Im Saanenland: Das Glas ist halb voll
01.09.2026 UmweltOb sich der trockene und heisse Sommer auf die Wasserreserven der Gemeinden im Saanenland ausgewirkt hat, fragten wir die zuständigen Stellen, unter anderem die Brunnenmeister der Region. Zudem erklärt Gletscherforscher Matthias Huss von der ETH Zürich, welche Folgen die ...
Ob sich der trockene und heisse Sommer auf die Wasserreserven der Gemeinden im Saanenland ausgewirkt hat, fragten wir die zuständigen Stellen, unter anderem die Brunnenmeister der Region. Zudem erklärt Gletscherforscher Matthias Huss von der ETH Zürich, welche Folgen die Gletscherschmelze für die Wasserversorgung haben könnte und ob Bergregionen mit ihren Quellen gegenüber dem Flachland im Vorteil sind. Laut Huss stellen sich mit dem Klimawandel Fragen, mit denen sich die Region frühzeitig befassen sollte.
Trotz Trockenheit: Das Wasser reicht im Saanenland
Auch nach dem regenarmen Sommer sind die Wasserreserven in Gsteig, Lauenen und Saanen ausreichend gefüllt. Die Gemeinden beobachten ihre Wasserquellen dennoch genau. Sollte sich die Lage verschärfen, greifen abgestufte Massnahmen bis hin zu Verboten.
JONATHAN SCHOPFER
«Von Knappheit kann man nicht reden», sagt Brunnenmeister Urs Kohli aus der Gemeinde Gsteig auf Anfrage dieser Zeitung. «In Feutersoey haben wir eine Schüttung von 180 Litern pro Minute und zusätzlich gibt es vier Quellen, an die Private angeschlossen sind.» Des Weiteren habe man in Gsteig bei der Quelle Burg 650 Liter pro Minute, was im gewöhnlichen Rahmen liege. «Das reicht für die Bevölkerung mehr als genug aus.»
Gleiches berichtet der Brunnenmeister der Gemeinde Lauenen, Walter Reichenbach-Würsten: «Die Quellenschüttung von normalerweise 380 Litern pro Minute ist seit Mai nur um zwei Liter pro Minute gesunken, fällt also kaum auf.»
Philipp Becker, Abteilungsleiter Infrastrukturen der Gemeinde Saanen, spricht von einer gesicherten Wasserversorgung in der Gemeinde Saanen. «Die Wasserversorgung ist mit der bestehenden Infrastruktur zur Gewinnung von Quell- und Grundwasser – 19 Quellen und drei Grundwasserpumpwerke – gut aufgestellt.» Auch aktuell gebe es keine Anzeichen für eine bevorstehende Wasserknappheit. «Die Reserven sind ausreichend. Die Pegel- und Fördermengen werden laufend überwacht und die Reservoire sind voll», sagt Becker. «Auch der Wasserverbrauch bewegt sich im üblichen Rahmen. Dennoch gilt es, mit der wertvollen Ressource Wasser sorgsam umzugehen.»
Wenn das Schwimmbecken leer bleibt
Der Juni und Juli brachten schweizweit wenig Niederschlag, schreibt MeteoSchweiz. So auch im Saanenland, das aber im Vergleich zu anderen Regionen wie Basel oder Freiburg noch glimpflich davonkam. In Gsteig wurden im Juli 50 bis 65 Prozent der durchschnittlichen Niederschlagsmenge erreicht. Dabei entsprechen 100 Prozent dem jeweiligen Monatsdurchschnitt der Jahre 1991 bis 2020 als Referenz. In Gstaad fiel weniger Regen als in Gsteig (siehe Karte von MeteoSchweiz).
In anderen Kantonen wurden Einschränkungen ausgesprochen. So sind beispielsweise in der Gemeinde Düdingen im Kanton Freiburg das Befüllen von Pools, das Bewässern von Rasenflächen und das private Autowaschen seit Anfang Juli verboten. Dort wurden im Juli nur 15 bis 35 Prozent des durchschnittlichen Monatsniederschlags gemessen.
Was geschieht bei Wasserknappheit?
Auch wenn die Wasserquellen derzeit im Saanenland nicht zu versiegen scheinen: Sollte es dennoch einmal zu einer Not- oder Mangellage kommen, greifen gemäss Philipp Becker die Konzepte der «Trinkwasserversorgung in schweren Mangellagen». Bei einer Wasserknappheit ist ein mehrstufiges Vorgehen vorgesehen.
In einem ersten Schritt würde die Bevölkerung dazu aufgerufen, den Wasserverbrauch möglichst zu reduzieren – etwa indem nur kurz geduscht statt gebadet, der Geschirrspüler nur voll beladen betrieben oder Wasser nicht unnötig laufen gelassen wird.
In einem zweiten Schritt würden die Empfehlungen verschärft. Dazu könnten etwa das Abschalten von Brunnen sowie der Verzicht auf private Autowäschen oder das Abspritzen von Plätzen und ähnlichen Flächen gehören.
Reichen diese Massnahmen nicht aus, könnten rechtlich verbindliche Vorschriften und Verbote folgen. «Denkbar wären etwa Verbote für Gartenbewässerungen, den Betrieb von Pools oder private Autowäschen», so Becker.
Mindestversorgung muss gewährleistet sein
Im Ernstfall müsse schliesslich die minimale Trinkwasserversorgung sichergestellt werden. Dazu gehört laut Becker eine Notversorgung. Falls erforderlich, könnten zudem Wasserabgabestellen eingerichtet werden, um die minimale Trinkwassermenge pro Person und Tag zu gewährleisten.
«Für Haushalte gilt dabei eine festgelegte Mindestmenge: Pro Person und Tag müssen mindestens vier Liter Trinkwasser zur Verfügung stehen. Ab dem sechsten Tag erhöht sich diese Mindestmenge auf 15 Liter pro Person und Tag», so der Abteilungsleiter für Infrastruktur der Gemeinde Saanen, und weiter: «Beim Gewerbe würde zwischen systemrelevanten und nicht systemrelevanten Betrieben unterschieden werden. In der Landwirtschaft habe die Tierhaltung gegenüber der Bewässerung klar Priorität. Für Spitäler, Pflegeheime sowie weitere Einrichtungen und Betriebe mit lebenswichtigen Aufgaben gelten entsprechend höhere beziehungsweise bedarfsgerechte Mindestmengen.»
Die Wasserversorgungsplanung im Kanton Bern
Bei den Gemeinden werden Massnahmen zur Sicherung der Trinkwasserversorgung umgesetzt. Diese stützen sich auf die langfristige Generelle Wasserversorgungsplanung (GWP) und gelten im Kanton Bern. «Dazu gehören beispielsweise die Sanierung von Quellen sowie Untersuchungen von Schutzzonen und Grundwasserflüssen», sagt Becker.
Auch beim Wasserverbrauch sieht Becker Möglichkeiten, das Bewusstsein weiter zu stärken: «Für einen sorgsamen Umgang mit Trinkwasser kann die Einführung von Wasserzählern hilfreich sein.»
«Das Saanenland ist nicht sehr stark von Gletscherschmelzwasser abhängig»
Trockene Sommer würden auch die Wasserversorgung in Bergregionen verändern, sagt ETH-Gletscherforscher Matthias Huss. Das Saanenland habe dabei grundsätzlich gute Voraussetzungen, sollte aber bereits heute einplanen, wie Wasser künftig gespeichert und verteilt werden kann.
JONATHAN SCHOPFER
Matthias Huss, ist das Glas halb leer oder halb voll – hinsichtlich der zukünftigen Wasserversorgung in der Schweiz?
Ich würde sagen: halb voll. Die Schweiz ist grundsätzlich kein trockenes Land. Es wird auch in Zukunft genügend Niederschläge geben. Aber es geht darum, das verfügbare Wasser optimal zu nutzen und zu verteilen, um sich für künftige Engpässe vorbereiten zu können.
Wie wird/muss sich die Wasserversorgung in der Schweiz in den kommenden Jahrzehnten durch den Klimawandel verändern?
In den letzten Jahrzehnten musste man sich in den meisten Teilen der Schweiz kaum grosse Gedanken machen: Es gab genug, und das jederzeit. In Zukunft werden Hitzewellen und Dürreperioden weiter zunehmen. Nicht überall wird es durchgehend genug Wasser geben. Das sahen wir diesen Sommer sehr eindrücklich auf den Wiesen und Feldern. Man muss also Mechanismen bereitstellen, das Wasser zu speichern und besser regional zu verteilen.
Wie könnte das aussehen? Wie können sich Gemeinden darauf vorbereiten?
Zuerst müssen die Bedürfnisse und Verbraucher abgeklärt werden. Anschliessend kann beurteilt werden, wie viel Wasser es braucht und wie es optimal verteilt werden kann. Vielleicht reicht das schon. Falls die Wassermenge zeitweise nicht ausreichend ist, müsste in die Speicher- und Verteilinfrastruktur investiert werden. Müssen wir Wasser zwischenzeitlich in künstlichen Seen speichern, wenn die Speicherfunktionen in den Bergregionen – Schnee, Gletscher, Grundwasser – nicht mehr wie bislang funktionieren?
Haben Bergregionen wie das Saanenland mit ihren Bergwasserquellen und ihrer Lage langfristig einen Vorteil gegenüber dem Mittelland, wenn es um die Wasserversorgung geht?
Grundsätzlich ja. Im Gebirge gibt es grundsätzlich mehr Niederschlag als im Flachland und Wasser wird in der Schneedecke gespeichert und fliesst mit Verzögerung ab.
Sie haben im Rahmen von Impact Gstaad eine Führung auf dem Glacier 3000 durchgeführt und sich mit der Region beschäftigt. Welche Rolle spielen Schnee und Gletscher für die Wasserversorgung?
Schnee und Eis sind zentral für den Abfluss aus Bergregionen. Der Niederschlag des Winters bleibt als Schnee mehrere Monate liegen. Gletscher speichern Wasser sogar über Jahrzehnte und Jahrhunderte. Das Schmelzen von Schnee und Gletschern ist günstig: Es liefert uns Wasser, wenn es heiss und trocken ist. Allerdings verschiebt sich die Schneeschmelze nach vorne mit dem Klimawandel und ab Juli findet man im Saanenland oft kaum mehr Schnee, der schmelzen kann. Gleichzeitig werden die wenigen Gletscher immer kleiner und werden innerhalb der nächsten 30 bis 40 Jahre verschwinden. Damit fällt auch ihr Beitrag zum Abfluss weg, der besonders im heissen, trockenen Spätsommer immer noch ein wichtiger Zustupf ist.
Müssen wir damit rechnen, dass Quellen in den Bergen künftig im Sommer weniger Wasser führen oder zeitweise versiegen?
Ich würde das nicht generell sagen. Aber es kann durchaus sein, dass die lang anhaltenden Trockenperioden, kombiniert mit immer grösserer Hitze, dazu führen, dass die Quellen häufiger fast trockenfallen. Grundsätzlich bringt uns der Klimawandel aber sogar eher mehr Niederschlag – aufsummiert über das Jahr. Aber die Verteilung wird ungünstiger.
Wenn die Gemeinden im Saanenland heute trotz eines trockenen Sommers noch volle Wasserreservoire haben: Wie aussagekräftig ist das für die Wasserversorgung in zwanzig oder dreissig Jahren?
Die Klimaszenarien deuten an, dass in zwanzig bis dreissig Jahren die Sommer noch extremer werden könnten, also heiss und trocken, auch wenn dies nicht jedes Jahr der Fall sein muss. Das Saanenland ist nicht sehr stark von Gletscherschmelzwasser abhängig – also einer Quelle, die mit dem Verschwinden des Eises wegfallen wird. Daher gehe ich nicht davon aus, dass die Veränderungen existenziell sein werden. Dennoch muss rechtzeitig mit der Planung begonnen werden, um für die Zukunft bereit zu sein.



