu einem Verlust von 50’000 Franken, nachdem bereits im Vorjahr ein Minus von 12’000 Franken verzeichnet worden war. Gründe für diese Entwicklung sind der generell rückläufige Detailhandel, die Konkurrenz durch günstigere Produkte aus Europa und Asien sowie das veränderte Konsumverhalten der Kunden und Kundinnen.
Um diesen Schwierigkeiten zu begegnen, wurden interne Massnahmen ergriffen: Das Lager wurde auf ein Minimum reduziert, Einkäufe wurden auf das Nötigste beschränkt und das Personal wurde minimiert. Eine wichtige und grosszügige Überbrückungsmassnahme stellt die Vereinbarung mit der Stiftung Heimatwerk und Museum der Landschaft Saanen dar, die für das Jahr 2025 den Mietzins erlässt.
Blick in die Zukunft
Trotz der schwierigen Situation zeigte sich Präsidentin Sandra Matti vorsichtig optimistisch. Sie betonte, dass das Heimatwerk auch in Zukunft bestehen wird. Zu den geplanten Massnahmen gehören die Schärfung bzw. Erweiterung des Sortiments, eine stärkere Medienpräsenz und die Berücksichtigung der Bedürfnisse verschiedener Kundengruppen.
Jahresrechnung im Detail
Finanzchef Herbert Walker präsentierte die Jahresrechnung, die die wirtschaftliche Situation des Heimatwerks verdeutlicht. Die Bilanzsumme ist im Vergleich zum Vorjahr gesunken, was auf einen Verlust und eine Verringerung des Eigenkapitals zurückzuführen ist. Auch die flüssigen Mittel und das Warenlager wurden verkleinert.
Der Umsatz ist im Vergleich zum Vorjahr gesunken, insbesondere der Verkauf von Keramik. Der Jahresverlust ist deutlich höher als im Vorjahr (49’852 Franken gegenüber 11’850 Franken im Vorjahr). Walker betonte, dass es kaum noch Möglichkeiten zum Sparen gebe und dass allenfalls an der Marge etwas verändert werden könne.
Die Jahresrechnung wurde von den anwesenden Mitgliedern genehmigt und der Vorstand entlastet.
Wahlen und Ehrungen
Bei den Wahlen wurde Dana Berchten in ihrem Amt bestätigt. Anita Zmoos gehört bereits seit dem vergangenen Jahr dem Vorstand an. Das Heimatwerk bedankte sich herzlich beim Frauenverein Saanen für seine Unterstützung.
Apéro und Ausblick
Im Anschluss an die Generalversammlung lud das Heimatwerk zu einem Apéro ein. Trotz der Herausforderungen blickt das Team mit Zuversicht in die Zukunft und ist entschlossen, das Erbe des Schweizer Kunsthandwerks zu bewahren.
WEBEREI QUO VADIS? – BEDEUTUNG FÜR DAS HEIMATWERK SAANEN
Das Heimatwerk Saanen bietet weiterhin Trachtenstoffe an, hat jedoch die eigene Webproduktion eingestellt. Hintergrund dieser Entscheidung sind wirtschaftliche Herausforderungen, mit denen traditionelle Webereien heute konfrontiert sind.
Im Dezember 2022 kündigte die letzte Weberin des Heimatwerks. Es drängte sich die Frage auf: «Ist es finanziell möglich, die Weberei aufrechtzuerhalten?» Erfahrungen anderer Webereien, wie jene im Haslital und Val Müstair, zeigen, dass Webarbeiten heutzutage kaum noch wirtschaftlich sind. Bestehende Webereien sind oft auf Subventionen angewiesen, um überleben zu können.
Ein anschauliches Beispiel liefert das Heimatwerk Haslital: Trotz eines dreifachen Umsatzes durch das spezielle «Haslistern»-Muster, zehn Webstühlen und 18 Teilzeit-Weberinnen im Akkord, bleibt die Weberei unrentabel.
Mehrere Faktoren erschweren den Fortbestand traditioneller Webereien: Dies sind einmal veraltete Webstühle, mangelnde finanzielle Mittel und Schwierigkeiten, Weberinnen zu finden und zum anderen auch Probleme beim Absatz der Produkte, geringe Nachfrage und fehlende Rentabilität.
CLAUDIA HEINE

